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Gesellschaft

Der Rausch als Inspiration oder Flucht

Rausch, Vision und Ekstase spielen auch heute eine grosse Rolle – weniger im religiösen Kontext als viel mehr in der Freizeit zur Bewältigung des wenig berauschenden Alltags.

Kirchenbote: Rausch, Verzückung, Ekstase – wie grenzen Sie diese Zustände voneinander ab?

Theodor Itten: Einen Rausch haben bedeutet, sich ausserhalb des alltäglichen, für die Meisterung des üblichen Lebensablaufes notwendigen Bewusstseins aufhalten. Ein Rausch wird durch die Einnahme einer Substanz mit dieser Wirkung herbeigeführt. Verzückung und Ekstase können hingegen mit inneren Bewegungs­fähigkeiten erreicht werden. Etwa über einen rituellen Tanz, eine über Fasten erreichte tiefe Versenkung oder eine religiöse Zeremonie. 

Was leisten Rausch und Ekstase in der Kunst?

Das kommt auf Lebenskontext, Alter und Ort der schöpferischen Leistung an. Viele Schriftsteller oder Maler holen sich Inspirationen durch und mit Rauschzuständen. Nur beim Schöpfungsakt müssen sie nüchtern sein, damit etwas über sie Hinausgehendes, also transpersonal und seelisch Berührendes geschaffen werden kann. 

Räusche trösten allgemein über die empfundene Öde des Alltags hinweg. In den Live-Konzerten der Rock- und Pop-Musik wurden und werden Rauschsubstanzen immer wieder als ekstatischer Antrieb gebraucht. 

 

Das war immer und in jeder Kultur üblich. Warum wird das auch heute, vor allem bei Jugendlichen, weiterhin betrieben?

Jede neue aufwachsende Generation, die bald wieder die gestrige ist, sucht den Rausch und die damit verbundene Seelenerweiterung. Räusche erzielt man jedoch nicht nur mit Substanzen. Wir alle kennen etwa den Machtrausch, durch die Gewissheit befeuert, dass man tatsächlich etwas verändern kann. Jede Jugendbewegung sucht nach Wegen, die vorgefundene Weltordnung zu verändern. Jugendliche erhoffen sich so tiefere Einsichten in die Ordnung der kosmischen Dinge und Begebenheiten. Das kann bisweilen politische, religiöse und kulturelle Züge annehmen.

 Warum greifen die einen zu Alkohol, die anderen zu sogenannt «harten» Drogen?

Eine Seelenerweiterung kann mit Alkohol vor sich gehen; diese Substanz gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Damit lassen sich Melancholie und Trübsinn, die zwangsläufig auch zum Leben gehören, besänftigen. Die «harten» Drogen sind meist Opiate, etwa Heroin oder Morphin, die eigentlich als schmerzlindernde Substanzen
dienen. Alkohol und «harte» Drogen wärmen die erkalteten Seelen, allerdings mit dem Preis der zunehmenden Abhängigkeit. Andere Modedrogen wie LSD, Amphetamine, Crack oder Ecstasy ermöglichen die Flucht aus der alltäglichen Wirklichkeit im «Hier und Jetzt». Flüchten ist, wie wir wissen, oft überlebenswichtig. 

«Flüchten ist, wie wir wissen, oft überlebenswichtig.»

 Stichwort Sucht: Welche Herausforderungen erwarten den Therapeuten bei der Behandlung?

Sucht kommt von Siechen, also krank sein. Die alten Siechenhäuser befanden sich üblicherweise ausserhalb der Siedlungen. Somit ist das Thema Sucht auch ein Randphänomen. Wir kennen zudem die Sehnsucht, die Eifersucht oder die Sinnsuche-Sucht. 

Im Grunde ist die Sucht Ausdruck eines angeschlagenen Selbstwertgefühls. 

Als Psychotherapeut bin ich ein Begleiter aus der Sucht heraus. Die Lösungsantwort ist jedoch im Patienten selbst angelegt, sie schlummert nur. Wenn ich den
Lebenskontext, die primäre Familiengeschichte und das jeweilige Aufwachsen kennenlerne, sehe ich viele traumatische Erlebnisse, etwa emotionale und körperliche Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung. Sie führen im jungen Erwachsenenalter in die Sucht, die dabei hilft, diese grossen Wunden zu vergessen. Wer süchtig ist, belügt sich und die Welt, aber nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Notwendigkeit. 

In der Sucht lebt der Betroffene weitgehend durch die Substanz, die ihm vorschreibt, wann, wie und wo er sich seinen Stoff einverleiben muss. Um therapeutisch zu wirken, muss bei der Behandlung immer erst eine leibliche und seelische Nüchternheit erreicht werden, weil sonst der eigene Weg zu inneren seelischen Vorgängen versperrt bleibt. 

Die meisten Menschen führen ein nicht wirklich «berauschendes» Leben und verschaffen sich ihre «kleinen Fluchten» durch Hilfsmittel. Gibt es eine Alternative zur so angestrebten Überwindung dieser gefühlten Leere?

Wenn die Mehrheit kein nüchternes Leben führen würde, ginge in unserer Konsum- und Kommunikationsgesellschaft fast gar nichts mehr. Müllabfuhr auf Heroin beispielsweise wäre so gemächlich, dass die Städte schnell im Müll versinken würden. Daher ist für die Bewältigung des Alltags seit jeher ein nicht berauschendes Leben notwendig. 

Zum Thema Leere: Dem Kirchenlehrer Augustinus zufolge wohnt im zentralen Teil unseres Inneren das allumfassende Schöpferische, welches er als «frui deo» (Gott geniessen) bezeichnete. In der Geschichte der Tempelreinigung durch Jesus geht es um die Wiederherstellung der Leere als heiligem Raum, damit das Göttliche darin erlebt werden kann. Orientieren wir uns daran und tragen individuell Sorge zu unserer «inneren Leere». Sie ist nicht negativ zu verstehen und soll deshalb nicht gefüllt werden. Erst dann können wir sie heilend und gesundheitserhaltend leben. 

 

Interview: Thomas Veser, Foto: zvg. – Kirchenbote SG, Mai 2016


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