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Spiritualität

Wo Gottes Geist weht…

27.04.2016
«Als aber alle, die ihn von früher her kannten, sahen, wie er sich mit Propheten wie ein Prophet gebärdete, sagte im Volk einer zum anderen: Was ist denn geschehen mit dem Sohn des Kisch? Ist auch Saul unter den Propheten?» 1. Sam 10, 11

Saul wird vom Propheten Samuel im Auftrag Gottes zum ersten König über Israel gesalbt. Er wird damit nicht nur zum Nachfolger Samuels, sondern auch zum Stellvertreter Gottes in Israel. Und so verwundert es nicht, dass sich Saul wie diejenigen Propheten aufführt, die ebenfalls von Gottes Geist infiziert worden sind: Er tanzt ekstatisch, gibt sich der Musik hin, lässt das Gruppenerlebnis wirken (1Sam 10, 5–6).

Doch offensichtlich geht etwas schief. Denn statt mit Vertrauen auf Gott seine Entscheide zu fällen, geht Saul auf anderen Wegen (1Sam 14, 47). Der Geist, in dem Saul seine Entscheidungen trifft, hat offensichtlich nichts mit Gott zu tun.

 

Gottes Geist lässt sich nicht erzeugen

Die Prophetie im Alten Israel nutzt «Techniken», die uns heute noch bekannt sind, um Gott näher zu kommen und seinen Geist zu spüren: Laute Musik, Tanzen bis zum Umfallen, Gruppenerlebnisse. Wir kennen diese Phänomene heute vor allem im Zusammenhang mit Pop-Konzerten und charismatischen Gottesdiensten. Die Geschichte von Saul beweist, dass die Nutzung dieser «Techniken» allerdings nicht entscheidend ist, um von Gottes Geist geführt zu werden. Um Gottes Geist wirksam werden zu lassen, braucht es mehr als nur ein plötzliches Hochgefühl, welches von Musik, Tanz und Gruppenerlebnis stimuliert wurde.

«Gottes Geist agiert unabhängig von unserem Verhalten.»

Deutlich zeigt dies die Geschichte von Elia: Elia sitzt an einem Berg, auf der Flucht, von allen verlassen. Da begegnet ihm Gott (1Kön 19, 8-–3).  Aber Gott nähert sich Elia weder als gewaltiger Sturm noch als Erdbeben oder gar als Feuers­brunst. Als Elia einen sanften Windhauch verspürt, beginnt Gottes Geist zu wirken. Ganz
ohne Musik, Tanz und Gruppengefühl. Und trotzdem wirkt Gottes Geist, und Elia nimmt seine Arbeit als Prophet Gottes wieder auf.

Derselbe Geist Gottes, der Elia den richtigen Weg zeigte, wirkte auch 50 Tage nach der Auferstehung Jesu. Die Jünger Jesus sitzen zusammen. Von ihrer Gemütslage erfahren wir nichts. Da fährt Gottes Geist mit stürmischem Brausen und Feuer einher (Apg 2, 2–3). Auch hier wirkt Gottes Geist, wenn auch völlig anders als bei Elia. Petrus beginnt öffentlich zu predigen und die Botschaft von Jesus ohne Angst zu verkündigen.

Gottes Geist wirkt

Ein Widerspruch? – Nein, ganz im Gegenteil. Gottes Geist entzieht sich der menschlichen Kontrolle. Er kann nicht durch Techniken, sei es Musik und ekstatischer Tanz oder auch durch Stille und Kontemplation, wirksam werden. Sauls Geschichte beweist uns dies. Gottes Geist agiert unabhängig von unserem Verhalten. Wir können sein Wirken erst im Nachhinein an der Wirkung auf uns erkennen. Beispielsweise, wenn wir begreifen, wo wir in unserem Leben stehen und welchen Weg wir gehen sollen. Oder auch, wenn wir neue Lebenskraft bekommen und längst fällige Veränderungen anpacken. Was wir selbst tun können, um Gottes Geist auch in unserem Leben zu spüren ist einzig, mit Gottes Wirken in unserer Gegenwart zu rechnen, wie Elia und Petrus es uns vorgemacht haben. 

 

Text: Fabian Kuhn, Pfarrer in Lütisburg | Bild: Rabbula-Evangeliar aus Syrien, 586 n. Chr.  – Kirchenbote SG, Mai 2016

 

 


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