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Gesellschaft

Auf der Spur der Notre-Dame-du-Haut

Er gilt als Architekt des Aufbruchs in der Ostschweiz: Alfons Weisser entwarf, ein Jahr nach Abschluss seines Architekturstudiums, die Bruder-Klaus-Kirche in Winkeln und gewann 1957 den ersten Preis mit der kühnen Konstruktion eines Schalendachs. Die Kirche steht heute unter Bundesschutz.

1955 hatte Le Corbusier mit seiner Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, mit ihren gewölbten Wänden und dem mystischen Halbdunkel des Innenraums den Kirchenbau revolutioniert. 

Alfons Weisser legte über einen strengen, fast quadratischen Grundriss eine schwebende konkave, nur sieben Zentimeter starke Decke – wie ein aufgespanntes Tuch. Der Einfluss Le Corbusiers auf Weissers Schaffen blieb in seinem Werk manifest.

Wie entstand die Idee eines Schalendachs?

Alfons Weisser: In dem aufstrebenden St. Galler Industriequartier Winkeln sollte sich das Gottes-
haus von den industriellen Bauformen unterscheiden und eine ebenso starke eigene Sprache sprechen. Eine sich von den umliegenden Bauten unterscheidende äussere Form genügt allein natürlich nicht. In Winkeln wird das liturgische Geschehen am Altar auf eine ganz besondere Weise von der Raumform begleitet. Die schwebende Decke zieht sich über dem Altar in die Höhe. Das Licht fällt diagonal in den Raum. 

Wie wurde sie realisiert?

Die meisterhafte Ingenieurleistung des Baustatikers Heinz Hossdorf (1925 – 2006), die Überdachung des ganzen Raums aus einer tragenden, nur sieben Zentimeter starken Betondecke zu konstruieren, verdient alle Bewunderung; sie ist ein Werk zur Verherrlichung Gottes. Mit zwei Modellen überzeugte Hossdorf die Zuständigen von der Machbarkeit des Schalendachs. Es war die erste interessante Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kritiker verspotteten den Bau zwar als «Seelenabschussrampe», wie später bei der Kirche Teufen.

Warum der Fokus auf Kirchenbau?

Ich habe schon während meines Studiums Kirchen geplant. Meine Diplomarbeit war eine Kirche. Mich faszinieren die Wände als Stilelemente; sie umschliessen das Mysterium. Aber: Der Architekt soll in der Kirche verschwiegen sein. In Sulgen habe ich in Erinnerung an die römische Vergangenheit einen massiven Turm realisiert. Die Kirche in Glarus ist mächtig – da drüber erhebt sich der Glärnisch. Manchmal gibt es auch Enttäuschungen – so die Wand in der Kirche Teufen, die später blau angemalt wurde. Sie wurde so entmaterialisiert.

Braucht es Kirchen, ein Haus des Herrn?

Ja, Jesus Christus ist das menschgewordene Wort Gottes. Im Tabernakel ist die Realpräsenz Gottes. Teilhard de Chardin hat Naturwissenschaft und christliches Denken in Einklang gebracht. Der christliche Glaube ist das Allereinfachste und Natürlichste auf der Welt.

Schlägt sich die Reformation immer noch in der Architektur nieder?

Früher waren katholische und reformierte Kirchen sehr unterschiedlich. Inzwischen wird das nicht mehr so ernst genommen. Auf der reformierten Kirche im St. Galler Riethüsli etwa hat der Künstler Max Oertli einen sehr grossen Hahn platziert. Aber auch auf katholischen Kirchen stehen Wetterhähne. Doch die meisten Spitzen
katholischer Kirchtürme tragen ein Kreuz.

Was gehört zu einer Kirche – warum Turm, Kreuz, Hahn, Glocken?

Da bin ich fast überfragt: Kirchenbauten sind so verschieden – manche wirken wie Minarette, manche wie Festungen. Es gibt unendlich viele Formen und Farben. In Sainte-Marie de la Tourette in Eveux bei Lyon hat le Corbusier eine kleine Kiste mit drei Glocken als «Turm» konstruiert.

 

Text | Bild: Margrith Widmer, Journalistin BR, Teufen  – Kirchenbote SG, Oktober 2016

 

Alfons Weisser – KIrchenarchitekt und Maler

Alfons Weisser, geboren 1931 in St. Gallen, studierte nach der Matura an der Kantonsschule St. Gallen, ab 1950 an der ETH Zürich Architektur. Im Architekturbüro Ernest Brantschen absolvierte er sein Praktikum, finanzierte sein Studium und trat 1956, nach dem Diplom, in dieses Büro ein. 

Ein Jahr später gewann er mit seinem Entwurf im Wettbewerb für die neue katholische Kirche St. Gallen-Winkeln den ersten Preis. Es folgten die katholischen Kirchen Sulgen, St. Othmar in Roggwil, die St. Fridolinskirche in Glarus, und die Liebfrauenkirche in Nussbaumen. 1965 wechselte er zur Architektengemeinschaft Pfister + Weisser.  1968 wurde sein Entwurf des Sekundarschulhauses Zil mit dem ersten Preis ausgezeichnet; er baute die St. Josefenkirche in Matzingen, die Katholische Kirche Teufen und die Kirche St. Anton in Diepoldsau. Ab 1963 nahm er Lehraufträge an der Kunstgewerbeschule St. Gallen wahr. Von 1972 bis 1994 war er Fachlehrer an der Gewerbeschule. 

Weisser malt auch: Seine Aquarelle wurden mehrfach ausgestellt. 2001 war eine Gesamtausstellung seines Werks im Ausstellungssaal des Regierungsgebäudes St. Gallen zu sehen. (mw.)


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