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Leben & Glauben

«Hier stehe ich!»

01.01.2016
Im März 2014 hat Martin Schmidt von Dölf Weder das Kirchenratspräsidium übernommen. Der Kirchenbote befragte ihn zu seiner kirchlichen Beheimatung und seinen ersten Erfahrungen im Leitungsamt der Kantonalkirche.

Nicht weit von der Schweizer Grenze, dort, wo heute viele Schweizer einkaufen, in Konstanz, ist Martin Schmidt aufgewachsen. Konstanz war aber stets mehr als ein Einkaufsparadies. Bis ins 19. Jh. war der Bischof von Konstanz auch für die heutige Ostschweiz zuständig. Konstanz war früh eine Universitätsstadt und kennt seit der Reformation einen weltoffenen Protestantismus.

Liberale Prägung
Hier hat der St.Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt zusammen mit zwei Geschwistern seine Jugend verbracht – in einem gut bürgerlichen, liberalen Elternhaus, in dem keine Ideologien geduldet waren. Jede Sache musste erforscht, bewiesen und hinterfragt werden. Erzogen wurde nicht mit Druck, sondern mit Argumenten, mit Überzeugungsarbeit – ein Erbe reformierter Tradition. «In Wissen und in Worten liegt Kraft» habe der Vater nicht nur gesagt, sondern auch vorgelebt, sagt Schmidt. Vater und Mutter unterrichteten Latein – so war auch für Sohn Martin eine A-Matura mit Latein und Griechisch naheliegend.

Seinen Wunsch, Pfarrer zu werden, führt Martin Schmidt auf die guten Erfahrungen mit seiner Landeskirche zurück, konkret auf die liberale Vorortsgemeinde, in der er aufgewachsen ist. Die Mutter gab Sonntagschule, der Vater war Presbyter (Kirchenvorsteher) und er selber habe seine Samstagabende in der Jugendgruppe verbracht. Die Gruppe, die sich auch wieder zum sonntäglichen Gottesdienst mit modernem Liedgut traf, spielte eine zentrale Rolle. «Ich bin ein Gruppenmensch, mag es, unter Menschen zu sein.» So fühlte er sich an den Deutschen Kirchentagen in seinem Element, zu denen ihr Pfarrer mit seiner Jugendgruppe regelmässig hinfuhr. Hier erlebte er «Wirgefühl», eine starke junge Kirche, in der über alles gesprochen wurde und die etwas Pionierhaftes hatte. Es war die Zeit, in der die Kirche zu Osterfriedensmärschen einlud, um gegen Aufrüstung oder AKWs zu demonstrieren. Die Eltern fuhren mit den Kindern hin. Das war etwas Selbstverständliches – nach Luthers Motto: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders.» Seine Eltern hätten als Lehre aus dem Dritten Reich mitgenommen, dass man kein Fähnchen im Wind sein dürfe. Es galt, sich zu engagieren, in einer Partei mitzumachen, zu wählen. «Ich erlebte dieses ­Engagement der Eltern klar mit christlichen ­Werten verbunden», sagt Schmidt. Und er findet es auch heute wichtig, dass Kirchen nicht nur
mit sich selber beschäftigt sind.

Etwas zurückgeben

Nach seinem Zivildienst in einem Jugendheim hat Martin Schmidt in Tübingen, Basel und Heidelberg Theologie studiert. In Basel lernte er seine jetzige Frau kennen, mit der er während zwölf Jahren in Sevelen wirkte: er zu 100 Prozent, sie zu 50 Prozent, denn in dieser Zeit kamen die drei Kinder zur Welt. Es folgten sieben Jahre Pfarramt in Berneck und fast fünf Jahre als Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Rorschach. 

Stets übernahm Martin Schmidt Verantwortung: in der Kirche als Präsident seines Pfarrkapitels, als Dekan und ab 2002 als Kirchenrat mit dem Resort Religionsunterricht. In seiner Wohngemeinde Haag ist er im Männerchor und im Schulrat.
Vieles wurde ihm ermöglicht, sagt Martin Schmidt. Dafür sei er sehr dankbar. Ein Freund habe ihm einmal im Hinblick auf das bisherige Leben gesagt, er sei ein «Gesegneter des Herrn».
Seine Wahl zum Kirchenratspräsidenten sieht er als Chance, aufgrund all seiner reichen Erfah­rungen an seine Kirche etwas zurückzugeben. 

«Ohne Fundament keine Haltung»

KIBO: Im Wahlkampf um das Kirchenratspräsidium haben Sie gesagt, dass unsere Kirche sich vermehrt wieder in gesellschaftliche Fragen einmischen soll. 
Martin Schmidt: Ich bin in den 80er-Jahren mit einer Kirche aufgewachsen, in welcher dieses Wächteramt gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeübt wurde. Als Landeskirche sind wir dem Staat gegenüber privilegiert, ihm gegenüber aber auch verpflichtet. Wir sind präsent in Schulen, Heimen, Gefängnissen, Spitälern oder Ethikkommissionen. Der Staat hat uns eingebunden, da er unserem Standpunkt Platz geben will. Das sollten wir ernst nehmen.

Worin besteht denn der eigene Standpunkt, der für die Gesellschaft relevant ist? 
Einen festen Standpunkt zu haben, ist wichtig, denn ohne festen Grund haben wir nur eine wacklige Existenz, keine Stabilität im Auftreten und Argumentieren. Die Verfassung unserer Kantonalkirche sieht den Auftrag der Kirche klar, nämlich «Jesus Christus als das Haupt der Kirche und den Herrn der Welt zu verkündigen und durch ihr dienendes Handeln das angebrochene Reich Gottes zu bezeugen». Da geht es nicht nur um das Wohl der Seele oder der Kirche, sondern  auch der Welt. Dazu sind im allgemeinen Priestertum alle Mitglieder der Kirche berufen.

Aber ist diese Aufgabe den Leuten bewusst? 

Es ging in unserer Kirche zu lange um Lehrsätze, auch um eine einseitige Fokussierung auf Sündenbefreiung. Da könnten wir von Jesus lernen. Er hat den Leuten nichts aufgeschwatzt, sondern ihnen existenzielle Fragen gestellt, sie selber antworten lassen auf die Herausforderungen im Leben. Und er hat mit lebensnahen Gleichnissen und Geschichten geantwortet. 

Was heisst das für die christliche Botschaft?
Ich sage öfters mal: Es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Unser Grundgebot heisst ja, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das Selbst sollten wir nicht vernachlässigen. Sind wir mit uns im Reinen, dankbar und erfüllt, ist auch die Zuwendung zum Nächsten echt. Mir geht es um eine gesunde Balance zwischen den drei Dimensionen des Selbst, des Nächsten und Gott. Gott will in all unserem Handeln gegenwärtig sein, er ist wie der Atem, von dem wir unbemerkt leben. 

Was ist die Aufgabe der Kirchgemeinden? 

Unsere Kirchenordnung nennt drei wesentliche Aufgaben. Wir sind eine feiernde, eine lernende und eine dienende Kirche. Im Leitungsamt und in den zentralen Dienststellen der Kantonalkirche schauen wir dafür, dass unsere Kirche für diese Aufgaben gute Rahmenbedingungen hat. Wir geben Hilfestellungen und Anregungen für zeitgemässe Gottesdienste, schauen dafür, dass Lehrkräfte für den Religionsunterricht ausgebildet werden, wir koordinieren die Erwachsenenbildung, etwa für das kommende Reformationsjubiläum, und fördern die Diakonie, aktuell mit einer neuen Stelle für Palliative Care. 


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