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Religionen

Religion als Ressource für den Frieden?

01.01.2016
Religionen würden spätestens nach dem 11. September 2001 von der Öffentlichkeit als negative oder als Konflikte fördernde Faktoren wahrgenommen, sagte Detlef Lienau, Theologischer Studienleiter bei mission 21, bei der Einführung zur Fachtagung «Religionen als Ressource für den gesellschaftlichen Frieden». Die vom evangelischen Missionswerk mission 21 in Basel organisierte Tagung wolle auch das Friedenspotenzial von Religionen thematisieren, zumal die Partnerkirchen des Werkes zunehmend von religiösen Konflikten betroffen seien, so Lienau.

«Alle Religionen kennen das Phänomen religiös motivierter Gewalt», sagte Markus A. Weingardt, Friedens- und Konfliktforscher und Mitarbeiter der Stiftung Weltethos in Tübingen/Deutschland. Es sei deshalb wichtig, die Rolle von Religionen in Konflikten zu verstehen sowie die Konfliktmechanismen zu kennen. Konflikte könnten entstehen, wenn gleiche Interessen aufeinandertreffen würden – zwei wollen das gleiche Haus – oder wenn unterschiedliche Interessen aufeinanderstossen – ein Partner will in die Berge, der andere ans Meer in die Ferien.

 
Interessen- und Wertekonflikte

Bei Interessenkonflikten gebe es meist drei Lösungsansätze, so Weingardt: Der Stärkere setze sich durch, das eigene Recht werde eingeklagt oder es gebe eine Verständigung durch Ausgleich oder Kompromiss.
 
Schwieriger sei es bei Wertekonflikten, denn es gebe nicht die Menschenrechte für mich und etwas weniger Menschenrechte für die anderen. Bei Wertekonflikten seien drei Effekte feststellbar, führte der Konfliktforscher aus: (1) Für Wertekonflikte seien Menschen viel leichter zu mobilisieren. Gebe es bei einem Hausbau Konflikte, sei dies weit weniger problematisch, als wenn es sich um einen Moscheebau handle. (2) Menschen seien bei Wertekonflikten gewaltbereiter. Der Schritt von verbaler zu konkreter Gewalt sei oft klein. (3) Man sei bei Wertekonflikten auch opferbereiter, da es um Identität, um Existenz gehe.
 
Künstliche Wertekonflikte
Mächtige hätten entdeckt, dass, wenn es gelinge, Interessenkonflikte in Wertekonflikte zu transformieren, es viel einfacher sei, Beteiligung und
Engagement zu erreichen. Nebst den üblichen -ismen sei auch Religion ein oft genutzter Transformationsweg. Der Konflikt werde dabei mit den Kategorien «gut» und «böse» aufgeladen und befeuert. Gewalt werde als legitim dargestellt und die Opferbereitschaft nehme zu: Selbstmord­attentat. Religiös aufgeladene Konflikte seien gewalttätiger, dauerten länger und es bestehe weniger Kompromissbereitschaft, so Weingardt.
 
Friedensfördernde Initiativen

Der 15 Jahre dauernde Bürgerkrieg in Mosambik sei nach riesigen Opferzahlen 1992 durch das Friedensabkommen von Rom beendet worden.
Es sei vorwiegend vom römisch-katholischen Bischof Jaime Pedro Gonçalves, Erzbischof von Beira, vermittelt worden. Dass er keine zeitlichen, inhaltlichen noch militärischen Druckmittel an­gewendet habe, hätte es den Konfliktparteien erlaubt, nach und nach Vertrauen aufzubauen, erläuterte der Friedensforscher.
 
Beim Völkermord in Ruanda hätten sich die Muslime nicht beteiligt. Sie hätten durchschaut, wohin die Propaganda führe, und deshalb in ihren Schulen die Schüler gegen die Hasspropa­ganda immunisiert und im Konflikt Flüchtlinge aufgenommen und versteckt.
Auf den Philippinen sei Diktator Marcos 1986 massgeblich durch den gewaltlosen Widerstand der römisch-katholischen Basisgemeinden
gestürzt worden, weshalb man auch von der Rosenkranzrevolution spreche.

Nach der Vertreibung von Pol Pot und der Roten Khmer in Kambodscha, durch den Einmarsch der Vietnamesen, sei die vierjährige Schreckensherrschaft beendet gewesen. Anschliessend habe der buddhistische Mönch Maha Ghosananda in Flüchtlingslagern die Versöhnungsarbeit begonnen, Tempel und Klöster im Land aufgebaut, wo Menschen soziale Hilfe bekommen hätten und Familien wieder zusammenfinden konnten.
 
Religiöse Konfliktvermittlung
Drei Merkmale zeichneten laut Weingardt erfolgreiche religiöse Vermittler aus: Sach- und Fachkompetenz bezüglich der Konflikte, Glaubwürdigkeit in Wort und Tat sowie Nähe zum Konflikt.

Religiöse Vermittler profitierten von einem Vertrauensvorschuss, der ihnen Freiräume gebe, weil sie als ehrliche ungefährliche Makler wahrgenommen würden. Diese Friedenspotenziale der Religionen müssten erkannt, entwickelt und in Konflikten eingebracht werden, forderte der Friedens- und Konfliktforscher.
 
Nebst Weingardt referierte Amira Hafner-Al Jabaji zum Thema «Muslime in der Schweiz oder Schweizer Muslime?»; Jörg Stolz sprach zur Frage: «Fördert Religion die Integration der Gesellschaft?» und Genia Findeisen berichtete über «Die Rolle der Religionen in Indonesien».


Text: mission 21 / APD | Foto: as  – Kirchenbote SG, Mai 2015


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