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Spiritualität

Auferstehung 2020

10.04.2020

Karfreitag und die Corona-Krise lassen sich leicht zusammen denken. Jesus hängt einsam am Kreuz und seine Freunde und Familie schauen von Ferne. Heute sind viele Menschen allein, auch in ihrer Todesstunde. Mancher fühlt sich von den Menschen und Gott verlassen und mag an Jesus denken, der vom Kreuz rief: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» (Mk 15,34). Aber, was ist mit Ostern?

Die Auferstehung Jesu ist nicht selbstverständlich
Allein das Wissen darum, dass es Ostern gibt, macht schon einen Unterschied. Karfreitag war nicht der Übergang zu Ostern, sondern das Ende. Aber aus dem Rückblick der Glaubenden ist Karfreitag nicht das Ende. Darauf folgt Ostern. Es gibt Licht am Ende des Tunnels, die Einsamkeit hat ein Ende. Nur, wer so vorschnell redet, der banalisiert Karfreitag und Ostern. Die Auferstehung Jesu ist nicht selbstverständlich. Im Gegenteil, es ist unvorstellbar aussergewöhnlich. Wer das nicht sieht, der nimmt Karfreitag seine Schärfe. Karfreitag war der Endpunkt, war das Ende der eigenen Kraft. Es blieb nur dass Sich-Fallen-Lassen in die Hand Gottes. So rief Jesus am Ende: «Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!» (Lk. 23,46) Und dann gab er seinen Geist auf, wie wir lapidar sagen, wenn jemand sein Leben aushaucht, stirbt.

Von gefühlter Gottesferne zu innerer Gottesnähe
Damit ist nicht gesagt, dass es ein Ostern gibt, aber dass der Gott, der im Leben bei einem ist, einen auch im Sterben und im Tod nicht verlässt. Man muss an keine Auferstehung glauben, um darin etwas Gutes zu sehen. Hier kann jemand sterben. Hier kann jemand loslassen. So wie sich heute insbesondere alte Menschen, die durch das Covid-19 Virus besonders gefährdet sind, mit dem Loslassen auseinandersetzen müssen. Habe ich mein Leben so gelebt, dass ich gehen könnte? Will ich, wenn es darauf ankäme, auf jeden Fall künstlich beatmet werden, selbst wenn die Überlebenschancen gering sind? Wie auch immer man sich entscheidet, um von der gefühlten Gottesferne zu einer inneren Gottesnähe zu kommen, die sich geborgen weiss, diese Hoffnung zieht schon aus Karfreitag ihre Kraft.

Dann kam Ostern
Aber dann kam Ostern! Ostern war mehr als die alttestamentliche Hoffnung, noch einmal davon gekommen zu sein. Immer wieder fühlten Menschen sich so, als hätte der Tod sie fest im Griff, als müssten sie mit ihrem Leben abschliessen. Wenn das Blatt sich wendete dann priesen sie Gott: «Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.» (1 Sam. 2,6). Wer knapp dem Tod entkommen ist, der kann die Fortsetzung des Lebens wie ein neues Leben empfinden und dieses als sein persönliches Ostern ansehen.

Die Auferstehung Jesu ist eine Tat Gottes
Aber Ostern ist mehr und vor allem anders. Schon damals war die Möglichkeit einer jenseitigen Auferstehung in einer anderen Seinsweise umstritten. Für die einen war mit dem Tod alles aus, andere hofften auf ein Jenseits, aber die Auferstehung Jesu ist anders, denn sie verbindet das Diesseits und das Jenseits in neuer Weise. Niemand rechnete mit der Auferstehung Jesu. Es gibt keine Augenzeugen der Auferstehung. Das leere Grab ist kein Beweis, auch nicht das Erdbeben und eine Engelserscheinung sowieso nicht. Obwohl kein Mensch die Auferstehung Jesu beobachtet hat, bekennen sich viele zu ihr, etwa Paulus: «Wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat.» (Röm. 4,24). Die Auferstehung Jesu ist eine Tat Gottes. Sie ist keine Rückkehr eines Toten in sein vorheriges Leben, um dieses noch für einige Zeit fortzusetzen. Solch eine Wunderkraft wird Jesus zwar zugeschrieben, wenn er den jungen Mann aus Nain, die Tochter des Jairus oder Lazarus von den Toten auferweckt.

Die Hoffnung auf eine ewige Gottesgemeinschaft
Die Auferstehung Jesu ist jenseitig orientiert. Sie nimmt die Hoffnung auf, dass es eine ewige Gottesgemeinschaft gibt und ist diesseitig orientiert, weil sie auf ein irdisches Friedensreich hofft. Sie steht in Verbindung mit der Hoffnung auf eine Auferstehung in einer anderen Welt, in der alles gut ist, und der Hoffnung, dass unsere Welt zu einer wird, die vom Frieden geprägt ist. Dieser Frieden sollte mit dem Messias eintreten. Der Glaube an eine Auferstehung und die Erwartung eines zukünftigen Friedens vereinen sich in dem Auferstandenen, so dass dieser Frieden jetzt gegenwärtig ist.

Der Auferstandene lässt sich nicht fassen
Die andere Qualität der Auferstehung Jesu zeigt sich in den Schilderungen der Begegnung mit dem Auferstandenen. Dort wo Jesus zu denen kommt, mit denen er vorher zusammen gewesen war, da erkennen sie ihn nicht. Jesus ist nicht mehr der Alte, aber er ist auch nicht zu einem körperlosen Geistwesen geworden. Der Auferstandene ist in einer anderen Kategorie des Lebens. Er hat Anteil am Leben Gottes. Seine Erscheinung ist so verwandelt, dass er unerkannt bleibt. Maria von Magdala hält ihn für den Gärtner. Die Begrenzungen von Raum und Zeit sind für ihn nicht unüberwindlich. Er durchschreitet sie.  Zu den Jüngern, die sich hinter verschlossenen Türen treffen, und zu Thomas dem Zweifler kommt er, als ob er nicht mehr an den Raum gebunden ist. Sie erkennen ihn jedoch an seinen Wundmalen, also doch an menschlichen Zeichen. Mit den Emmausjüngern wandert er. Aber sie erkennen ihn erst als er das Tischgebet spricht und sich sogleich entzieht. Der Auferstandene lässt sich nicht fassen. Er bleibt unverfügbar. Die Spannung zwischen der physischen Auferstehung Jesu und seiner veränderten Leiblichkeit wird aufrechterhalten. Sie setzt sich dort fort, wo Menschen Visionen des Auferstandenen haben, vom erweiterten Jüngerkreis der 500 bis hin zu einem Paulus. Die Auffahrt Jesu setzt den Erscheinungen Jesu in der ursprünglichen Weise ein Ende. Jedoch bleibt er durch den Geist gegenwärtig.

Die Auferstehung verwandelt die Menschen im Diesseits
Die Auferstehung ist ein Brückenschlag zwischen der jenseitigen und der diesseitigen Welt, und zwar so, dass sie die Menschen im Diesseits verwandelt. Letzteres ist offensichtlich. Die trauernden Frauen, deren erster Gang nach dem Sabbat, dem Ruhetag mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit, zum Grab geht, laufen von dort voller Freude fort (Mt. 28,1-8). Es ist die Osterfreude, die sie wieder zu den Menschen treibt. Und aus den Jüngern, die sich hinter verschlossenen Türen trafen, werden mutige Menschen. Sie werden Zeugen der belebenden Kraft von Ostern. Sie können es nicht lassen von Jesus dem Auferstandenen zu sprechen. So nahm die Kirche ihren Anfang, nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus der Begegnung mit dem Auferstandenen.

Zeichen der neuen Welt
In diesen Tagen der Corona-Krise, wo bei uns das Abhalten von Gottesdiensten verboten ist, entsteht in den Gemeinden eine vielfältige Kreativität, um Ostern zu feiern, auch wenn die physische Gemeinschaft nicht möglich ist. Wenn dieses im Geist des Auferstandenen geschieht, so bleibt sie ebenso wenig unter sich, wie es die Jünger blieben. Für die Kirche ist es die Zeit über den Kreis der Kerngemeinde hinaus sich den Menschen zuzuwenden, die einsame Tage daheim verbringen und in Existenznot kommen. Gabenzäune, an denen geteilt werden kann, was man hat, selbstlose Nachbarschaftshilfe und regelmässige Telefonate, mit denen man jemandem Aufmerksamkeit und Zeit schenkt, sind mehr als Zeichen der Nächstenliebe. Sie sind Zeichen der neuen Welt, welche in diese hineinreicht.

Ein stilles Zeichen der christlichen Botschaft
Kirchgemeinden machen mit Plakaten, Kunstinstallationen und digitalen Angeboten auf den Auferstandenen aufmerksam – hoffentlich, denn den ersten Jüngern war jede Selbstdarstellung fremd. Auch meine Gemeinde ist hier aktiv. Schon vor der Corona-Krise haben wir damit begonnen eine neue Kirche zu bauen. Die Alte ist abgerissen. Die Neue noch nicht da. Man sieht nur die Baugrube – ein Loch. In der Baugrube steht von Karfreitag bis Ostern ein Kreuz, quasi als Zeichen der Zwischenzeit zwischen dem Alten und dem Neuen, der die Auferstehung und das Leben genannt wird. Ein stilles Zeichen der christlichen Botschaft. Ein Hinweis auf Christus, der sich über dem Grab und unseren Gräbern als Erlöser erhebt.

Pfarrer Stefan Fischer, kirchenbote-online, Ostern 2020

Stefan Fischer ist reformierter Pfarrer in der Kirchgemeinde Riehen-Bettingen. Als Privatdozent hält er einen Lehrauftrag am Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und biblische Archäologie an der Universität Wien.


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