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Gesellschaft

Der Poetry-Slammer Renato Kaiser macht sich Gedanken zum Dank

«Gott sei Dank, es leuchtet!»

21.08.2017
Wer meint, ein Dankgebet sei lächerlich und heutzutage nicht mehr zeitgemäss, der hatte noch nie ein Smartphone zur Hand.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich würde niemals behaupten, das Smartphone hätte Gott ersetzt. Oder die Menschen würden ihr Smartphone anbeten, in der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Ist ja auch nicht nötig, denn das nächste Update kommt bestimmt. Oder zumindest eine unfertige Version, bei der ein Stossgebet zum Himmel auch gar nicht abwegig ist. Beta-Version kommt ja von Beten. Und wenn dann das eine Modell für die neuste Aktualisierung zu alt ist, kommt das nächste auch schon auf den Markt. 

Wiedergeburt im iPhone 7
Wobei dieser Glaube nicht unbedingt dem Christentum ähnelt, sondern dem Hinduismus. Der gemeine Apple-User stirbt im iPhone 6 und wird dann im iPhone 7 wiedergeboren. Sämtliche Daten aus dem vorherigen Leben kann er bequem ins neue mitnehmen. Beim Hinduismus nennt man das Atman (die ewige Seele), beim Smartphone die Cloud. Aber wie gesagt, ich werde Ihnen jetzt nicht erzählen, das Smartphone sei unsere neue Religion. Es glaubt ja auch keiner, das iPhone hätte die Welt in sieben Tagen erschaffen, obwohl das einer seiner Erschaffer bestimmt mal in einer leidenschaftlichen Keyspeech behauptet hat. 

Der Biss in den sauren Logo-Apfel
Wir reden hier schliesslich von Leuten, deren Logo einen angebissenen Apfel darstellt. Nach dem Motto: «Ich habe vom Baum der Erkenntnis genascht, und das ist gut so!» Die einen beis­sen nach so was in den sauren Apfel und verlassen das Paradies, die anderen bauen ein globales Imperium auf und halten das Symbol davon allen unter die Nase. Vom Sündenfall zum Sündenphallus sozusagen. Und trotz all dieser kapitalistischen Götzenverehrung (was den einen das goldene Kalb ist, ist den anderen der Gold­esel) muss ich sagen: Erkenntnis finde ich ja ganz grossartig! Aber vom Dankgebet bringt es mich längst nicht ab. 

Der Mann hinter der Theke – mein Erlöser
Gerade vor Kurzem lud mein iPhone nicht mehr richtig auf. Ich musste das Kabel immer in einem ganz bestimmten Winkel in die Buchse stecken, damit die Batterie zu meiner endlosen Erlösung grün aufleuchtete. Weiss Gott, was passiert, wenn ich meiner Freundin auf WhatsApp nicht zurückschreibe, obwohl die zwei Häkchen blau sind! Nun: Schlussendlich musste ich dann doch in den Shop. Ich war verzweifelt, hilflos, mit meinen Nerven am Ende, und dann: Stand er da. Der Mann hinter der Theke. Mein Erlöser. Mein Retter.

«Und ich sah, dass ich die Hände gefaltet hatte.»

Er konnte vielleicht nicht über Wasser gehen. Er konnte auch keine Kranken heilen – aber mein iPhone. Er faltete eine Büroklammer auseinander, stocherte mit dem Draht in der Buchse herum, führte dabei ganze Staubmäuse zutage, steckte das Ladekabel wieder rein – und sah, dass es gut war. Und ich sah, dass ich die Hände gefaltet hatte. Nun: Ich will nicht darüber urteilen, ob ein Dankgebet lächerlich ist oder nicht. Aber zeitgemäss ist es auf alle Fälle. 

 

Text: Renato Kaiser, Goldach, Spoken-Word-Künstler, Autor, Poetry Slammer, Satiriker | Bild: Daniel Stiefel  – Kirchenbote SG, September 2017

 


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