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Kirche, Gesellschaft, Religionen

Erinnerungen an die Zeit von damals

Als Läuterbub in Ebnat-Kappel

03.02.2011
Von meiner Wohnung in St.Gallen aus sehe ich in unmittelbarer Nähe die Türme der Kathedrale und der St. Laurenzenkirche. Ihre schweren und feierlichen Geläute erklingen zu verschiedenen Anlässen über die Altstadt und auch zu uns herauf. Da ich seit meiner Kindheit einen besonderen Bezug zu Kirchenglocken habe, erfreut mich ihr Klang immer wieder aufs Neue.

Für das Läuten der Glocken gibt es heute elektronische Programme. Wenn diese einmal eingegeben sind, dann erklingen die Glocken automatisch, was für die Verantwortlichen eine grosse Erleichterung bedeutet.

In mir kommen aber auch immer wieder Erinnerungen daran auf, wie in meiner Jugendzeit daheim in Kappel noch in beiden Kirchen die Glocken von Hand geläutet werden mussten . Dadurch waren mir auch die Kirchenglocken schon sehr früh vertraut geworden.

 

Wenn ich nun darum gebeten wurde, einige Erinnerungen an das Läuten damals aufzuzeichnen, so steht für mich der Läuterdienst und das tägliche Aufziehen der Uhr in der katholischen Kirche im Vordergrund. Mesmer Anton Piatti läutete zwar jeden Morgen schon um 5 Uhr, musste dann aber zur Fabrikarbeit in die Färberei Niederer und war froh, wenn ihm kleine Mesmer- und Läuterdienste abgenommen wurden. Zum Aufziehen der Uhr mussten mit einer Kurbel die beiden grossen Gewichte des Schlagwerkes und das kleinere Gewicht zum Bewegen der Zeiger hochgezogen werden.

Läuten am 8. Mai 1945

Die vier Glocken bildeten schon damals  kein stattliches Geläute. Man sprach 1941/42 im Zusammenhang mit dem Umbau und der Renovation der Kirche davon, dieses bescheidene Geläute mit seiner schrillen kleinen Glocke zu ersetzen  es war 1865, elf Jahre nach dem Dorfbrand, von der Glockengiesserei Keller in Zürich angeschafft worden. Aber diese vier Glocken leisten ihren Dienst bekanntlich heute noch. Die beiden «grossen» Glocken hatten damals sogenannte Klöppelfänger. Wenn sie in Schwung gebracht worden waren, das zeigte sich daran, dass eine schwarze Markierung am Glockenseil das Loch in der Decke erreichte musste man einen Hebel drücken. Dann begannen sie zu läuten. Und beim Abstellen wurde der Hebel wieder gelöst, der Klöppel eingefangen, und dann konnte man sich zum Anhalten der Glocke am Seil hochziehen lassen. Dies war natürlich stets ein besonderes Vergnüngen. Es gab viele Anlässe, zu denen ich als Läuterbub dabei war. Am stärksten ist mir noch in Erinnerung geblieben, als am Abend des 8. Mai 1945 im ganzen Lande die Glocken zum Ende des 2. Weltkrieges geläutet wurden. Ich war damals 11 Jahre alt und konnte mir das Läuten der kleinen Glocke sichern. Bei diesem Anlass war nämlich der Andrang jener, die gerne geläutet hätten, gross. Aber Mesmer Piatti liess ­jenen den Vorzug, auf deren Dienste er immer zählen konnte.

Lärmschutz war kein Thema 

Das grössere und klanglich weit schönere Geläute hat die reformierte Kirche Kappel. Auch dieses stammt aus der Zeit nach dem Dorfbrand und wurde in meiner Jugendzeit ebenfalls noch von Hand geläutet. Die Läuterbuben beider Kirchen kannten sich ja von der Schule her. Und so war ich, vor allem am Samstag zum Einläuten des Sonntags, öfters auch dort als Zuschauer. Die beiden grossen Glocken wurden oben, direkt neben den Glocken, geläutet. Klöppelfänger gab es keine. Um aber ein Gebimbel zu vermeiden, wurde der Klöppel mit einem Holzstab gegen die Glockenwand gedrückt. Wenn die Glocke genügend Schwung hatte, fiel dieser Holzstab hinunter und sie begann regelmässig zu läuten.

Ich wundere mich aus heutiger Sicht, dass wir uns keine Gedanken zu einem Lärmschutz gemacht hatten. Auf jeden Fall konnte während des Läutens nicht gesprochen werden, weil man kein Wort mehr verstand. Ging es darum, das Läuten zu beenden, so wurde der Schwung der Glocke gebremst, der Klöppel mit dem Seil eingefangen und gegen die Glockenwand gezogen und so die Glocke wieder zum Stillstand gebracht. Damit liess sich ein längeres nur einseitiges Anschlagen des Klöppels vermeiden. Ich bewunderte die älteren Knaben, welche das nötige Geschick und genügend Kraft hatten, um diesen nicht ganz einfachen Dienst auszuführen. Die beiden kleineren Glocken wurden weiter unten im Turm vom ersten Stock aus geläutet.

Später, als ich schon nicht mehr daheim war, wurden beide Geläute elektrifiziert. Dieser Fortschritt bringt viele Erleichterungen. Aber das Läuten der Kirchenglocken ist damit eben auch «automatisch» geworden. Viele Leute haben damit auch keinen näheren Bezug mehr zu den Glocken, die uns mit ihrem Klang doch bei den verschiedensten Anlässen durch unser ganzes Leben begleiten.

 

Text: Albert Breu, St.Gallen l Bild: Elisabeth Scherrer – Kirchenbote SG, Februar 2011

 


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