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Leben & Glauben

«Bei uns bricht der Tod ins Leben herein»

Plötzlich ist der Tod da, und den Menschen verschlägts die Sprache. Notfallseelsorgende versuchen dann, diese Sprache zurückzugeben. Roger Müller, Leiter der Zürcher Notfallseelsorge, erläutert, warum es eine bessere Notfallseelsorge-Koordination braucht und wie er sich vor traumatisierenden Bildern schützt.

Notfallseelsorge wurde vom Mauerblümchen zum «need to have». Stimmen Sie zu?
Roger Müller: Dem «need to have» stimme ich absolut zu. Die Notfallseelsorge ist heute Selbstverständlichkeit und Grundbestandteil der Gesundheitsversorgung. Es braucht sie. Das sieht man auch bei den Einsatzzahlen, die von Jahr zu Jahr steigen.


Hat die Notfallseelsorge in den letzten Jahren an Ansehen gewonnen?
Ja. Heute ist den Blaulichtorganisationen, aber auch Notfallpsychologen und –psychiatern klar: Notfallseelsorgende sind verlässliche Partner. Sie kommen nicht einfach an einen Unfallort und missionieren dort, sondern leisten wichtige Arbeit, bei der Religion eine Ressource sein kann.


Und vorher war die Notfallseelsorge eher ein Mauerblümchen?
Nein, so kann man es auch nicht sagen. Früher gehörte die Notfallseelsorge einfach zum Gemeindepfarramt. Die Kantonspolizei rief direkt beim Pfarramt an. Wegen der heutigen Mobilität und weil Pfarrpersonen nicht mehr ständig erreichbar sind, wurde die Notfallseelsorge professionalisiert. Im Kanton Zürich haben wir ein Pikett-System. Für die Polizei, aber auch für Rettungsdienste und Feuerwehren ist damit gewährleistet, dass sie immer einen Seelsorger erreicht und nicht noch lange herumtelefonieren muss.


Bleibt ein Seelsorger und geht nicht um 17 Uhr nach Hause wie vielleicht andere Berufsgruppen?
Notfallpsychologen bleiben auch, dies zu ihrer Ehrenrettung. Aber sonst besteht hier tatsächlich ein Unterschied. Bei einem Einsatz in einem kantonalen Betrieb ist es vorgekommen, dass Seelsorger, Polizei und Angehörige um 17 Uhr hinausgeworfen wurden. Im Care-Bereich ist es tatsächlich ein 24-Stunden-Betrieb, man bleibt so lange wie notwendig.

 
Was ist der Unterschied zwischen einer Notfallseelsorgerin und einer Notfallpsychologin?
Notfallpsychologen kommen eher später zum Zug. Zuerst kommt ein Care-Giver, der einfach da ist und stabilisiert.


Was kann schief laufen, wenn keine Seelsorgerin dabei ist?
Wenn eine Seelsorgerin rechtzeitig da ist, ist auch spirituelle und rituelle Kompetenz da. Dann werden wichtige Weichen gestellt. Ich war an Einsätzen, da fehlten den jungen Polizisten die Worte, und der Staatsanwalt redete über die Inneneinrichtung des Zimmers. Man kann sich in solchen Situationen total falsch benehmen und alles noch schlimmer machen. Als Betroffener ist man in der ersten Phase hypersensibel. Man nimmt alles sehr intensiv wahr, mit den Augen, Ohren, der Haut. Jedes Wort muss auf die Goldwaage gelegt werden. Dafür sind die Seelsorgerinnen geschult.  


Wie kann man im ersten Moment den Betroffenen helfen?
Man kann die Leute vom Geschehen wegnehmen, in ein anderes Zimmer gehen, weg von einem Toten, oder den Unfallort verlassen, vielleicht nur 20, 30 Meter. Sie sollen die Sprache wiederfinden und die fünf Ws erzählen: wer, was, wie, wo, wann?


Wie im Journalismus.
Ja, aber das sechste W – warum? – lässt man in der ersten Phase weg. Erst später kann man sich dieser Frage annähern. Hinter Warum-Fragen stecken Werte und oft auch Schuldgefühle, man habe zum Beispiel die Verantwortung nicht wahrgenommen. Das kann jemanden richtig herunterreissen.


Braucht es von Anfang an einen Theologen?
In der ersten halben Stunde nicht, da ist einfach der Mensch gefragt. Aber die Theologen können die ganze Bandbreite abdecken, sind Care-Giver, Notfallpsychologen und «reguläre» Seelsorger. Im Idealfall kann die gleiche Person alles machen. Das ist eine Erleichterung für alle. Denn gerade in den ersten Minuten wird eine tragende Beziehung aufgebaut. Es ist nicht gut, wenn die Personen immer wieder wechseln.


Wie schützen Sie sich vor traumatisierenden Bildern?
Man muss einen Filter vorschalten können, sonst hält man das schlecht aus. An die erste entstellte Leiche erinnert man sich übrigens ein Leben lang. Nachher arbeitet der Filter, und man hat einen anderen Umgang. Wir sagen unseren Leuten auch: Ihr müsst den Leichnam nicht anschauen, wenn es nicht nötig ist. Manchmal ist es aber besser, etwas zu sehen, weil die Fantasien noch schlimmer sind.  


Aber die Angehörigen müssen den Leichnam ja auch sehen.
Nicht unbedingt. Früher mutete man den Angehörigen tatsächlich zu, einen Kopfschuss sehen zu müssen. Heute ist man sensibler. Der Bestatter richtet die Leiche her, und zur Identifizierung reicht es auch, einen Arm zu sehen.


Haben Personen auch schon ablehnend auf den Notfallseelsorger reagiert?
Ja. Dann sagen wir: Schauen Sie, ich bleibe jetzt noch und komme in einer halben Stunde wieder. In vielen Fällen werden die Seelsorger dann nicht mehr zurückgewiesen. Aber in der Regel fragen die Blaulichtorganisationen vorher, ob ein Care-Team kommen soll.


Spielt die Religion der Betroffenen eine Rolle?
Nein, in der ersten Phase überhaupt nicht. Die Landeskirchen leisten hier einen Beitrag, der nicht an eine Religion gekoppelt ist.


Gibt es Leute, die besser keine Notfallseelsorge machen?
Ja, aber das stellen wir fest, bevor sie jemals bei einem Ereignis auftauchen. Bei Interessenten klären wir die Eignung zu Beginn ab. Erst danach schicken wir sie in die Ausbildung. Und auch dort kann es vorkommen, dass die Leute sagen: Das ist nichts für mich. Ungeeignet sind übrigens auch Evangelikale.


Warum?
Weil Mission in der Notfallseelsorge nichts verloren hat.


Bieten auch andere Organisationen Notfallseelsorge an?
Ja, zum Beispiel die Firma Care-Link, die aus dem Grounding der Swissair hervorgegangen ist. Sie wird vor allem nach Raubüberfällen oder bei Einsätzen für Vertragspartner eingesetzt. Die grossen Unternehmen können zudem auf ein eigenes Netz zurückgreifen.


Könnte der Kanton nicht alles mit einem einzigen Care-Team abwickeln?
Natürlich wäre das möglich. Aber der Regierungsrat hat gesagt, es sei zu teuer. Vielleicht muss zuerst etwas passieren.


Wie meinen Sie das?
In Zug fand 2001 das Attentat im Parlament statt, danach entstand ein Care-Team. Im Kanton Bern gab es das Unglück im Saxetbach, danach gab es ebenfalls ein Care-Team. Zürich blieb bis jetzt verschont vor grösseren Ereignissen. Die personellen Ressourcen für ein zentral geführtes Care-Team wären aber vorhanden. Momentan ist die Leitung bei der Kantonspolizei. Eigentlich gibt der Bund im Bevölkerungsschutzgesetz vor, wie die Notfallbetreuung funktionieren soll. Die Kantone sind aber ganz unterschiedlich organisiert, hier hat es Luft nach oben. Heute ist gute Care-Arbeit nicht überall erhältlich.


Wo nicht?
Basel-Stadt und das Wallis haben nichts Offizielles. Es braucht aber auch überkantonale Koordination. Ein Ereignis in einem Kanton kann Auswirkungen haben auf einen anderen.


Zum Beispiel?
Ein Bergsteiger verunglückt tödlich im Bündnerland, ein Teil der Angehörigen lebt im Kanton Zürich. Die Menschen sind heute so mobil, arbeiten in diesem Kanton, wohnen in einem anderen. Es braucht eine bessere Vernetzung bei der Notfallseelsorge.


Kürzlich stiessen im deutschen Bad Aiblingen zwei Züge frontal zusammen. Was würde bei einem analogen Unfall im Kanton Zürich bei der Notfallseelsorge geschehen?
Bei Zugsunfällen ist SBB Care zuständig, aber in erster Linie für ihre Angestellten und deren Angehörige. Wir bekämen sicher einen Anruf von der Kantonspolizei, weil hier viele Menschen Seelsorge nötig hätten: Angehörige, Mitreisende und Augenzeugen. Ich müsste dann abschätzen, welche und wie viele Leute es braucht, und die Einsätze planen.


Wofür wird das kirchliche Care-Team sonst hauptsächlich eingesetzt?
Meistens für Ereignisse im Alltag, also aussergewöhnliche Todesfälle, bei Verkehrsunfällen, bei Suiziden, aber auch für Begleitungen ins Institut für Rechtsmedizin.


Die Kirche ist auch hier die Spezialistin für den Tod.
Ja. Der Tod ist ja in unserer Gesellschaft weitgehend ausgegrenzt worden. Plötzlich ist er da, den Menschen verschlägts die Sprache und sie sind komplett überfordert. Die Notfallseelsorger leisten hier wichtige Übersetzerarbeit. Übrigens gibt es eine ähnliche Entwicklung in der Palliativmedizin. Auch dort wird im Sterben seit einiger Zeit bewusst Care-Arbeit eingebunden.


Notfallseelsorge ist zugespitzte Palliative Care?
(denkt nach) Ein interessanter Gedanke. Bei Palliative Care ist aber der erwartbare Prozess des Sterbens im Zentrum. Bei uns bricht der Tod ins Leben herein. Aber bei beidem geht es um Spiritualität und Care angesichts des Todes.

Matthias Böhni / ref.ch / 24. Februar 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Website der Zürcher Notfallseelsorge: http://www.nfszh.ch/

Roger Müller

Roger Müller (47) ist Leiter der Notfallseelsorge des Kantons Zürich. Der reformierte Pfarrer ist zudem Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz. Die Kantonalzürcher Notfallseelsorge wird von der reformierten und katholischen Kirche getragen und vom Kanton mitfinanziert. Zugelassen sind reformierterseits Pfarrpersonen, katholischerseits Seelsorgende mit einer Missio.


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