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Gesellschaft

Anna Tschannen frisiert hinter dem Altar

Für wenige Franken schneidet Anna Tschannen Haare hinter dem Altar der Offenen Kirche Elisabethen in Basel. Sie glättet Wellen bei Randständigen, die ihr oft Haarsträubendes bieten – auf dem Kopf und mit ihren Lebensgeschichten.

«Willst Du die Haare so, dass sie stehen, mit oder ohne Mittelscheitel?» Anna Tschannen greift in den Haarschopf von Patrick. Die beiden kennen sich vom Haareschneiden. Der Coiffeurstuhl, auf dem Patrick sitzt, steht nicht in einem gewöhnlichen Friseursalon, sondern in der Elisabethenkirche in Basel, notabene hinter dem Altar. Dort, wo sonst die Pfarrerin oder der Pfarrer predigen und Abendmahl feiern. Doch auch bei Anna Tschannen geht es um Existenzielles.

«Menschen frisieren, heisst für mich, ihnen ein Stück Menschenwürde geben», sagt die Coiffeuse. In der Elisabethenkirche bedient sie am Dienstag Randständige hinter dem Altar und am Freitag ihre eigene Kundschaft auf der Empore. An anderen Tagen sind es Obdachlose an der Basler Wallstrasse oder Bewohner des Männerheims der Heilsarmee an der Rheingasse. Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und an denen diese oft kein gutes Haar lässt. Bei Anna ist das anders. Sie lebt in diesem Moment nicht nur von der Arbeit – zwischen zwei und sechs Franken kostet der Haarschnitt, je nach Möglichkeit –, sondern von den Begegnungen. «Hier bin ich diesen Menschen gleichgestellt. Der Austausch auf Augenhöhe bereichert mein Leben», sagt sie.

Berührende Lebensgeschichten
Je nach Ort sind die Frisuren verschieden. «Jene in der Elisabethenkirche sind eher gepflegt», sagt Anna Tschannen. An der Wallstrasse seien die Haare wilder und unbändiger. Haareschneiden sei eine Arbeit, die berührt. «Ich merke schnell, ob jemand Nähe erträgt, etwas zulassen will oder nicht.» Dann gibt es eben mal einen stillen Dialog, Blicke oder eine Gesichtsregung. «Das genügt mir.» Anna Tschannen saugt die Lebensgeschichten auf, ist berührt vom Schicksal, das den Kunden auf ihrem Stuhl ins Leben gegriffen hat.

Die Vierzigjährige hat selbst ein bewegtes Leben. Zwei Kinder zum Beispiel. Und mehrere Berufe oder Berufungen. Nach der Coiffeurlehre bildete sie sich zur Maskenbildnerin aus und arbeitete fürs Theater, dann widmete sie sich dem Tanzen. «Ich brauche diese Abwechslung und Verschiedenheit. Jene meiner Kunden und meiner Arbeit.» Es ist ein Leben, das auch Unsicherheiten birgt wie bei ihren Kunden. «Man lebt im Moment, wenn das Morgen nicht geregelt, noch offen ist. Das schätze ich an meinen Kunden.»

Der Urgrossvater stand am Altar
Diese Unsicherheit wird spürbar, als sie erzählt, dass sie gerade so alt ist wie ihre Mutter, als diese starb. Sie schweigt, dann: Ein Bruch im Leben sei es gewesen. Ein Einschnitt, wie ihn die meisten Menschen auf die eine oder andere Art erleben. Anna Tschannen: «Es geht manchmal sehr schnell und das Leben ändert sich.» Unverändert bleibt nur, was gewesen ist. Zum Beispiel, dass ihr Urgrossvater, Hermann Kutter, in der Elisabethenkirche predigte. Etwas, das Verbundenheit schafft mit dem Ort und den Menschen, die zu ihr in die Kirche kommen, um Menschenwürde zu erfahren. Beim Altar, wo auch ihr Urgrossvater stand.

Patrick wird das Haar nicht gekrümmt, sondern aufgestellt. So verlässt er auch die Kirche nach der Begegnung. Anna ebenfalls. «Du bist schön» nennt Anna Tschannen ihr Angebot.

Franz Osswald / Kirchenbote / 11. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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