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Kirche

Über das Bedürfnis nach ruhigem Wohnen

Wohnen heisst immer Zusammenwohnen, das Konzept des Wohnens verlangt keine harmonische Endgültigkeit und und wir sind nur Gast auf dieser Erde, nicht ihr Besitzer: Zu diesen drei Schlüssen kommt der St. Galler Theologe Rolf Bossart bei der Auseinandersetzung mit Bibeltexten zum Thema «Wohnen» und «Wohnformen».

Sitzen in Schweizer Städten ein paar junge Erwachsene aus dem Mittelstand zusammen, dreht sich das Gespräch oft ums Wohnen. Es geht dabei weniger um exklusive Einrichtungsfragen, sondern erstaunlicherweise spricht man übers Wohnen eher so, wie man es bei den Ärmsten der Armen erwarten würde: Es geht um zu hohe Mieten, fehlende Sicherheit und vor allem um Lärm und zu wenig Platz. Gemessen an den Wohnverhältnissen der unteren Schichten in Grossstädten ist dieses Jammern natürlich grotesk. Und doch meldet sich darin eine universelle Wahrheit: Ob arm oder reich, ob früher oder heute, stets braucht es zu einem menschenwürdigen Wohnen zwei Dinge, die schon in der Bibel eine zentrale Bedeutung haben: Land und Ruhe.

Ein ständiger Unruheherd bleibt

Für die Wichtigkeit von Land und Ruhe lassen sich über die ganze Welt verteilt viele Beispiele finden. Ich nenne zwei, die zugleich die Legitimität und die Problematik des Bedürfnisses nach genug Land bzw. Platz und Ruhe verdeutlichen sollen. In den Städten hat das «Land» trotz verdichtetem Bauen und neuen Hochhäusern keineswegs an Bedeutung verloren.Das zeigt sich etwa an den Pärken in besseren Quartieren, an den immer grossflächigeren Wohnzimmern in Neubauten oder am Wert, den Eltern mit Kindern einem eigenen Garten beimessen.

Ein Freund von mir wohnt in einer Genossenschaftssiedlung in Zürich. Die Leute, die dieses Haus geplant und erstritten haben, wollten etwas gegen die Zersiedelung des Landes und die Individualisierung des Wohnens tun und günstigen Wohnraum mitten in der Stadt schaffen. Die Vision eines gemeinschaftlichen Wohnens ohne Renditezwang und Gartenzaunmentalität sowie der lange Atem der Initianten sind beeindruckend. Die gute Stimmung in den Häusern erstaunt daher nicht. Und dennoch ist auch hier der schweizerische Trend zu beobachten, dass immer weniger Menschen immer grössere Flächen bewohnen, da sie sich offensichtlich durch die niedrigen Mieten den Umzug in eine grössere Wohnung innerhalb der Siedlung leisten können und keine Regel der Genossenschaft dies verbietet. Auch das Bedürfnis nach Ruhe, das in der sozial homogenen und als eine Art Trutzburg konzipierten Siedlung bereits ausgiebig gestillt scheint, bleibt ein ständiger Unruheherd: Man mokiert sich über den «Lärm» der paar wenigen ausländischen Familien oder sammelt Unterschriften gegen die «Lichtverschmutzung» einer 24-Stundenservice-Firma gegenüber.

Privater Wächter als Beschützer

Ein anderer Freund lebt und arbeitet mit seiner Familie in San Salvador. Sein Quartier wird vor allem von Leuten bewohnt, die ein bisschen mehr als den kargen Durchschnittslohn verdienen. Mit dem wenigen, das davon übrigbleibt, haben sie nun beschlossen, das Quartier abzuschliessen und einen Wächter zu bezahlen, um sich gegen die vielen Morde in der Stadt zu schützen. Eine verständliche Massnahme, die aber neben Unannehmlichkeiten die erhoffte Entspannung noch nicht gebracht hat. Die Kinder spielen nach wie vor nicht auf der Strasse, und das Misstrauen, das zum Beispiel dazu geführt hat, dass man einander nie in die eigene Wohnung einlädt, ist auch noch nicht verschwunden. Die Beispiele zeigen: Das Bedürfnis, in Ruhe zu wohnen ist einerseits zentral, aber andererseits nicht leicht zu befriedigen, und seine Befriedigung wird leicht selber zum Problem.

Als Verheissung

Es ist nicht zufällig, dass diese Frage in der Bibel im Kontext des Volkes Israel und der Gemeinde einen wichtigen Platz einnimmt, und zwar einerseits so, dass Land-Haben und Ruhe-Haben zusammengehören und andererseits wird keineswegs nur in Form einer paradiesischen Verheissung darüber gesprochen, sondern auch in Form von Gesetz und Regel. Das beginnt schon bei der Sprache. Nach einer Beobachtung des niederländischen Theologen Dick Boer heisst in der Tora das Wort, womit die Verheissung Gottes auf den Begriff gebracht wird, überraschenderweise nicht shalom, sondern menucha (Ruhe). Ruhe ist das, was Israel bevorsteht, wenn es in das gelobte Land einzieht: «Bis jetzt (sagt Moses zum Volk) seid ihr nicht eingefahren zu der Ruhe und zu dem Eigentum, die JHWH, dein Gott, dir gibt. Habt ihr aber den Jordan überschritten, siedelt ihr in dem Land, das JHWH, euer Gott, euch zueignet, hat er euch Ruhe gewährt vor all deinen Feinden ringsum, dass ihr in Sicherheit sesshaft werdet.» (Dtn. 12, 9–10) Was Israel hier zugesprochen wird, ist daher genau genommen weniger als das, was der Begriff shalom verspricht. Denn Ruhe ist nüchterner zu verstehen. Es heisst nur, dass das Volk nicht ständig damit rechnen muss, von seinen Feinden überfallen zu werden.

«Es ist eindeutig das Mass der Gerechtigkeit, die Ausdruck in der Frage der Landverteilung findet.»

 

Und die Erfahrung Israels ist, dass die Feinde zahlreich sind und stark. Für Israel ist also, von seinen Feinden in Ruhe gelassen zu werden, nichts weniger als die Erfüllung seines tiefsten Wunsches. Es hat es nicht nötig, unbedingt den Traum eines alles umfassenden, alle denkbaren Wünsche erfüllenden Friedens zu träumen. Und an den zahlreichen Regelungen und Ermahnungen kann man auch sehen, dass die Bibel in der Frage des Zusammen-Wohnens sehr realistisch ist, mögliche Konflikte bedenkt und versucht, sie zu verhindern oder zu lösen. Das bedeutet zweierlei: Zum einen zeigen die Regeln klar das Mass an, das Wohnen in Ruhe ermöglicht. Es ist eindeutig das Mass der Gerechtigkeit, die einen wichtigen Ausdruck findet in der Frage der Landverteilung und dem Verbot: «Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste vor mir.» (Lev. 25, 23). Zum Zweiten weiss die Bibel um den Umstand, dass Verantwortlichkeit, Zurückhaltung oder Solidarität, die zu einem guten Zusammenleben hinzugehören, nicht den Einzelnen überlassen werden können, sondern eine durch Regeln festgesetzte Verpflichtung sein müssen.

Die Freude über die Weisungen

Darum feiert die Synagoge immer noch Simchat Tora, die Freude des Gesetzes, während es der Kirche noch immer nicht gelingt, sich über das Gesetz zu freuen. Der Jude Jesus, den wir als Messias bekennen, sagte von sich, nicht gekommen zu sein, um auch nur ein Iota der Tora abzuschaffen – sondern um sie zu erfüllen. Wir kennen alle die berühmten Worte Jesu: «Kommt zu mir alle, die ihr euch abmühet und belastet seid: ich will euch Ruhe geben.» (Mt. 11, 8) Sollten wir sie nicht zusammen lesen mit dem eben Gesagten über den Zusammenhang von Gesetz und Ruhe? Denn mit diesem «kommt zu mir» ist ja im Kontext des Evangeliums auch die Gemeinde gemeint. Kommt zu mir, heisst dann das Versprechen: kommt zur Gemeinde als dem Raum, wo diese wohltuende Ruhe tatsächlich herrschen soll, zwischenmenschlich, aber auch gesellschaftlich-politisch, weil die biblische «Ruhe» immer auch Existenzsicherheit und Solidarität meint: «Einer trage des anderen Last.» (Gal. 6, 2)

Drei Schlüsse

Aus diesen Bemerkungen zu den Begriffen Land und Ruhe in der Bibel lassen sich drei allgemeine Schlüsse ziehen, die uns auch zu den Beispielen am Anfang zurückbringen.

1. Wohnen heisst immer Zusammenwohnen. Das bedeutet, es ist zunächst mal konfliktreich. In Ruhe wohnen erfordert daher die Regelung des Zusammenlebens auf jeder noch so kleinen Einheit. Diese Regeln müssen klar und öffentlich sein und zwei Zwecken dienen: Erstens müssen sie die ganz normalen Abläufe des Alltags klären und zweitens pragmatisch auf die Schwäche eines Systems reagieren und diese so gut es geht neutralisieren. Die Genossenschaft (oder Gesellschaft), die merkt, dass immer weniger Leute immer mehr Wohnraum beanspruchen, muss eine sinnvolle Obergrenze an Wohnraum festlegen. Das Quartier, das merkt, dass der Wachsoldat nicht dazu führt, dass die Kinder wieder draussen spielen, braucht verbindliche, begleitende Massnahmen wie politisches Engagement oder Nachbarschafts- initiativen, die ein öffentliches Leben im Quartier fördern. Wer solche Regeln zuwenig beachtet, unterwirft sich bald den informellen Gesetzen der Angst, Vorurteilen, Konventionen und Macht. Ein Beispiel für die Kontraproduktivität von vermeintlicher Freiheit durch informelle statt verbindliche Regeln ist das propagierte «Erlaubt ist, was nicht stört». Diese «Nicht-Regel» führt schnell zur Herrschaft derer, die sich an allem stören und so direkt in eine grössere Unfreiheit des Zusammenlebens.

2. Nimmt man den skizzierten Unterschied des Begriffs der Ruhe (menucha) zu shalom ernst, dann liegt das biblische Mass für ein ruhiges Wohnen in einem Bewusstsein der Vorläufigkeit und der Halbheiten im Gegensatz zur Vollkommenheit des göttlichen Friedens. Das Konzept des Wohnens in Ruhe verlangt also keine harmonische Endgültigkeit. Das heisst konkret, dass alle aufgerufen sind, sich mit Halbheiten und Konflikten zu arrangieren, weil unter dem Strich betrachtet in der relativen Unruhe alle am ruhigsten wohnen. Umfragen zeigen, dass in alters- und schichtdurchmischten Quartieren die Menschen sich am sichersten fühlen. Wohl vor allem, weil sie gelernt haben, sich auch in einem konflikthaften und nicht perfekten Alltag wohl zu fühlen. Etwas zugespitzt könnten wir daher die bei uns zu beobachtende ständige Perfektionierung des eigenen Wohnens durch immer mehr Forderungen nach Raum, Ruhe, Sicherheit und exklusive Einrichtungen als Sünde bezeichnen – weil man dadurch den Unterschied von weltlicher Ruhe (menucha) und göttlichem Frieden (shalom) vergisst, weil das Bedürfnisse sind, die kein Mass und kein Ende kennen und daher die eigene Ruhe nicht selten mit Unruhe bei anderen erkauft wird, indem man dadurch an der Entmischung der Quartiere mitschuldig wird.

«Distanz schafft Heimlichkeiten, zu grosse Nähe hebt sie alle auf und plötzlich werden die Nachbarn ‹unheimlich›.»

 

3. Den letzten Punkt möchte ich das Kultivieren der Fremdheit im Zusammenleben nennen. Er lässt sich ableiten von Levitikus 25, 23: «… denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste vor mir.» Das Verbot, Land als letztgültiges Eigentum zu besitzen, wird hier mit Fremdheit vor Gott begründet. Und ist diese Fremdheit nicht etwas, das uns auch im Zusammenleben immer wieder daran erinnert, dass die anderen kein Besitz sind, dass meine Bedürfnisse nicht die Form von Verfügung über die anderen annehmen dürfen, dass wir uns also mit Vorteil gegenseitig so verhalten, als seien wir Gäste? Eine Gruppe, Partei oder Gemeinde, die zur Gemeinschaftsbildung diese Forderung des Fremdseins als Entfremdung missversteht und glaubt überall statt auf Distanz auf Nähe setzen zu müssen, wird unweigerlich zum engen Zwangsverein. Die Kultivierung der gegenseitigen Fremdheit ist daher das gruppendynamische und politische Gegenstück zur Gemütlichkeit, die ständig Ausschlüsse produziert, weil sie immer unterscheiden muss in die Gemütlichen und Ungemütlichen. Übrigens verkehrt sich unter diesem Aspekt auch der gebräuchliche Sinn des Begriffspaars: heimlich/unheimlich. Distanz schafft Heimlichkeiten, zu grosse Nähe hebt sie alle auf und plötzlich werden die Nachbarn «unheimlich». Nicht anders verhält es sich mit einem Gott, dem man sich allzu nahe fühlt und von dem man alles ganz genau zu wissen scheint. Denn sowohl die Gemeinschaft unter Menschen als auch jene mit Gott ist mit Vorteil durch die Kultivierung der Fremdheit geprägt.

Text: Rolf Bossart, St.Gallen* | Bilder: meka – Kirchenbote SG, September 2016
*Der Autor Rolf Bossart, Dr. theol., ist Publizist und Lehrer am Gymnasium Appenzell und der PH St. Gallen

 

 


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