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Politik

Ein Besuch bei der aufstrebenden Gemeinde Shuangtou

Chinas Christen zwischen Wachstum und Repression

12.07.2016
Seit 30 Jahren verzeichnen die Kirchen Chinas ein enormes Wachstum. Die Attraktivität des christlichen Glaubens hat vielfache Gründe. Eine Reisegruppe aus Rapperswil- Jona besuchte unter der Leitung von Heinz Fäh das Reich der Mitte.

Gesichtslose  Wohntürme, endloser Stau, Smog und Wälder von Baukränen, so präsentieren sich Chinas Grossstädte. Der einstige Bauernstaat erlebt eine weitere Modernisierungswelle, die mit der Umsiedlung von Millionen von Menschen aus dörflichen Strukturen in die Städte verbunden ist. Doch es gibt auch ein anderes Gesicht Chinas. 

Frauenkirche

Die grünen Reisfelder reichen in Shuangtou bis vor das Kirchenareal. Pfarrer Chen leitet mit seiner Frau die protestantische Kirche dieser Landgemeinde in der Provinz Guangdong. Der schlichte Bau ist mit weissen und roten Kacheln verkleidet. Über dem Portal prangt ein rotes Kreuz. Die Kirchenbänke sind, wie jeden Sonntag, gut besetzt. Die Frauen des Chors wiegen sich in ihren weissen Roben und den roten Stolas. Nach dem gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis tritt der Jugendchor aufs Podium, um chinesisch-christliche Popsongs zu singen. Schliesslich tanzt eine Gruppe von Kindern zu Musik. Alle Generationen sind hier aktiv, doch Männer sind deutlich in der Minderheit. Das sei typisch, meint Pfarrer Chen. Gegen 80 Prozent der erwachsenen Gemeindeglieder seien Frauen. Der christliche Glaube betone Werte, die schlecht zur chinesischen Männerwelt passten, die von Materialismus und Konkurrenzkampf geprägt sei. «Die chinesische Kirche ist eine Frauenkirche», bestätigt auch der Schweizer Theologe Tobias Brandner, der die Reisegruppe begleitete. Er ist Mitarbeiter von Mission21 und lehrt als Professor an der staatlichen Universität von Hongkong. Pfarrer Chen hat Visionen, die über die ländliche Gemeinde hinausreichen. Neben seiner Kirche liegt das Grundstück, das seine Gemeinde gekauft hat, um darauf ein Jugendzentrum für den ganzen Bezirk zu errichten. Die Saat seines Dienstes geht bereits auf, da viele junge Leute, die hier das Evangelium kennengelernt haben, in die Stadt gezogen sind und dort als aktive Christen wirken.  

Lebendiges Erbe der Mission

1847 sandte die Basler Mission den Deutschen Rudolf Lechler und den Schweden Theodor Hamberg in die Gegend, in der heute Pfarrer Chen wirkt. In der Folge entstanden bis 1949 in Südchina und in Hongkong 167 Gemeinden. Im Zuge der kommunistischen Machtergreifung wurden bis 1951 alle westlichen Missionare ausgewiesen. Doch viele Chinesen hielten am Glauben fest. Es kam zur Gründung der «Drei-Selbst-Bewegung», welche die registrierten Kirchen zur Selbstfinanzierung, Selbstverwaltung und Selbstausbreitung verpflichtete. Während der Kulturrevolution brach über die chinesischen Christen eine schwere Zeit herein. Öffentliche Religionsausübung war verboten, alles Kirchengut wurde enteignet. Christen wurden als Volksfeinde gebrandmarkt, gedemütigt, geschlagen, in Lager deportiert oder getötet. Erst ab 1979 normalisierten sich die Verhältnisse. Das Gemeindeleben erwachte neu. Innert 30 Jahren hat sich die Zahl der Gläubigen um den Faktor 20 oder 30 vervielfacht. Auch der Staat anerkennt heute die Leistungen der westlichen Missionare, da viele Schulen und Spitäler, die mittlerweile grosse staatliche Einrichtungen sind, auf Missionsgründungen zurückgehen. 

Ohrfeigen fürs Theologiestudium

Brandner geht heute von 70 bis 80 Millionen Christen in China aus, ein Grossteil von ihnen sind Protestanten. Für die Kirchen ist die Ausbildung von Theologinnen und Theologen herausfordernd. Holly Wang Hong, Direktorin der Shaanxi Bible School in Xian, ist eine energievolle Persönlichkeit und Christin in fünfter Generation. Während der Kulturrevolution litt ihre Familie: Der Grossvater starb an den Folgen der Lagerhaft, und die Eltern wurden aufs Land verschickt. Heute leitet Wang Hong eine Bibelschule, an der 130 Studierende für den Gemeindedienst ausgebildet werden. «Mein Vater verabreichte mir Ohrfeigen, als ich ihm eröffnete, dass ich Theologie studieren will», meint sie lachend, zu traumatisiert war er von seinen Erfahrungen. Doch sie liess sich nicht abhalten. In den kommenden Jahren soll ein neues Zentrum gebaut werden, um doppelt so viele Studenten aufnehmen zu können. 

Glaube und Widerstand

Chinesische Christen stehen zu ihrem Glauben, weil sie darin Halt in einer von Beziehungslosigkeit, Sinnverlust und Unsicherheit geprägten Gesellschaft finden. Sie verzichten auf Karriere und Reichtum und gewinnen dafür verlässliche soziale Beziehungen und Seelenfrieden. Einige Intellektuelle und Kulturschaffende haben begonnen, ihren politischen Widerstand gegen das unterdrückerische System mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Dies bringt erneut Repressionen des chinesischen Staates mit sich. Die jüngsten Kirchenzerstörungen und die Demontage von Kreuzen in einigen Provinzen lassen am 50. Jahrestag nach Beginn der Kulturrevolution nichts Gutes ahnen. Doch die Bibelschülerinnen und -schüler in Xian und die Gemeindeglieder in Shuangtou sind voller Ideen, wie sie die christliche Botschaft der nächsten Generation weitergeben wollen.

Buchtipp: Liao Yiwu, Gott ist rot, deutsche Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014

 

Text | Fotos: Heinz Fäh, Kirchenrat, Rapperswil  – Kirchenbote SG, Juli-August 2016

 


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