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Religionen

Vom Weg des Loslassens

01.01.2016
Die Radikalität der Nachfolge ist dem Weg des Buddhismus und des Christentums gemeinsam.

«Niemand von euch, die nicht allem, was sie haben, den Abschied geben, kann meine Jüngerin oder mein Jünger sein.» Lukas 14, 33, Bibel in gerechter Sprache (BigS)

Die Radikalität der Nachfolge ist dem Weg des Buddhismus und des Christentums gemeinsam. Es ist unter anderem diese, die mich vor einigen Jahren angezogen und dazu geführt hat, den Kontemplationsweg der «via integralis» zu gehen. Dieser Weg verbindet christliche Mystik mit der Meditationspraxis des Zen.

Neben vielem, das mir vom Buddhismus als Religion fremd ist und wohl auch bleiben wird, entdecke und erfahre ich immer neue Berührungspunkte und Entsprechungen.

Wenn ich «alles, was ich habe» gleichsetze mit meinem Ego, meinen Anhaftungen, meiner Gier, meinen Ängsten, meinen Konstruktionen und Täuschungen, kann ich dieses Bibelwort «buddhistisch» interpretieren. Denn Hand aufs Herz: die Wenigsten von uns verlassen tatsächlich wie Buddha und Jesus ihre angestammte Herkunftsfamilie und ziehen als Bettler umher.

Doch den inneren Weg des Loslassens all unserer Anhaftungen um des Reiches Gottes willen, den können wir alle gehen gemäss der Bitte: «dein Reich komme, dein Wille geschehe». Entscheidend ist die Absicht und die Hingabe, den Weg der Nachfolge zu gehen und dabei wie Jesus das Doppelgebot der Liebe zum Massstab zu nehmen.
Kann man «das Reich Gottes», das (auch) in uns ist, vergleichen mit dem buddhistischen Nirvana? Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Aber ich möchte es gleichsetzen mit dem Wahren Selbst, mit dem Kern in uns, der göttlich ist. Teresa von Avila beschreibt ihn als Kristall. Wenn ich eine Woche lang sitze, atme, schweige, dann spüre ich etwas von der Radikalität der Nachfolge Jesu. Dann wird klar, wo im Moment meine Anhaftungen sind, die mich hindern, eins zu sein im Urgrund meines Selbst. Dann wird mir auch klar, was Gnade heisst, wenn plötzlich eine Einheitserfahrung da ist, die ich nicht «machen» kann.

Und mir kommen christliche Koansätze in den Sinn, Widersprüche, die sich logisch und mit der Frage, was ist wahr, nicht auflösen lassen. Wenn Jesus auf der einen Seite in Mt 12,30 sagt: «Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich», und auf der andern Seite: «Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.» Mk 9, 40. Natürlich kann man das mit je andern Theologien der Evangelien erklären. Aber man kann diese beiden Sätze auch als Koan verstehen, ähnlich denen im Zen, die sich mit Vernunft nicht auflösen lassen, sondern nur in einer Einheitserfahrung, die tiefer reicht als unser Subjekt-Objekt-Denken.

Nachfolge Christi und Zen sind Wege, die begangen und erfahren sein wollen, Wege, die sich berühren, die Entschiedenheit und Hingabe fordern. Der «Gewinn», liebe Leserin, lieber Leser, ist das Reich Gottes. 

Text: Annette Spitzenberg, Spitalseelsorgerin in St.Gallen | Foto: as  – Kirchenbote SG, Juli/August 2015


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