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Religionen

«Süchtig hinter Gittern»

Die allermeisten Gefängnisinsassen haben ein Drogenproblem. Ein neues, seelsorgerlich geprägtes Gruppenangebot in der Justizvollzugsanstalt Realta ermöglicht Betroffenen eine kritische Auseinandersetzung.

Rund 70 Prozent aller Gefängnisinsassen sind drogensüchtig. Das ist eine schlechte Ausgangslage zur Resozialisierung, denn der Sub­stanzmissbrauch hängt häufig mit dem Delikt zusammen, welches sie in den Knast führte. Und es erhöht das Risiko, wieder straffällig zu werden. Hinter Gittern geht es denn auch längst nicht mehr um Glücksgefühle, sondern um eine Abwärtsspirale, um die erschütternde Trostlosigkeit am untersten Ende der Gesellschaft. Aber vielleicht hat Kirche gerade hier ihren Platz? 

Laut Studie trinken etwa 41 Prozent Alkohol, 36 Prozent konsumieren Canabis, 31 Prozent schlucken Benzodiazepine, 27 Prozent schnupfen Kokain, und 18 Prozent konsumieren Heroin. Kommt hinzu, dass kein Knast drogenfrei zu bekommen ist. Die Endlosschlaufe des Abstiegs ist so kaum zu stoppen, auch nicht mit Repression. 

Verschwiegen und authentisch

Deshalb setzt man im Strafvollzug auf Beratung und Therapie. Doch die Mittel sind begrenzt und Therapieplätze teuer. Oft sind Häftlinge auch misstrauisch, weil sie schlechte Erfahrungen damit gemacht haben, allzuviel von sich preiszugeben. Darum haben Seelsorge und Sozialarbeit in der Realta gemeinsam ein Gruppenangebot entwickelt, das die therapeutischen Ansätze niederschwellig ergänzt. Es fördert eine kritische Begegnung mit der Sucht, ohne dass die Teilnehmer gleich in den Fokus einer Begutachtung geraten. 

Die Gruppe und ihre Leitung wahren darum die Verschwiegenheit, ausser bei akuter Fremdgefährdung oder Suizidgefahr. Geleitet wird das Angebot in der Realta vom dortigen Seelsorger (auch Autor dieses Berichts) und Carlo Sauder. Beide bringen langjährige Erfahrung von der Arbeit auf den Suchtstationen der Psychiatrie Pfäfers SG mit. Sauder ist zudem Peer, hat also selbst eine Drogengeschichte, die er dank intensiver Therapien vor rund 13 Jahren überwunden hat. 

Was «brennt», geht vor

Es ist Donnerstagmorgen, 9.15 Uhr, im «Raum der Stille», dem Freiraum hinter Gittern. Symbole der Weltreligionen hängen an der Wand, dazu ein Meditationsbild. Sechs Männer treffen ein, zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie haben lange Drogenkarrieren, ihr Konsum fing früh an, viele haben schon als Kinder soziales und emotionales Grauen erlebt. 

Die Runde startet mit einem Blitzlicht: Jeder hat die Chance, den anderen kurz mitzuteilen, wie es ihm geht, wo er mit seiner Sucht steht und welches Anliegen er mitbringt. Ausser es «brennt», das hat Vorrang. Nicht immer einfach, doch nötig. Die beiden Leiter achten auf die Gesprächsregeln: Es redet immer nur einer, niemanden beleidigen, Sätze bilden mit «ich» statt mit «man». Wer eine Auszeit braucht, kann sie nehmen. Und gegen Ende gibts eine Schlussrunde: Was lasse ich hier, was nehme ich mit?

 

Raum des Vertrauens schaffen

Es ist ein Lernen in gewaltfreier Begegnung, oft Neuland für die Männer, ein Lernen von Sachverhalten auch, von Fähigkeiten und Wahrnehmungen. Es will aufmerksam machen für Auslöser und Ursachen der Sucht. Da wird ein Konsumereignis in seinem Ablauf erarbeitet, Möglichkeiten zur Korrektur werden erlernt und die Selbststeuerung verbessert. Frühwarnsignale, Skills und Beziehungen sind wiederkehrende Stichworte. 

Auffallend ist, dass die Teilnehmer oft von sich aus auch religiöse Fragen, Zweifel und Erfahrungen einbringen. Warum? Was ist der Sinn? Wo ist Gott? – Fragen, die sie meist noch nie im Leben mit Dritten diskutiert haben, vielleicht auch, weil sie nie Zuhörer hatten, denen sie vertrauen konnten. Und keinen Raum. Da zählt nur radikale Authentizität. So hitzig es sonst sein kann, so still wird es dann plötzlich in dieser «Kirche ganz unten». 

 

«Ein Pionierprojekt»

Carlo Sauder ist vom Angebot überzeugt: «Ich weiss, wie wichtig so eine Plattform ist, damit einer draussen eine Chance hat.» Er habe selbst die grosse Versuchung erlebt, sich in der Sucht zu belügen. «Gruppen hielten mir den Spiegel vor.» Er habe sich so besser kennengelernt. Gerade im Gefängnis bilde ein solch seelsorgerlich geprägtes Angebot neben Therapie und Sozialarbeit eine grosse Chance, Menschen überhaupt erst zu erreichen. 

«Die Endlosschlaufe des Abstiegs ist so kaum zu stoppen, auch nicht mit Repression.»

 

«Wir brechen die typischen Erwartungen auf», findet er, «ein Pionierprojekt». Das sieht auch die Leiterin des Sozialdienstes, Vera Camenisch, so: «Das Konzept fördert die aktive Konfrontation und die Deliktsprävention». Derweil bereichert es bereits offiziell das Profil der Anstalt. 

Nach einer Schnuppersitzung verpflichten sich die Teilnehmer für neun weitere Sitzungen, damit der Lernprozess verbindlich wird. Danach startet wieder eine neue Gruppe. Rund die Hälfte macht jeweils weiter, manche der anderen sind derweil ausgetreten, einige brauchen noch Zeit. Ob sie abstinent werden oder bleiben, ist offen. Aber alle haben miteinander auf Augenhöhe etwas gelernt. Das bleibt. Auch wenn im «Raum der Stille» um 10.30 Uhr wieder das einkehrt, was ihm den Namen gab, Stille. Oder gerade deswegen?

 

Text und Bild: Reinhold Meier  – Kirchenbote SG, Mai 2016

 


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