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Spiritualität

Ursehnsucht Paradies

01.04.2016
Der Garten Eden war von Anfang an ein Lebensraum, kein Schlaraffenland.

«Dann pflanzte der HERR, Gott, einen Garten in Eden im Osten, und dort hinein setzte er den Menschen, den er gebildet hatte. Und der HERR, Gott, liess aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.»    
1. Mose 2, 8–9

Die Kulturgeschichte der Menschheit begann nach biblischer Vorstellung in einem ganz besonderen Garten. Dieser Garten, von dem im älteren Schöpfungsbericht die Rede ist, wird in der griechischen Übersetzung mit Paradies wiedergegeben. Das altiranische Lehnwort meint einen umzäunten Lebensraum, der Frieden sichert. Der Garten Eden ist kein Zaubergarten und kein Schlaraffenland, sondern war von Anfang an der Lebensraum und die Lebensgrundlage für den Menschen. 

Dieser Garten hat – wie viele mythologische Erzählungen über den Anfang – eine eigene Geographie. In ihm entspringt das Leben, das sich in vier Flüssen entfaltet. Die Mitte, wie eine Welt­achse Himmel und Erde verbindend, bilden zwei Bäume, deren Wurzeln tief in die Erde reichen und deren Krone den Himmel berühren. Vom Baum des Lebens darf der Mensch essen, nicht aber vom Baum der Erkenntnis. 

Der Auftrag ist klar, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren. Im Kultivieren des Gartens findet der Mensch seine Bestimmung. Eigentlich ist das Erste, was der Mensch überhaupt machen darf, Gartenarbeit. Von mühsamer Gartenarbeit ist hier aber noch nicht die Rede. Dornen und Disteln gibt es nicht. Wahrscheinlich auch keine Nacktschnecken, die im letzten Jahr unseren Salat für sich allein beansprucht haben. Sicher gab es auch keine wilden Brombeeren, die alles von uns mühevoll Kultivierte überwuchern. 

Die Arbeit macht sich im Garten Eden nicht von selbst. Gott bringt Adam grosses Vertrauen entgegen. Er darf in dem Garten, den er nicht selbst zu verantworten hat, Verantwortung tragen. Aber allein Verantwortung zu tragen ist so eine Sache. In unserer Erzählung bekommt Adam in Eva ein Gegenüber. Erst in einem menschlichen Gegenüber findet der Mensch zu seinem Wesen. Adam und Eva dürfen in dem schönen Garten leben, aber sie können dort nicht bleiben. 

Wir erfahren auf den ersten Seiten der Bibel, dass der Mensch sehr schnell seine Mitte verloren hat – weil er sich das Unverfügbare zu eigen machen wollte. Es bleibt Adam und Eva und allen folgenden Generationen nur die Erinnerung an den Garten Eden. 

In der Bibel ist vom Garten nur an wenigen Stellen die Rede. Aber ganz am Ende, im Buch der Johannesoffenbarung, taucht er wieder auf. «Wer den Sieg erringt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.» Die Menschen tragen seitdem diese Erinnerung in sich und hoffen, dass es diesen friedenssichernden Lebensraum wieder geben wird.

So leben wir zwischen dem «Nicht mehr» und «Noch nicht». Ich werde auch in diesem Jahr wieder Blumen pflanzen und den Kampf gegen die Nacktschnecken aufnehmen und mich freuen an den Farben und dem Duft des Frühlings. Und immer wieder werde ich auch die Augen schliessen und über den Zaun schauen, der den Garten Eden umgibt. 

 

Text: Jeremias Treu, Pfarrer in Kirchberg | Bild: Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte von 1240, Kloster Ebstorf  – Kirchenbote SG, April 2016

 


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