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Kultur

Locarno ist ein Lernort für die Kirchen

Am Filmfestival von Locarno waren die Kirchen mit einer eigenen Jury präsent. Präsidiert wurde sie vom evangelischen Pfarrer Werner Schneider-Quindeau. Für den Frankfurter ist Filmeschauen «die Kunst der Unterscheidung». Den ausgezeichneten Film «Godless» bezeichnet er als Theologie vom Feinsten.

Herr Schneider-Quindeau, warum hat die Ökumenische Jury den bulgarischen Film «Godless» ausgezeichnet?
Die Regisseurin Ralitza Petrova hat an der Preisverleihung gesagt: «Dies ist ein Film für Gläubige.» Damit hat sie sicher einen wichtigen Punkt getroffen. Es handelt sich bei «Godless» um ein Klagelied im theologischen Sinn. In der Ökumenischen Jury hat uns vor allem dieser Schrei aus tiefster Not überzeugt, der einem Psalm gleichkommt. Darüber hinaus öffnet sich der Film auch für die orthodoxe Liturgie, indem Kirchenlieder eingespielt werden, die einen Zugang zum «Anderen» eröffnen. Damit wird für die Zuschauer und Zuschauerinnen ein Verwiesen-Sein auf Gott angedeutet. Auch wenn die Lage verzweifelt erscheint, gibt es eine Sehnsucht, aus dieser Not erlöst zu werden. Das ist Theologie vom Feinsten an einem Filmfestival. Besonders gefreut hat mich, dass «Godless» auch den Goldenen Leoparden gewonnen hat.

Was war Ihre Aufgabe als Präsident der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno?
Das Spannende an der Ökumenischen Jury ist die Tatsache, dass hier verschiedene Perspektiven zusammentreffen, wie Filme wahrgenommen werden. Die Internationalität mit Mitgliedern aus Nigeria, den USA und aus Europa war vielversprechend. Ich sah mich als Moderator zwischen diesen verschiedenen kulturellen Horizonten. Das hiess, alle Stimmen mussten gehört werden und auch ihr entsprechendes Gewicht finden.

Handelte es sich dabei vor allem um interkulturelle Fragen?
In der Tat. Ich war gespannt, wie unser nigerianischer Kollege, Walter Ihejirika, die Filme wahrnimmt. Wir hatten es in der Jury ja mit Menschen verschiedener Kulturen zu tun. Das war manchmal gar nicht so einfach. Man musste über die Grenzen der eigenen Kultur hinausgehen und versuchen zu verstehen. Es ging auch bei den Filmen um eine grosse kulturelle Spannweite. Wie stellt ein Film aus China die Gesellschaft oder ein existentielles Problem dar, das wir aus europäischer Sicht ganz anders beschreiben würden?

Das ist der grosse Gewinn von Filmfestivals: Es handelt sich um Schaufenster der internationalen Filmkultur auf der einen Seite, aber zugleich auch der Kulturen global. Und wir wissen heute ganz genau, wie schwierig es ist, interkulturelle Kommunikation wirksam zu gestalten. Das ist mehr als zu sagen, das sind schöne Absichten, aber wir können angesichts der Konflikte nicht viel damit anfangen. Ich finde, Filmfestivals sind ein verheissungsvoller Ansatz, die Lähmung in der interkulturellen Verständigung zu überwinden. Durch den Austausch kommen wir zu gemeinsamen Perspektiven in Konfliktsituationen.

Filmfestivals stehen also zwischen den Kulturen. Stehen sie auch zwischen den Religionen?
Die Religionen spielen in den Filmen, zumindest als kultureller Teil, natürlich eine wichtige Rolle. Wobei ich immer noch unterscheiden würde zwischen Religion und Glaube. Im Film kommt der Glaube als existentielle Dimension, als Vertrauen auf Gott, viel stärker zum Tragen als zum Beispiel in der Wissenschaft. Im Film sind es die alltäglichen Geschichten mit ihren existentiellen, sozialen und politischen Fragen, die zählen. Damit werden auch religiöse Fragen selbstverständlich zum Thema.

Finden Sie diese existentielle Dimension des Glaubens auch in Filmen des internationalen Wettbewerbs in Locarno?
Ich fasse den Begriff «Glaube» weit. Ich würde diesen jetzt nicht konfessionell, wie zum Beispiel im Glaubensbekenntnis verstehen. Wenn wir Filme sehen wie den polnischen Beitrag «The Last Family» («Ostatnia rodzina»), dann geht es natürlich auch um die Frage: Was trägt diese Familie? Was bedeutet Glaube dort? Es geht um einen Maler, der ganz schreckliche Bilder macht und fürchterliche Fantasien hat. Entweder deutet man das alles nihilistisch oder geht einen anderen Weg. Es gibt in dem Film auch die Gestalt der Mutter, die durchaus katholisch ist, die aufgrund ihres Glaubens diese Familie zusammenzuhalten versucht.

Das ist ein Beispiel, wie wir Familiengestalten deuten, die gegen alle Formen von Überforderung und Ideologie antreten. Da müssen sich die Kirchen fragen: Wie verhalten wir uns in einer Situation, wo Familien auseinanderbrechen? Bei familienpolitischen Stellungnahmen der Kirche müssen wir wissen, dass Familie auch sehr stark ein Thema im Filmschaffen ist.

Kann man daraus schliessen, dass Filmfestivals ein Lernort für die Kirchen darstellt?
Das ist das Entscheidende. Deshalb haben wir auch Jurys auf den Festivals. Und deshalb sind sie auch unverzichtbar. Die Aufgabe besteht darin, die Kunst der Unterscheidung einzuüben; nämlich zu sagen: Es gibt Filme, die haben eine bestimmte Qualität, die andere nicht haben. Aus diesem Wettbewerb des Filmfestivals auszuwählen und dabei zu fragen: Was lernen wir hier? Ein Filmfestival ist ein Bildungsraum par excellence.

Als protestantischer Theologe spreche ich dabei von der Kunst der Unterscheidung, so wie es schon von Anfang an darum ging, was gelten soll. Wie müssen wir uns unterscheiden von allen anderen Vorstellungen in dieser Welt, die natürlich existieren? Unterscheiden heisst nicht trennen. Aber darin, dass wir die Unterscheidung lernen, lieben wir den Dialog. Nur dadurch lernt man. Es ist wie beim Weintrinken. Man muss verschiedene Weine trinken und dadurch lernen. Ich wähle die aus, die mir am besten schmecken. Diese Metapher gilt für die Auswahl von Filmen.

Was heisst das für die Kirchen?
Die kulturellen Dialoge an den Filmfestivals sind für unsere Sprachfähigkeit wichtig. Sie geben den Nährboden für unsere Bildung.

Welche Bedeutung hat Locarno im Vergleich zu anderen Filmfestivals für Sie?
Locarno hat ein Alleinstellungs-Merkmal: das ist die Piazza Grande und zwar unabhängig von der Qualität der Filme. Ich schätze die Piazza Grande ganz besonders, weil hier in einer modernisierten Form etwas wieder hergestellt wird. Piazzas sind Orte des Dialogs, Orte der Begegnung, Orte der Wahrnehmung. Der Markt als «Piazza» ist immer mehr als eine wirtschaftliche Angelegenheit. Am Filmfestival wird die Piazza wieder zu dem, was sie einmal war: ein Ort des Dialogs und der kulturellen Begegnung.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch»

Charles Martig / ref.ch / 17. August 2016

Charles Martig ist Direktor des katholischen Medienzentrums und Mitglied der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno.

Ökumenische Jury

Seit 1973 ist jedes Jahr eine Ökumenische Jury am wichtigsten Schweizer Filmfestival in Locarno präsent. Seither zeichnet das Gremium Filme aus, die das Publikum für religiöse, menschliche oder soziale Werte sensibilisieren. Das Preisgeld von 20’000 Franken, das an den Verleih des ausgezeichneten Films in der Schweiz gebunden ist, wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet. Die Mitglieder der Ökumenischen Jury werden von den beiden internationalen kirchlichen Filmorganisationen Interfilm und Signis gestellt und gehören verschiedenen christlichen Konfessionen an. In diesem Jahr bestand die Jury aus Paul Block (USA), Walter Chikwendu Ihejirika (Nigeria), Charles Martig (Schweiz), Martina Schmidt (Schweiz) und Werner Schneider-Quindeau (Deutschland), der die Jury präsidierte.


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