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Kultur

Stimme als Ausdruck der Individualität

25.05.2016
Peter Roth, Musiker, Chorleiter, Komponist und Initiant von Klangwelt Toggenburg und Klangfestival Naturstimmen macht sich Gedanken zur Stimme.

Spielen wir ein Instrument, so kann man Spieler und Instrument unterscheiden. Beim «Spiel mit der Stimme» fällt beides zusammen. Wir sind Spieler und Instrument gleichzeitig. Ich sage in Chorproben jeweils: «Achtet darauf, wie ihr euch mit der Stimme in Schwingung bringt.» Mit der Atemluft wird eine «Saite» im Kehlkopf angestimmt und die Schwingung überträgt sich über die Knochenleitung und das Körperwasser (85 Prozent) in den ganzen Körper. Der ganze Mensch von Kopf bis Fuss schwingt mit. So entsteht das belebende Ganzheits- oder Glücksgefühl – wie beim Meditieren. Wir werden eins mit uns, mit Mitsingenden und dem Ganzen.

Die Stimme wirkt verbindend, egal ob wir geistliche Lieder anstimmen oder jodeln. Immer ist da diese Andacht, eine Art Magie des Augenblicks. Darum ist die Stimme auch zentral in Ritualen rund um die Welt.

Stimmenmagie im Alpsegen

Von jeher wurde über die Stimme auch mit der Natur kommuniziert. Daran erinnert der Alpsegen, der auf schamanische Traditionen zurückgeht. Er hat überlebt, weil man die christlichen Heiligen darin aufgenommen hat. Über die Stimme werden die elementaren Kräfte der Natur in den Schutzkreis des Heils gerufen. Dabei ist der Klang der Stimme fast wichtiger als die Worte. Die Andacht des Betrufs wird hörbar, verbreitet sich über Alp, Ställe, Tiere und Menschen. An die schöpferische Qualität der Stimme erinnern alte Kulturen auch dadurch, dass in ihren Mythen die Schöpfung aus Wort oder Klang entsteht. Mit der Quantenphysik würden wir sagen, dass über die Schwingung das Chaos in Harmonie verwandelt wird oder sich das Quantenpotential schöpferisch manifestiert.

Die individuelle Stimme

In der Gregorianik zählt nicht die persönliche Stimme. Die Mönche singen so, dass im Chorraum ein einstimmiger Gesang aufsteigt und im Kirchenschiff von oben herunter wie ein überpersönlicher Gesang vom Himmel her wirkt. Das ändert sich mit der Renaissance, der Reformation und der Aufklärung. Jetzt wird die Individualität betont, in der Romantik zusätzlich das individuelle Gefühl und in der Rock- und Popszene auch die individuelle Willenskraft. Die Stimme wurde ein Ausdruck der Individualität, auch bei der Oper. Man fühlt sich vom Klang einer Stimme tief in der Seele angerührt und verzaubert. Gerade bei den Jodelstimmen reagieren die Leute auf den naturtönigen Klang. Weil man durch die Stimme auch sich selbst erlebt, ist sie etwas Intimes und Verletzliches. Denn unser Wesen klingt durch die Stimme hindurch. Ich habe in Kursen erlebt, dass Menschen 30 Jahre nicht mehr gesungen haben – weil sie in ihrer Stimme abgewertet worden sind. Das kann traumatisch nachwirken. Es ist dann rührend zu sehen, wie nach drei Kurs­tagen mit nur wenigen gesungenen Tönen die Menschen glücklich heimgehen.

 

Notiert: Andreas Schwendener | Foto: as  – Kirchenbote SG, Juni-Juli 2016

 


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