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Kultur

Reformatoren aus dem Keller befreit

Sechs Gemälde aus der Reformationszeit schlummerten dreizehn Jahre im Keller des baugeschichtlichen Archivs in Zürich. Nun sind die wichtigen Zeugen der Reformation in der Zentralbibliothek zu sehen.

«Das war wie Weihnachten», sagt Jochen Hesse, Leiter der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich über die sechs Wandbilder, die sie geschenkt bekam. Hesse hatte die sechs Doppelporträts aus der Reformationszeit 2013 zufällig bei einem Besuch im baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich entdeckt. Sie lagerten dort seit ihrer Restaurierung vor dreizehn Jahren.
«Ich war neugierig und fragte nach Herkunft und Besitzer», erzählt er. So erfuhr er, dass die Bilder aus dem Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer stammten, der durch den Druck von Werken der Reformatoren ein wichtiger Förderer der Reformation in Zürich wurde. Als Eigentümerin der Liegenschaft an der Froschaugasse waren inzwischen die Schaeppi Liegenschaften Besitzer der Bilder.


Perfekte Sammlungsergänzung
«Sie schmückten bis 1964 einen Flur im ersten Stock des Hauses ‹Zur Froschau› in der Zürcher Altstadt», weiss Hesse mittlerweile. Er wandte sich damals an die Schaeppi Liegenschaften und schlug vor, die Bilder der Graphischen Sammlung zu schenken. «Ich wusste, sie würden unsere Sammlung perfekt ergänzen», sagt Hesse rückblickend. Die Graphische Sammlung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Porträts aller Vorsteher der Zürcher Kirche bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. «Die sechs Doppelporträts zeigen nicht nur die Antistes, sondern auch Personen, welche die reformatorische Sache unterstützten.»
So sind neben den ersten drei Vorstehern Huldrych Zwingli, Heinrich Bullinger und Rudolf Gwalther auch Johannes Oekolampad, Konrad Pelikan, Leo Jud, Joachim von Watt (Vadian), Simon Grynäus, Pietro Martire Vermigli und Theodor Bibliander porträtiert. Erasmus von Rotterdam und Philipp Melanchthon zeigen schliesslich Froschauers Beziehungen über die Landesgrenzen hinweg. Die Bilder sollen um 1575 entstanden sein. Abraham Gessner oder Hans Heinrich Wägmann könnten ihre Schöpfer sein, vermutet die jüngere Forschung.


Zwinglis verlorenes Gesicht
1964/65 wurden die Gemälde von der Wand abgelöst, weil das Haus an der Froschaugasse ausgekernt worden ist. Das Herausnehmen aus der Wand sei ein heikles Unterfangen, sagt Hesse. «Solche Bilder werden nur im Notfall entfernt». Das Risiko, dass Substanz verloren gehe, sei gross. «Ein Doppelporträt ging tatsächlich auch kaputt damals», berichtet Hesse. Und zwei Bildnisse seien zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr vorhanden gewesen.
Dass beispielsweise von Zwingli das Gesicht kaum noch zu erkennen sei, zeige, dass die Gemälde bereits damals teilweise in desolatem Zustand gewesen seien. Trotzdem wurden sie erst fast vierzig Jahre später restauriert. Dabei habe man die ca. 60 x 90 cm grossen Bilder auf einem Träger fixiert, der jeweils geeignet war, drei auf Gips, zwei auf Sperrholz und eines auf Leinwand. Danach wanderten sie ins baugeschichtliche Archiv, wo Hesse sie entdeckte.


Im Lesesaal betrachten
Kurz vor Weihnachten durfte er die Bilder endlich in Empfang nehmen. Als «einmalig und nicht alltäglich» bezeichnet er die Schenkung und freut sich, dass die Bilder nun der Öffentlichkeit zugänglich sind. Er kann sich gut vorstellen, dass das Interesse an den Porträts auf das Reformationsjubiläum hin zunehmen wird.
Zwar sind die Bilder normalerweise auch in der Graphischen Sammlung in der Bilderkammer magaziniert und nicht ausgestellt. Noch bis am 27. Februar sind jedoch zwei Porträts in der sogenannten Schatzkammer der Zentralbibliothek, in der benachbarten Predigerkirche, ausgestellt. Man kann sich alle Bilder aber auch jederzeit zur Ansicht in den Lesesaal bestellen.

Raphael Kummer / ref.ch / 23. Februar 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Website der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich

http://www.zb.uzh.ch/spezialsammlungen/graphische-sammlung/index.html.de


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