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Kirche

Seelsorge – zwischen Tradition und Moderne

«Der Hausbesuch hat ausgedient – oder nicht?»

19.10.2016
Drei Pfarrer und eine Pfarrerin geben Auskunft über ihr Seelsorgeverständnis und gehen auf die Frage ein, ob der traditionelle Hausbesuch ausgedient hat.

Was ist Seelsorge und welches Seelsorgeverständnis haben Sie?

Pfarrer Markus Lohner, Wil
«Ich besuche im Spital eine jüngere Frau. Wir kennen uns nicht. Rasch wird klar, sie befindet sich in einer Lebenskrise: Alkoholprobleme, Trennung vom Partner, Suizidversuch und die Frage: Werde ich wieder einmal für meine Kinder sorgen können? Ich habe Zeit und ein offenes Ohr, das muss jetzt genügen. Gegen Ende des Gesprächs denke ich, ein Gebet wäre gut. Sie findet das auch. Spontan bete ich auch für den Ehemann. Das, so sagt sie beim nächsten Besuch, habe in ihr etwas verändert.» 

Pfarrerin Andrea Hofacker, Rebstein-Marbach
«Mir ist es wichtig, dass Menschen in Krisen sich ihrer Stärken und Ressourcen bewusst werden. Das kann alle Bereiche betreffen: ihre christliche Spiritualität, ebenso soziale Aspekte, manchmal Materielles. Durch gezieltes Fragen und gutes Zuhören kann man diese Ressourcen wieder aufzeigen und so zu einer Stärkung in der Krise beitragen. Seelsorge betrifft dabei nicht nur die Seele, sondern den ganzen Menschen. Das sollte man immer im Blick behalten.»

Pfarrer Hanspeter Aschmann, Rapperswil-Jona
«Seelsorge ist für mich grundsätzlich jedes Gespräch, in dem Persönliches zur Sprache kommt und eine gegenseitige Anteilnahme spürbar wird. Sie ereignet sich also nicht nur im Gespräch mit Pfarrer, Diakon oder Psychologen, sondern auch – sogar meistens – im Bereich ganz alltäglicher Kommunikation. Im engeren Sinn geht es dabei um wohltuenden Austausch (offenes Ohr), ein Beratungsgespräch zur Lösung von Problemen oder einfach um stärkende, stützende Impulse, um schwierige Situationen erträglich zu machen.»

Pfarrer und Klinikseelsorger Markus Walser, Wil 
«Seelsorge bedeutet für mich: einen Menschen auf einem Wegabschnitt  seines Lebens begleiten, ihm zuhören und ungeachtet seiner Herkunft und Geschichte auf ihn eingehen, ein Ohr für vorhandene religiöse und spirituelle Beheimatung haben und dazu beitragen, diese Beheimatung als Quelle für Gesundung und Heilung fruchtbar zu machen.»

Braucht der autonome, selbstbestimmende Mensch überhaupt noch eine Hilfe mittels Seelsorge?

Pfarrer Markus Lohner, Wil
«Ich glaube, wer im Leben weiterkommen möchte, sucht sich einen guten Gesprächspartner,  mit dem er über Schwächen, Zweifel und Versagen reden kann und der ohne Zurückhaltung heikle Punkte anspricht. Dieses Gegenüber kann der eigene Bruder oder eine gute Freundin sein. Oder die Seelsorgerin, die das Gegenüber auch mit Schuld und Versagen nicht alleine lässt, sondern ermutigt, Schuld zu benennen, zu bekennen und den Weg der Vergebung zeigt. Und das hat jeder Mensch nötig.»

Pfarrerin Andrea Hofacker, Rebstein-Marbach
«Christliche Religion, so wie ich sie verstehe, will den Menschen nicht entmündigen, sondern befreien. Aber sie sagt auch: Du kannst nicht alles im Griff haben in deinem Leben. Diese Erfahrung ist nicht gerade populär, aber häufig in Zeiten, in denen Privates und Berufliches von vielen Abbrüchen und Neuanfängen geprägt ist. Darum steigt ja gerade die Nachfrage nach Spiritualität und einer sinnvollen Deutung des eigenen Lebens, um damit verbundene Ängste besser bewältigen zu können.»

Pfarrer Hanspeter Aschmann, Rapperswil-Jona
«Davon bin ich fest überzeugt, weil auch dieser Mensch ein soziales Wesen bleibt und sich nicht, wie Baron Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Und es gibt wohl auch keinen noch so autonomen Menschen, der im wirklichen Leben nicht früher oder später einmal in eine schwierige Lage gerät, in der er auf Hilfe durch andere angewiesen ist. Dafür ist das menschliche Wesen zu unvollkommen und das Sein des Menschen zum Tod zu absolut.»

Pfarrer und Klinikseelsorger Markus Walser, Wil 
«Er kann sich auch anderswo Hilfe holen – es gibt eine reiche Angebotspalette – oder sagen «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott». Aber im Angesicht der Erfahrung von Scheitern, Schicksalsschlag oder Erkrankung beginnt mancher Mensch dann doch zu fragen: «Woher komme ich? – Wer bin ich? – Wohin gehe ich?» Für die Begleitung (nicht Beantwortung!) in solchem Fragen ist hellhörige und respektvolle Seelsorge kompetent.»

Früher gab es die Hausbesuche. Haben diese ausgedient und sich entsprechende Alternativen aufgetan?

Pfarrer Markus Lohner, Wil
«Eine alte Frau erzählte mir, früher sei der Pfarrer jeweils einmal im Jahr zu ihrem Vater gekommen und hätte mit ihm eine Flasche Rotwein getrunken. Heute, wer weiss damals auch schon, ist das vernünftigerweise die Ausnahme. Aber der Hausbesuch ist keinesfalls ein Auslaufmodell. Manchmal geht es nicht anders und man schreibt wenigstens eine Karte, telefoniert oder bestellt die Leute zu sich. Aber einen Menschen besuchen, ist wohl das grösste Zeichen von Wertschätzung, Interesse und Anteilnahme.»

Pfarrerin Andrea Hofacker, Rebstein-Marbach
«Oft ist es für Menschen einfacher, auf der Strasse oder nach der Kirche kurz anzudeuten, was sie besonders belastet. Dort haben sie die Freiheit, ein Gespräch niederschwellig zu beginnen, sich aus diesem aber bei Bedarf auch wieder zurück zu ziehen. Das ist eine Frage des Raumes. Wenn die Pfarrerin auf der Couch in der Stube hockt, ist das nicht so einfach. Trotzdem werden aus solchen Gelegenheiten oft Hausbesuche, weil ich dann zu einem späteren Zeitpunkt nachfrage oder anrufe.»

Pfarrer Hanspeter Aschmann, Rapperswil-Jona
«Natürlich gibt es heute die Internet-, Social-Media- und Telefonseelsorge, die in ihrer Bedeutung durchaus nicht zu unterschätzen sind. Doch deswegen sind die traditionellen Hausbesuche keineswegs überflüssig geworden. Ja ich denke, gerade durch die ganzheitliche Wahrnehmung von Angesicht zu Angesicht hat die Seelsorge in physischer Präsenz nach wie vor die besten Voraussetzungen, auch zu gelingen. Letztlich führt daran nichts vorbei. Und das ist gut so, auch wenn damit mehr Aufwand verbunden ist.»

Pfarrer und Klinikseelsorger Markus Walser, Wil 
«Menschen verschiedener Altersstufen beantworten mir die Frage nach dem Hausbesuch mit «sehr erwünscht!». In der Umsetzung des Jesus-Wortes «Ich war krank und ihr habt mich (nicht) besucht» (Matthäus 25,43) ist es urseelsorgerliches Handeln, Menschen da zu besuchen, wo sie leben und gerade sind: zuhause, in Spital oder Gefängnis, auf dem Fest, bei der Arbeit. Moderne Lebens- und Arbeitsformen bringen es mit sich, dass Besuche weniger spontan und mehr verabredet erfolgen.»

Wie kann der Mensch in seinem Alltag seiner Seele Sorge tragen?

Pfarrer Markus Lohner, Wil
«Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Ratgeber auf dem Markt. Und weil man schlecht aus seiner eigenen Haut fahren kann und Veränderungen anstrengend sind, nur dies: Das Beste, was man für seine Seele tun kann ist, das uralte Bekenntnis im Herzen zu tragen: Jesus Christus ist der Herr. So gibt man dem Leben ein Fundament. Und weil wir auch im Glauben unsere Mühen und Zweifel haben, ist es zudem gut, wenn wir eine Handvoll Menschen haben, die für uns beten.»

Pfarrerin Andrea Hofacker, Rebstein-Marbach
«Manchen Menschen hilft es, Psalmen zu beten, anderen hilft es, täglich einen Spaziergang zu machen, den Alltag hinter sich zu lassen, und sich zu öffnen für das, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Ich persönlich frage mich: Wenn ich heute sterben müsste, was würde ich am meisten bereuen? Die Antwort ist nie: Ich habe zu wenig gearbeitet, sondern immer: Ich habe mich zu selten den Menschen gewidmet, die mir wirklich viel bedeuten. Dann weiss ich, was ich für meine Seele tun sollte.»

Pfarrer Hanspeter Aschmann, Rapperswil-Jona
«Mit genau dieser Frage beschäftigt sich die moderne Forschung zu Resilienz (von lat. resilire: abprallen, zurückspringen) und Salutogenese (Gesundwerdung) – hier ist also noch vieles offen. Aus praktischer Erfahrung rate ich zu einem kritischen Umgang mit «Unterhaltungselektronik» im weitesten Sinn, der ich mich aussetze, und zum Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Eindruck und Ausdruck, Fülle und Leere, Spiritualität und Profanität, Aktivität und Passivität, sozialem Leben und Selbstsein.»

Pfarrer und Klinikseelsorger Markus Walser, Wil 
«Wer achtsam ist für die Tatsache, dass er als geschöpflicher Mensch ein unendlich wunderbares und auch wundersames, beseeltes Wesen darstellt, trägt seiner Seele in ihrer Einheit mit Geist und Körper Rechnung. Wer erkennt, dass Leben Geschenk ist, in Zeit und Raum, ist sorgsam auf das Zusammenspiel bedacht und so auch sein eigener «Seel-Sorger».»

 

Synopse – zusammengestellt von Katharina Meier – Kirchenbote SG, November 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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