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Spiritualität

Der See ist mein «Kraftort»

12.07.2016
Fast jeden Tag frühmorgens stösst sie ab und schwimmt im Bodensee – oder walkt im See. Anna Maria Frei-Braun, Seelsorgerin in der katholischen Kirche Region Rorschach, schwimmt nahezu täglich – auch im Winter. «Wasser ist mein Lebenselixier – der See mein Kraftort», sagt sie.

Übers Wasser ist sie noch nie gelaufen, aber schon zwei Mal schwamm sie über den Bodensee: «Ich war nicht einmal erschöpft. Ich fühlte mich im Fluss. Der Mensch besteht zu 80 Prozent aus Wasser. Fruchtwasser umgibt uns von Anbeginn mit Geborgenheit; wenn wir Gestalt annehmen, sind wir darin aufgehoben.»

Runterfahren bei Sturm

Aufgewachsen ist Anna Maria Frei-Braun in Gossau. In Rorschach entdeckte sie den See. Seit 20 Jahren schwimmt sie fast täglich. «Der Sonnenaufgang über dem Wasser ist überwältigend. Der See ist für mich Erholung, Runterfahren. Ich liebe sowohl die tragende Ruhe als auch den Wellengang bei Sturm.»

Weil der See so gut tut, wird im Sommer einmal in der Badhütte in Rorschach Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert – mit Texten zum Wasser. Diese Gottesdienste, abwechselnd von katholischer und evangelischer Seelsorge gestaltet, werden von vielen Menschen besucht, die keine Kirchgänger sind.

Von der Jugend- zur Seniorenarbeit

Anna Maria Frei-Braun besuchte das Lehrerseminar; sie kam in Berührung mit der Bewegung von Taizé. Immer stärker beschäftigte sie die Frage, wo der richtige Wirkort für sie sei: kirchliche Jugendarbeit oder Engagement für Menschen mit Handicap? Da kam eine Anfrage vom Bistum, ob sie an der Oberstufe Religionsunterricht erteilen und Jugendarbeit in einer Pfarrei machen würde. Sie sagte zu. Nach fünfeinhalb Jahren folgten Familienzeit mit zwei Söhnen und zwei Töchtern. Während zwölf Jahren leistete sie in der Kirche Freiwilligenarbeit. Vor 16 Jahren übernahm sie eine Stelle als Seelsorgerin. Erst erteilte sie Religionsunterricht, dann wandte sie sich mehr der Betreuung Kranker, Sterbender, Betagter in Heimen, in der Hospiz-Gruppe und im Trauercafé zu. «Ich habe meine Liebe zu dieser Arbeit entdeckt.» 

Eine Kirche mit den Frauen

Die seelsorgerliche Tätigkeit umfasst Gottesdienste, Besuche, Ehesegnung, Beerdigung, Trauerbegleitung, ökumenische Segnungs- und Salbungsgottesdienste. Ihr weiteres Aufgabengebiet ist die Frauenarbeit. Seit dem 2. Mai, dem Festtag der Heiligen Wiborada, pilgerten Frauen und Männer in unterschiedlichen Gruppen nach Rom. Sie wollten am 2. Juli ankommen und Papst Franziskus das Projekt «Für eine Kirche mit den Frauen» vorstellen. Während der Aussendungsfeier in der Kathedrale mit rund tausend Personen dachte sie: «So berührt zu sein, könnte es sich für die ersten Christen damals an Pfingsten angefühlt haben.» Sie wünscht sich manchmal einen Defibrillator, um Gleichgültige und Entmutigte aufzurütteln. Sie wollte in Rom auch dabei sein.Sie ist überzeugt: «Menschen brauchen Zeichen und Rituale.» Manche sagen: «Ich bin kein Kirchgänger, aber ich glaube schon.» Im kontemplativen Tanz und in Meditationsgruppen finden sie sich selbst. In liturgischen Feiern begleitet Anna Maria Frei-Braun Lieder auf ihrer Gitarre.

 

Text:| Foto: Margrith Widmer, Journalistin BR, Teufen  – Kirchenbote SG, Juli-August 2016

 

Wasser ist das Urelement

Frau Frei, wie kommt man dazu, fast jeden Tag, auch im Winter, zu schwimmen?
Wasser gibt mir Lebendigkeit und Kraft. Wasser ist das Urelement: «… und Gottes Geist schwebte über dem Wasser», heisst es in der Genesis. Ich spüre diese Urkraft, wenn ich schwimme; ich spüre Vielfalt, Sanftheit, Getragenwerden. Im Wasser fühle ich mich eins mit mir und allem Göttlichen.

Kann man auch übers Wasser laufen?
Nein, aber ich walke mit einem speziellen Schwimmgürtel, immer in Bewegung und habe dabei die ganze Weite vor mir. Im Sommer gehe ich um 5.30 Uhr hinaus und walke drei viertel Stunden im See. Das ist wunderbar für Rücken und Gelenke. Nach schweren Rückenproblemen gab mir das wieder Kraft.

Wie ist Schwimmen im Winter möglich?
Ich schwimme nur kurz, etwa 20 Züge. Hinterher ist die Haut rot, so gut durchblutet ist sie. Wenn man sich abtupft, sofort anzieht und in Bewegung bleibt, geht das prima. Nur wenn die Treppe fest vereist ist, passe ich. Ich schwimme selten allein, manchmal sind wir vier Frauen.

Was bringt Schwimmen am frühen Morgen?
Es tut einfach gut. Ich mache mich bereit für den neuen Tag, das Wasser ist Musik.

Sie haben von der Jugend- zur Betagtenarbeit gewechselt?
Ja – und ich merke: Auch das hat etwas mit Wasser zu tun. Mit Augenwasser. Mit Tränen. Menschen Halt zu geben, aber auch die Möglichkeit, Tränen fliessen zu lassen. Manche Leute, die schnell weinen, sagen ja von sich: «Ich bin nahe am Wasser gebaut.» Ich sage: «Das zeigt, wie lebendig Sie sind.»

Ist Trauerarbeit schwierig?
Mir sind Trauer und schwierige Ereignisse im eigenen Leben begegnet – und das nicht zu knapp; ich weiss oder ahne, wovon die Menschen sprechen. Für mich waren See und Wasser Tröster; sie haben mich gerettet. Das Wasser trug mich. Ich habe eine Verbindung mit dem Göttlichen gespürt. Wenn ich meinte, Gott nicht mehr so zu spüren, im Wasser spürte ich ihn. Ich habe diese Gedanken in eine Kurzform gebracht: Ich in dir und du in mir und alles in allem. All-Eins. Es berührt mich immer von Neuem. Es ist einfach gut.

Gibt der See auch Inspiration?
Ja, sicher: Einmal haben Blässhühner bei der Badehütte gebrütet. Ein Kleines hatte sich eingeklemmt und fiepte. Wir konnten es retten. Daraus habe ich eine Predigt gemacht: Wenn es uns nicht gut geht, müssen wir Ton angeben. Sonst kann uns niemand helfen. Ein Mal sah ich um 5.15 Uhr über dem See die Sonne knallrot aufgehen. Da habe ich begriffen, was «Trittst im Morgenrot daher» bedeutet. (mw)


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