News aus dem Kanton St. Gallen

Gott hat mich angelacht

min
10.11.2022
Pfarrer Beat E. Wüthrich schreibt über die ansteckende Wirkung von Lachen - und wie schnell Gottes Lachen dabei ist.

Wir verlassen gerade die ockerbraune Kathedrale, als eine Frau, am Strassenrand sitzend, uns ihre offene Hand entgegenstreckt. Sie bittet, wie viele andere, um Almosen. Sie scheint zu wissen, dass ihre Bitte hier auf "heiligem Grund" erfolgreich ausfallen wird und m√∂glicherweise ergiebiger als anderswo - denn die Kirchg√§nger sind ja mit Gott verbunden und tun das was Er tun w√ľrde, oder nicht? Auch kennt sie wom√∂glich das biblische Wort "Wer bittet, dem wird gegeben werden." Und so bittet sie halt...

Ich mache meine Frau auf die Bittende aufmerksam, denn hier in ihrem Geburtsort, den Philippinen, ist Jayne die viel kompetentere Finanzministerin als ich (N.B. anderswo auch) und ich habe nicht einen winzigen Peso auf mir. Sie wendet sich ihr zu, ein kurzer Dialog entsteht, ein Geldbeutel erscheint und ein Geldst√ľck wechselt frohgemut seinen Besitzer. Die Frau schaut dankbar auf und dreht sich auch zu mir, denn sie hat gemerkt, dass ich in der Transaktion eine Rolle spiele. Pl√∂tzlich holt Jayne noch ein anderes Geldst√ľck aus der Tiefe ihres Geldbeutels hervor und reicht es ihr. Und dann... noch eines! Das ist schon eher ungew√∂hnlich. Und pl√∂tzlich, wie vom Ausverkaufsfieber gepackt, greift sie zu, immer wieder. Ungl√§ubig und belustigt schaue ich zu. Der schwerf√§llige Geldbeutel wird tats√§chlich, allen weisen Konventionen zum trotz, Griff um Griff, von seinem herumliegenden Kleingeld befreit, als w√ľrde man einem wie von Geisterhand in die Luft geschriebenen Motto folgen: "Alles muss raus!" M√ľnze um M√ľnze, eine nach der anderen, zieht um. Klein sind sie alle, aber halt M√ľnzen. Die Situation wird am√ľsant und alle drei fangen wir an zu kichern. Sogleich, bei der √úberweisung des nachweislich letzten Geldst√ľcks bei offen pr√§sentiertem Portemonnaie, vereinen sich, w√§hrend ein paar Sekunden, total verschiedene Welten in einem gemeinsamen, herzhaften Lachen am verschmutzten Strassenrand vor der Kathedrale in Illigan-City. Und irgendwie meine ich, dass mit der Aufmerksamkeit der Umstehenden die des ganzen Universums auf uns gerichtet ist.

Das wie von g√ľtiger Geisterhand von bittend zu dankbar zu lachend verwandelte dunkle Gesicht der unbekannten Frau, hinterl√§sst in mir einen tiefen Eindruck und gerade als wir noch heiter zum Weitergehen im Begriff sind, trifft es mich wie ein Blitz aus offenem Himmel: Gott hat mich angelacht!

Ich meine es nicht symbolisch, nein! Es sind Symbole nur symbolkräftig wenn sie - irgendwo, irgendwie - in die reine, unverschleierte Realität greifen. Hier war eine. Ich sehe heute noch das Gesicht: Dunkel was die Hautfarbe betrifft, hell wie die Sonne in seiner Ausstrahlung. Gottes Gesicht!? Mysterium! Ich kann es nicht erfassen. Ist es die Tochter, die ihrer himmlischen Mutter ähnlich sieht? Habe ich das Gesicht des Vaters der Welten in seinem am Wegrand sitzenden Kind gesehen? 

Ich kann das Erlebte nicht zu Ende denken. Irgendwie weiss ich nur eines: Gl√ľcklich √ľber die Situation, dankbar wegen der Handlung, am√ľsiert durch den Vorgang haben sie uns angelacht, beide, Gott und sein Kind und ich muss an die Aussage von Jesus denken, die mir wahrscheinlich noch nie zuvor so einleuchtend und real erschienen ist: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."