Logo
Kirche

Migration

Migrationskirchen boomen – was bedeutet das für die Reformierten?

21.04.2017
Eine Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts zeigt: Seit dem Jahr 2000 sind hierzulande über 100 Migrantenkirchen gegründet worden. Der Kirchenbund will die Migrationsgemeinden als assoziiertes Mitglied aufnehmen. Schon jetzt arbeiten reformierte Kirchgemeinden mit Migrationskirchen zusammen – und wollen mithelfen, dass künftig auch dort Frauen Pfarrerinnen werden können.

In der Schweiz gibt es 635 christliche Migrationsgemeinden. Dies geht aus einer Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) hervor. Die Gemeinden zählen gemäss dem SPI heute insgesamt 616'255 Mitglieder – eine beeindruckende Zahl. Wie der «Sonntagsblick» in seiner Ausgabe vom 16. April schreibt, erhofft sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) aus der stetig wachsenden Zahl an Migrationskirchen «Impulse» für die reformierten Landeskirchen. Auf Anfrage präzisiert SEK-Ratsmitglied Sabine Brändlin: «Die Begeisterung und Glaubensstärke der immigrierten Glaubensgeschwister kann uns Motivation sein auf unserem weiteren Weg als Kirche».

Migrationskirchen sollen Anschluss beim Kirchenbund finden
Konkret möchte der SEK, dass Migrationskirchen Teil des Kirchenbundes werden können. Der Rat des Kirchenbundes will deshalb im November 2017 der Abgeordnetenversammlung eine nach der Vernehmlassung überarbeitete Version der neuen Verfassung vorlegen. Darin soll aufgeführt sein, was es heisst, ein «assoziiertes Mitglied» des Kirchenbundes zu sein. Sprich: Was Bedingungen und Kriterien für eine Mitgliedschaft sind. Der SEK sei sich aber auch bewusst, dass die Kontakte zu den Migrationskirchen anspruchsvoll sein können, sagt Brändlin: «Viele der neu entstehenden Migrationsgemeinden entstammen Ländern, die uns kulturell fremd sind und mit denen uns auch historisch wenig verbindet». Zudem würden oftmals auch theologische Vorbehalte bestehen – «und dies sowohl bei uns Reformierten wie auch auf der Seite der Migrationsgemeinden», sagt Brändlin.

Knappe Ressourcen hemmen Zusammenarbeit
Als Leiterin des Zentrums für Migrationskirchen in Zürich verfügt Pfarrerin Dinah Hess über eine grosse Erfahrung, was die Zusammenarbeit mit Migrationskirchen betrifft. Eine Schwierigkeit sei beispielsweise, dass wenig oder kein Wissen über die ökumenische Zusammenarbeit unter den Kirchen in der Schweiz vorhanden sei. Weiter würden auch die geringen Ressourcen der Migrationskirchen eine Zusammenarbeit hemmen. Hess sagt, dass das Geld in den meisten evangelischen Migrationskirchen äusserst knapp sei. Dies hat zur Folge, dass die meisten Kirchen zu fast 100 Prozent von Freiwilligen geführt werden. «Viele schaffen es gerade einmal, das eigene Programm abzudecken. Da bleibt kaum Zeit für eine Zusammenarbeit», sagt Hess. Diese sei aber nötig: Denn nur mit gegenseitigen Besuchen, verbunden mit Gebeten, Essen und Gesprächen würden gemeinschaftsstiftende Elemente überhaupt erst möglich.

«Heisse Eisen» wie Gleichstellung der Frau thematisieren
Von Bedeutung bei der Zusammenarbeit sei aber auch, dass im Rahmen der theologischen Weiterbildung für Mitarbeitende aus Migrationskirchen ethische Fragen thematisiert werden. «Man muss die Leute für gesetzliche Grundlagen wie zum Beispiel das Diskriminierungsverbot oder die Religionsfreiheit — und was dies genau beinhaltet – sensibilisieren», sagt Hess. Sie sagt aber auch: «Bei den Migrationskirchen sind die Positionen zu Themen wie Homosexualität oder Gleichstellung der Frau genauso unterschiedlich wie bei den Schweizer evangelisch-reformierten Kirchen.»

Berner Zusammenarbeit mit ägyptischer Migrationskirche
Auch die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn arbeiten mit Migrationskirchen zusammen. So besteht eine Dreier-Partnerschaft mit der evangelisch-reformierten ägyptischen Migrationskirche in Bern und mit dem Synod of the Nile, der Ursprungskirche des Pastors dieser Kirche in Ägypten. Im Rahmen dieser Partnerschaft war bereits zweimal eine ägyptische Frauendelegation zu Besuch in der Schweiz – und umgekehrt waren Schweizer Mitglieder ebenfalls schon zweimal in Ägypten, um bei Veranstaltungen aufzutreten. Bei diesen Treffen und dem schriftlichen Austausch war auch die Ordination von Frauen in der ägyptischen Kirche ein Thema. Pia Grossholz-Fahrni, Synodalrätin der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn weiss, dass die Kirchenleitung die Frauenordination zwar gerne einführen möchte, aber sie von gewissen Kreisen in der Kirche noch nicht akzeptiert wird. Darum seien Gespräche, Erfahrungsaustausch und auch das Erlebnis, Pfarrerinnen in der Schweiz arbeiten zu sehen, sehr wichtig für die Meinungsbildung, sagt Grossholz-Fahrni. «Nur so ist eine Weiterentwicklung möglich.»

Andreas Bättig / ref.ch / 21. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Error loading Partial View script (file: ~/App_Plugins/MultiMostRead/Views/MacroPartials/IncrementView.cshtml)
KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Stören Sie die Kirchenglocken?  | Artikel

Heiliger Bimbam! Früher mussten Kirchenglocken «tschäddere» und möglichst laut tönen. Heute ist ein leiserer Klang angesagt, denn manche
stören sich am Kirchengeläut. Wie haben Sie mit dem Glockenklang?   Diskutieren Sie mit!


Das heilige T-Shirt  | Artikel

Die Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen war an der Olma. Mit einem Pop-up-Laden. Wie wir unseren Glauben ausdrücken, sei ebenso vielfältig wie die Auswahl an T-Shirts am Stand der Kantonalkirche, sagt Daniel Schmid Holz im seinem Beitrag zu "Gedanken zur Zeit".


Der Berg ist gekommen – Missa di Bondo  | Artikel

Am 23. August 2017 ereignete sich im Graubündener Dorf Bondo ein großer Bergsturz. Peter Roth fährt seit 33 Jahren mit seinem Chorprojekt in diesen Ort. In diesem Jahr hat er das Konzert im Rahmen der Bergeller Singwoche 2022 der Erinnerung an die Katastrophe am Monte Cengalo gewidmet, die acht Menschenleben forderte und zu Zerstörungen und Evakuierungen führte. Begleitet von den Klängen der «Missa di Bondo», erzählen die damalige Gemeindepräsidentin Anna Giacometti und Gian Andrea Walther aus Promontogno, wie sie diesen Tag und die Zeit danach erlebt haben.