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Gesellschaft

Wie man auch Ferien machen kann

Auf dem Velo die Welt entdecken

25.05.2016
Kathrin Suhner (33) aus Walzenhausen ist Lehrerin und passionierte Velofahrerin. Ihre Reisen und ihre Lebensphilosophie haben sie quer durch Lateinamerika und halb Europa geführt.

«Das ungebundene Unterwegssein mit wenig Gepäck erlebe ich als grosse Freiheit», sagt Kathrin Suhner. Die Primarlehrerin entdeckt seit ihrem 17. Geburtstag jeden Sommer ein neues Stückchen Welt per Velo. Ihre erste Reise hat sie ins französische Montpellier geführt, zuletzt ist sie bis nach Sarajevo geradelt. Und von Stockholm und Berlin fuhr sie jeweils mit dem Drahtesel in die Schweiz zurück. «Ich mag die Spontanität, die in dieser Art des Reisens steckt, und die Begegnungen, die sich ergeben.» Auf dem Velo habe man eine andere Rolle als im Alltag, findet Kathrin, die sehr musikalisch ist und seit ihrem zehnten Lebensjahr Cello spielt. «Ich begegne den Menschen dann viel direkter, unvoreingenommener und mit mehr Leichtigkeit.»

Hitze und Kälte

Ihre bisher längste Radtour führte sie drei Monate durch Südamerika. 80 bis 120 Kilometer hat Kathrin jeden Tag zusammen mit einem Velofreund zurückgelegt, der nach Reisepartnern per Inserat gesucht hatte. «In Argentinien und Chile sind die Landschaften extrem spektakulär: Patagonien, der Urwald, die argentinische Schweiz rund um Bariloche, Gletscher, Vulkane und Mondlandschaften. Wir haben extrem intensive Farben, aber auch ein raues Klima mit Hitze und Kälte erlebt», erinnert sich Kathrin an die Höhepunkte der Velotour zurück, bei der meist gecampt und nur etwa einmal pro Woche in ein Hotel eingecheckt wurde, um zu duschen. «Wenn du dann wieder daheim bist, merkst du, wie luxuriös wir alle leben mit Bad, Küche und einem weichen Bett.»

Elementares Menschsein

Doch was treibt Kathrin an, solche Unannehmlichkeiten und Strapazen auf sich zu nehmen, und hat es nicht auch gefährliche Situationen zu bewältigen gegeben? Das Spüren der Elemente Wind, Kälte, Hitze und Regen sowie der grundlegendsten körperlichen Bedürfnisse wie Essen, Schlafen und Regeneration erinnern die Veloreisende daran, was es bedeutet, Mensch zu sein. «Der Alltag, Sorgen und alltägliche Gedanken treten weit zurück.» Das Zeitgefühl ändere sich. «Man nimmt alles viel intensiver wahr, ist von der alltäglichen Welt abgekoppelt», sagt Kathrin.

Wirklich gefährlich sei es für sie nie gewesen: Einmal ist die Weltreisende bei der Überquerung eines Andenpasses höhenkrank geworden. «Und in der chilenischen Wüste habe ich geglaubt unter Halluzinationen zu leiden. Dabei hat der Riesenvogel wirklich existiert», lacht Kathrin heute über die Begegnung mit einem Nandu, der dem Vogel-Strauss ähnelt. Obwohl die Walzenhauserin während den drei Monaten in Lateinamerika an ihre physischen Grenzen gegangen ist, ist sie nach der Ankunft in Europa noch fünf Wochen mit einer langjährigen Velofreundin vom Madrider Flughafen nach Hause geradelt. 

«Ich mag die Spontanität, die in dieser Art des Reisens steckt, und die Begegnungen, die sich ergeben.»

«Ich mag es, den Wechsel der Landschaft, der Architektur und der Sprache wahrzunehmen», sagt Kathrin, die sich Spanisch selbst beigebracht hat. Das Velo habe ihrer Meinung nach die richtige Geschwindigkeit dafür: Langsam genug, um Veränderungen zu verstehen und nicht einfach als Brüche zu erfahren. Nach unten gebe es keine Beschränkung des Tempos. «Man braucht dann einfach mehr Zeit und erlebt dafür alles viel intensiver.»

Und weil man auch mit dem Velo rasen kann, versucht Kathrin die Geschwindigkeit weiter zu drosseln, frei nach ihrer selbst gewählten Lebensphilosophie: «Je langsamer gereist wird, desto mehr Eindrücke sind zu sammeln.» Deshalb will sie einmal eine Fernreise zu Fuss bewältigen, «aber nicht den Jakobsweg, den machen alle.» Kathrin denkt daran, von der Schweiz bis zum Meer zu wandern. 

 

Text: René Jo. Laglstorfer | Foto: z.V.g.  – Kirchenbote SG, Juni-Juli 2016


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