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Leben & Glauben, Gesellschaft, Kultur

Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster

01.02.2015
Was für ein lustiger Zufall. Da leben wir in einer aufgeklärten Welt und der Aberglaube feiert fröhliche Urständ. Doch es gibt Anzeichen, dass genau das kein Zufall ist.

Karl Lagerfeld besteigt kein Flugzeug ohne sein Kopfkissen. Jennifer Aniston betritt es immer ­zuerst mit dem rechten Fuss. Und Florian Silber­eisen bekennt sich zu seiner roten Glücksunterhose, die er bei jeder Sendung trägt, auch anfangs Januar. Die Hitliste eines Boulevardmagazins liesse sich mühelos verlängern. Mit der Zahl 13, mit schwarzen Katzen, Leitern oder Kaminfegern – nichts ist zu unschuldig, um als Garant fürs Glück oder als Bürge des Unglücks zu fungieren. Manchmal sogar beides gleichzeitig. 

Teuer bezahlter Nonsens

Noch weniger Ratio erwartet einen beim Hohenpriester des Aberglaubens, dem 50-jährigen Michel Wehner aus Basel, alias Mike Shiva. Unter seinem Liebesblick sollen Karten oder Sterne die Zukunft zeigen. Dafür kassiert er 270 Franken pro Stunde, pro Anrufer, auf bis zu 50 parallelen Linien. Für den Kassensturz schlicht «teuer ­bezahlter Nonsens».
Doch Aberglauben gabs immer. Bibelfeste mögen sich erinnern, dass der alte Saul sein Charisma verlor, als er die Totenbeschwörerin aufsuchte, statt seinen Mann zu stehen. Die Herren von Philippi büssten ihre wichtigste Einnahmequelle ein, als sich eine ihrer Wahrsagemägde zum Christentum bekehrte und fortan ordentlichem Broterwerb nachging.


Unterhaltsam liest sich auch Jesaja 44. Verzweifelt versucht der Prophet zu zeigen, wie nutzlos doch Götzenbilder sein müssen. «Seht, was ihr tut, ihr nehmt euch ein Holz, werft einen Teil ins Feuer und sagt ‹O, wie ist mir warm›, und aus dem Rest schnitzt ihr einen Gott, kniet vor ihm nieder und betet ‹rette mich›.» Allein, die schiere Logik nützte nichts, den Adressaten schien das Groteske plausibel. Ratlos hält der Prophet fest: «Ihr merkt nicht, dass ihr vor einem Holzklotz sitzt!»
Der Poet der europäischen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, stimmt nahtlos in sein Klagelied mit ein. «Der Aberglaub, in dem wir aufgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns.» Wenn es also etwas so Zählebiges wie den Aberglauben immer noch gibt, muss das einen starken Grund haben. Dieser Grund muss kräftiger sein als rationale Anstrengungen. Er liegt dort, wo wirklich Kraft herrscht: in der menschlichen Psyche.

Unsinn, der erleichtert

Die ist, kurz gesagt, von der Komplexität unserer Welt derart überfordert, dass sie gelernt hat, sie zu reduzieren. An sich ein äusserst erfolgreiches Konzept. Denn es verhilft dazu, die Welt berechenbarer zu machen, überschaubarer. Es verhilft auch dazu, in zusammenhanglosen Strukturen innere Muster zu erkennen, ihnen einen Sinn zu verleihen. Und es hilft, nicht verrückt zu werden in der Informationsüberflutung, die ohne diesen Filter drohte.

Angstfrei leben

So gesehen, hätte der Aberglaube einen Nutzen, wenn auch einen etwas magischen, weil es ja in Wahrheit keinen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Handlung und der Zukunft gibt. Doch selbst wenn, das wiegt seinen grossen Nachteil nicht auf. Denn Aberglaube wächst auf dem Nährboden der Angst. Die Angst um das Schicksal speist ihn. Angst aber engt die Psyche ein und blockiert die freie Entwicklung der Persönlichkeit.
Sie hindert das Wagnis, frei zu leben. Ganz im Gegensatz zum christlichen Glauben. Der hört: «Fürchte Dich nicht.» Das ermuntert, furchtlos zu sein, sein Schicksal unerschrocken aus Gottes Hand zu nehmen. Es motiviert zum Aufbruch ins unbekannte Land, weil einer da ist, der trägt.


«Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub’ ins Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster.» Das Wort des deutschen Lyrikers Emanuel Geibel weist auf das Dilemma unserer Zeit. Sie hat ihre metaphysischen Anstrengungen weithin eingestellt, zugunsten kurzatmiger materieller Zugewinne. Und staunt nun über die Gespenster, die hinterrücks eindringen. Denn entstanden ist ein Vakuum, das moderner Aberglaube nur allzu gerne füllt.
Etwa die Saga von der «Unsichtbaren Hand», die die Märkte dieser Welt auf das Wohlste ordnet, als gäbe es keine Krisen. Oder die magische Beschwörung, jeder sei seines Glückes Schmied, als gäbe es keine Opfer, die gerne dran schmieden würden, wenn sie nur könnten. Oder die Schimäre vom sicheren Gold. Schätze im Himmel zu sammeln, könnte wichtiger sein, fand der
Rabbi aus Nazareth. Man muss recht furchtlos sein, um das heute noch zu behaupten.

Spender des Glücks

Christlicher Glaube unterscheidet sich vom ­Aberglauben, weil er sich nicht aus Angst speist und durch die Vordertür des Verstandes eintritt. Zwar belegt er seine Behauptungen nicht mit den Schlüssen naturwissenschaftlicher Methoden. Aber er bemüht sich um vernunftgerechte Argumentation und wehrt so dem grassierenden Unverstand, wie der Tübinger Rechtssoziologe Erich Fechner festhält: «Gibt man die gedanklich disziplinierte metaphysische Bemühung auf, verfällt die Gesellschaft zum Aberglauben.» Deshalb gehört die akademisch reflektierte Theologie auf den Marktplatz des gesellschaftlichen Diskurses.
Es geht dem christlichen Glauben nie um eigene Pfründe. Es geht ihm um die Sinnfrage. Und es geht ihm darum, dass man sie intellektuell redlich und existenziell furchtlos diskutieren lernt. Damit man nicht jenen Gespenstern aufsitzt, die schaudernd mit dem Verlust des Glücks drohen, sollte man es wagen, dieses Glück nicht vom Mammon zu erwarten. Wer droht, dass nur im allzeit-konsumierenden Modus wahres Leben spürbar sei, folgt einer zeitgenössischen Form des Aberglaubens. Es ist Zeit, sie zu entzaubern. Weil Menschen ein Recht haben, angstfrei zu leben.

Text: Reinhold Meier, Wangs, Spitalseelsorger in Pfäfers | Foto: Jürg Steinmann


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