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Spiritualität

Pfingsten: Sturm statt Gemächlichkeit

28.04.2016
An Pfingsten feiert die Kirche, dass der Heilige Geist über die ersten Christen in Jerusalem kam. Der Theologe und Autor Fulbert Steffensky plädiert dafür, sich von diesem Geist ergreifen zu lassen, denn der Geist nimmt die Angst und befreit.

Die Pfingstgeschichte ist aufrührerisch und keine Erzählung schöngefärbter Harmonie. Jetzt sei die Zeit der «letzten Tage», die der Prophet Joel versprochen hatte, heisst es in der Pfingsterzählung: «Eure Söhne und eure Töchter werden weissagen. Die Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten werden Träume haben. Auf meine Knechte und meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgiessen, und sie sollen weissagen.»

Von den Alten werden normalerweise keine Träume mehr erwartet, sondern nur noch milde Resignation. Die sonst keine Stimme haben in der Gesellschaft, die «Mägde» und die «Töchter», sie sollen weissagen. Es kann keine Versöhnung und keine Überwindung der Feindschaft geben ohne die Gleichheit der Menschen. Dem Pfingstgeist ist es nicht genug, dass seine Träume von Männern zwischen 50 und 80 Jahren verwaltet werden. Er traut denen, denen sonst nichts zugetraut wird und die normaler Weise nicht in den Synoden und Gremien unserer Kirchen zu finden sind: den Jungen, den Abgeschriebenen, den Unansehnlichen und den niedrigen Mägden, den Putzfrauen. Welcher heiter-freche und zärtliche Gedanke! Niemand wird vergessen und niemand wird ausgeschlossen, gerade die Unbeachteten werden beachtet.

Es wird nicht nur eine glorreiche Vergangenheit erzählt, die Geschichte ist der Bauplan der Zukunft der Kirche. Sie ist Hefe, die etwas zum Gären bringt. Noch ist es nicht so, dass die Wahrheit und die Weisheit derer ernst genommen werden, die unten sind. Noch ist es nicht so, dass wir Brot und Habe teilen, wie es in der Pfingstgeschichte gerühmt wird. Aber wir haben schon eine Geschichte, die davon erzählt. Die Christenmenschen haben mit solchen aufrührerischen Erzählungen immer eine Leiche im Keller. Sie können lange vergessen, verschwiegen oder falsch ausgelegt werden. Aber wir haben sie.

Und gelegentlich kommt ein Franz von Assisi oder eine Hildegard von Bingen, die die alten Geschichten ausgraben und vorleben. Die Arbeit an der Versöhnung und die Idee, die Feindschaft zu überwinden, kommen nicht mit puren Argumenten aus. Die Idee wird vorgetanzt, sie wird farbig und einleuchtend in solchen grossen Erzählungen wie der aufsässigen Pfingstgeschichte. Unser eigenes Gewissen wird gereinigt durch sie. Wir lernen an ihnen, wünschen, dass Versöhnung mehr ist als Feindschaft. Wir lernen, schön zu finden, dass das Kleine nicht klein und das Gros-se nicht gross bleibt. Unsere Geschichten sind die Brote, von denen sich das Gewissen ernährt. Ja, man könnte ungestörter leben ohne diese Erzählungen. Aber das Leben wäre dumpfer ohne sie.

Der Heilige Geist macht erwachsen. Der grosse Geist treibt uns den Kleingeist aus. Er lässt nicht zu, dass die -Kirchen sich in falsche Fragen verstricken, etwa die kindische Frage, ob Reformierte und Katholiken miteinander das Mahl nehmen dürfen; die narzisstische Frage, ob neben Kirchtürmen auch Minarette in einer Stadt sichtbar sein dürfen. Der Geist nimmt die Angst vor den fremden Sprachen und lehrt alle, in ihrer Sprache «die grossen Taten Gottes erzählen». Er nimmt den Menschen die Furcht, wie er sie den Jüngerinnen und Jüngern genommen hat. Sie haben die Türen ihres selbst errichteten Gefängnisses aufgestossen und haben zueinander gefunden. Das Ende der Pfingstgeschichte: «Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern und hielten die Mahlzeiten mit Freude und mit lauterem Herzen!» Vielleicht erwischt der Pfingstgeist die Kirche bald, dass die Leute wie damals erstaunt fragen: Sind sie besoffen? Schon morgens um 9 Uhr?

Fullbert Steffensky / Pfingsten 2016

 

Fullbert Steffensky

Fulbert Steffensky ist Theologe, Autor und Religionspädagoge. Im Alter von 21 Jahren trat er in das Benediktinerkloster Maria Laach ein, das er später verliess. 1969 konvertierte er zum Luthertum und heiratete die evangelische Theologin Dorothee Sölle.


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