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Leben & Glauben

Die Sucht kam schleichend

Er hat sich, wie er sagt, «schleichend in seinem Körper festgesetzt», der Alkohol. Bewusst wurde es Werner Haltinner aus Sargans erst, als er zur Therapie im Spital Wattwil war. Das war vor sieben Jahren. Seither ist er «trocken» und er engagiert sich bei den Anonymen Alkoholikern.

Bald wird er 69 und geniesst das Leben als Pensionist mit seiner Frau, so gut es ihm seine Gesundheit erlaubt. Seine beiden Kinder sind schon lange erwachsen. Rund ums Haus Beerensträucher und Rasen, auf dem sich die Frühlingsblümchen breitmachen. An einem Strauch ein liebevoll gestaltetes Insektenhotel. Und Nachbarskatzen holen sich Streicheleinheiten ab.

Das Leben von Werner Haltinner verlief aber nicht immer so idyllisch. Im Kanton Glarus aufgewachsen, war er schon in der Lehre (Polymechaniker) im örtlichen Musikverein. «Nach der Probe oder einem Fest nahm man dann ein Bierchen gegen den Durst», schildert Haltinner; man wollte ja dazugehören. In der RS dann habe es für den Sold gleich zwei Flaschen Hopfensaft  gegeben. «Das war wohl der Anfang vom Ende», sagt Haltinner nachdenklich.

Der Druck nahm zu

Die Sache nahm ihren Lauf. Er sei sich auch mit 40 nicht bewusst gewesen, ein Alkoholiker zu sein. «Man trank, hatte schöne Momente, und ‹er› (der Alkohol) hat immer wieder gesagt, nimm doch noch eins.» Der berufliche Druck nahm zu, auch weil er eine Zweitausbildung zum Fernmeldespezialist machte, «um vorwärtszukommen, der Familie mehr bieten zu können». Und abends, da gönnte er sich dann ein Bier, um runterzufahren. Die Konsequenz: Der Körper
gewöhnte sich immer mehr daran.

«Ich hatte Glück, tagsüber während der Arbeit hatte ich keinen Bedarf. Ich war viel mit dem Auto unterwegs, fiel nie negativ auf und habe auch nie gefehlt deswegen», sagt Haltinner bestimmt.

Doch dann kam es in der Firma zu Restrukturierungen. Angst kam auf, Zukunfts- und Existenz­angst, und er habe sich mit Alkohol immer wieder täuschen lassen. Zudem wurde Jahre zuvor vom Hausarzt schon ein erhöhter Alkoholwert festgestellt. Da wohnte er mit seiner Familie schon in Sargans.

Den Alkohol doch gebraucht

Was nun? Den Alkoholkonsum reduzieren? Sicher! Nur, der Körper hatte sich schon an ein bestimmtes Level gewöhnt. Und dann versuchte er es doch, aber der Körper veränderte sich, die gesundheitlichen Probleme nahmen zu: Er hatte Wasser im Bauch. Was das bedeutete, sei auch klar gewesen. Im Zürcher Uni-Spital wurde eine Leberzirrhose diagnostiziert. Ein Stent und viele Medikamente sorgen dafür, dass «ein bisschen Leber noch funktioniert», sagt Haltinner. Nun wartet er auf eine Ersatzleber.

Einige Zeit später, nach einem Zusammenbruch, kam er dann nach Wattwil. Dort habe er realisiert, dass er den Alkohol braucht, dass er Alkoholiker ist.

«Ich habe viel Glück gehabt»

Das habe dann bei ihm etwas ausgelöst. «Ich wollte mein Leben wieder in den Griff bekommen», sagt er rückblickend. Das hiess: keinen Schluck Alkohol mehr und keinen Alkohol mehr im Haus. Das war, wie gesagt, 2009. Was damals auch noch folgte, war eine innerfamiliäre «Kropfleerete». Er nennt das heute alles zusammen einen Neuanfang.

«Ich habe gelernt, nicht alles in mich hineinzufressen, auch auf meine innere Stimme zu hören.»

Ihm war seine Gesundheit wichtig, «für die bin ich selber verantwortlich». Die ganze Verwandtschaft akzeptiert das seither und steht voll hinter ihm. Sein Leben ist wieder in positive Bahnen gelenkt, «und ich habe gelernt, nicht alles in mich hineinzufressen, auch auf meine innere Stimme zu hören».

Er habe auch nach Entzug und Therapie gespürt, dass sein Umfeld ihm mehr Achtung und Rücksicht entgegenbrachte. «Nun ist alles wieder ‹normal› geworden, selbstverständlich», so Werner Haltinner. Er habe viel Glück gehabt, sagt er, «bei mir ist der 20er gefallen».

 

Text und Bild: Reto Neurauter, Grabs  – Kirchenbote SG, Mai 2016

 

«Alkohol macht die Gesundheit und mehr kaputt»

Sie sind heute für die Anonymen Alkoholiker (AA) tätig. Wie sind Sie dazu gekommen?

Werner Haltinner: Das war im Laufe der Therapie im Spital Wattwil. Es kamen verschiedene Organisationen zur Sprache, die Hilfe danach anbieten. Und ich wollte die gewonnene Zeit ohne Alkohol sinnvoll nutzen. Zudem bleibt Zeit fürs Velofahren, das Lösen von Kreuzworträtseln und die Arbeit im Gemüsegarten.

Anonyme Alkoholiker treffen sich regelmässig? 

Unter www.anonyme-alkoholiker.ch kann man sich erkundigen, wo sich die Gruppen treffen. Es gibt auch Treffen für Angehörige von Alkoholkranken. Bei beiden Gruppen gilt als oberstes Prinzip, dass das, was an diesen Treffen gesprochen wird, anonym bleibt. Man stellt sich auch nur mit dem Vornamen vor.

Sie haben auch schon bei Jugendlichen über das Schicksal Anonymer Alkoholiker gesprochen. 

Ich finde, das ist sehr wichtig, dass die Jugend schon früh darauf aufmerksam gemacht werden kann, was der Alkohol alles anstellen kann. Meine wichtigsten Botschaften dabei sind, dass der Alkohol die Gesundheit kaputt machen kann, und dass man sich jemandem anvertrauen soll, sobald man merkt, dass der Alkohol die Regie übernimmt. Der Alkohol verändert alles.

Welche Philosophie prägt die AA?

Ich sage: «Lasst das erste Glas stehen, dann geht es euch gut.» – Aber letztendlich entscheidet jede und jeder für sich selber.

Wie nehmen Sie die heutige (Sucht)-Gesellschaft wahr?

Am schlimmsten ist die materielle Sucht, bei der nur noch das Geld eine Rolle spielt. Der zunehmende Druck in unserer Leistungsgesellschaft kann dazu führen, dass man überfordert wird und im Alkohol einen «guten Partner» findet. Ich bin froh, dass ich nun meinen Weg gefunden habe, auch dank der vielen Menschen, die mich dabei unterstützt haben und noch unterstützen.

Die Werbung suggeriert den Menschen immer wieder, ein Gläschen Wein, ein Glas Bier bringe Lebensqualität. Wo aber sehen Sie, dass das der Anfang vom Ende sein könnte?

Ich muss sagen, dass ich gegen solche Werbung resistent geworden bin. Aber es ist schon erschreckend, mit welcher Lockvogeltaktik da vorgegangen wird.

Wie kann man es Ihrer Meinung nach schaffen, dass man nicht in die Alkoholsucht verfällt?

Niemandem kann man sagen, was er tun und lassen soll. Ich sage dazu, dass Ehrlichkeit mit sich selber ein guter «Helfer» ist. Wenn jemand merkt, dass er oder sie sich mit Alkohol «belohnt», dann ist es höchste Zeit, sich jemandem anzuvertrauen. 


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