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Leben & Glauben

Freelance-Schwester Veronika Ebnöther

Mit der Nase im Wind Gottes

28.12.2020
Veronika Ebnöther ist eine Nonne ohne Orden. Die Freelance-Schwester arbeitet im Gefängnis bei den ganz schweren Jungs als Seelsorgerin. In Schaffausen hat sie aus ihrem Leben erzählt.

Wenn Schwester Veronika Ebnöther vom Moment ihrer Berufung erzählt, gerät sie ins Schwärmen: «Ich habe in der Kirche gebetet, auf einmal habe ich gespürt, wie Jesus mich fragt, ob ich ihm mein Leben weihen will. Das war wie ein wunderschöner Heiratsantrag. Und ich habe Ja gesagt.»

Heute lebt Ebnöther als eine von dreitausend «geweihten Jungfrauen» in der Schweiz . Sie alle leben zölibatär, ohne einem Orden anzugehören. «Zunächst hatte ich mir unter dem Begriff ‹Jungfrau› ältere Frauen in blickdichten Strumpfhosen vorgestellt», erzählt sie. Doch je mehr sie sich in das Thema vertiefte, desto mehr faszinierte sie die Geschichte dieser Gottesdienerinnen, die auf das dritte Jahrhundert nach Christus zurückgeht: «Diese Frauen haben ihr Leben Gott geweiht und Jungfräulichkeit versprochen. Sie trugen Tunika, Schleier und Ring als Zeichen für die Braut Christi und lebten als Selbstversorgerinnen in ihren Dörfern.»

Seit dem Jahr 1971 können sich Frauen, die ihr Leben auf dieselbe Weise in die Nachfolge Christi stellen wollen, durch die katholische Kirche weihen lassen. «Ich wussste klar, dass dies mein Weg ist. Mein Gelübde gilt mein Leben lang», sagt die ehemalige Kunststudentin aus katholischem Elternhaus.

Harte Lebensschule
Zunächst führt sie ihr Weg als Missionarin in die bolivianische Bergwüste, wo sie auf einer Höhe von 4500 Metern über Meer unter den Ärmsten lebt. «Wir hatten zu wenig Wasser und Nahrung, ich schwebte wochenlang in Lebensgefahr. Diese harten physischen Bedingungen haben mich stark gemacht», sagt sie.

Ihr Habit aus Jeansstoff stammt aus dieser Zeit. Das Kleid hat bewusst keine Taschen. Das wäre zu gefährlich am heutigen Arbeitsplatz von Veronika Ebnöther, die sich auch Freelance-Schwester nennt. Sie arbeitet in den Gefängnissen von Chur und Cazis Tignez als Seelsorgerin.

Dinge, die sie benötigt, hängen an einem Gürtel, den sie vor Arbeitsbeginn im Gefängnis umschnallt: Alarm, Telefon, Schlüssel, Notizblock, Mundpastillen und einen kleinen Behälter mit Öl für Segnungen.

Der Einlass ins Gefängnis ist kompliziert. Neben dem Scannen der Iris muss sich die Seelsorgerin auch täglich auf die Waage stellen: «Mein Gewicht verrät, ob jemand auf meinem Rücken sitzt oder ein Kidnapping vorliegt», erklärt die zierliche Frau und ergänzt: «An diesem Ort kann es blitzschnell um Leben und Tod gehen.»

Dreissig Minuten für ein Gespräch
Pünktlich um Viertel vor acht steht Veronika Ebnöther im Gefängnishof und begrüsst alle Insassen, die an ihren Arbeitsplatz in der Schreinerei oder Metallwerkstatt ausrücken. «Sie strahlen schon von Weitem, wenn sie mich sehen.» Wer möchte, kann sich bei der Gefängnisseelsorgerin für ein Gespräch anmelden. «Die Leute überrollen mich förmlich, ich habe pro Gespräch normalerweise nur dreissig Minuten Zeit», sagt sie und fügt an: «Die ganz schweren Jungs mit schwierigen Geschichten benötigen länger, da braucht es mehr Anlauf, um ins Reden zu kommen.» Die Seelsorge findet in einem Raum statt, in dem man ungestört sprechen kann. Meist auf Italienisch, Englisch, Französisch oder Spanisch, selten auf Deutsch oder Schweizerdeutsch.

Die Seelsorgerin hat es mit vielen Arten von Delinquenten zu tun: von Bussenverweigerern bis hin zu Mördern, Vergewaltigern, Geiselnehmern und Terroristen.

Auch Humor hilft
Veronika Ebnöther sieht ihre Berufung darin, den Tätern Nächstenliebe entgegenzubringen: «Meine Aufgabe ist es, zwischen dem Menschen und seiner Tat zu unterscheiden. Das bedeutet nicht, die Tat auszublenden. Jeder geistig gesunde Mensch hat die Wahl, die Kette der Gewalt zu unterbrechen. Ich sage den Männern, dass ich es nicht gut finde, was sie getan haben. Aber bei mir können sie darüber sprechen, ohne verurteilt zu werden.» In den Gesprächen gehe es um Schuld, um das Delikt und um Beziehungsprobleme.

«Manche drehen sich weiter in der kriminellen Spirale. Das merke ich im Gespräch. Ein Mörder unterbricht mich zum Beispiel oft abrupt und zeigt wenig Respekt, während sich ein Pädophiler einschmeichelt. Ich versuche, diesen Menschen zu signalisieren, dass ich sie als Personen achte. Dadurch können sich einige auf das Gespräch einlassen.»

Ein wichtiger Schlüssel sei auch der Humor. «Die Insassen erleben lauter gleichförmige Tage. Da kann ein Lachen Wunder wirken», so Ebnöther. Viele würden ihre Zeit im Gefängnis nutzen, um über ihr Delikt nachzudenken. Andere bleiben ohne Einsicht.

Urteilsfrei bleiben
Die Arbeit im Gefängnis sei wie Formel Eins fahren: «Ich mache körperlich nicht viel und spüre trotzdem eine grosse Anstrengung. Manchmal falle es ihr schwer, nicht zu urteilen: «Es ist schon belastend, wenn mir zum Beispiel ein Mörder schildert, wie er ein Kind zu Tode gequält hat. Das erschüttert tief.» Halt findet die Christin im Glauben: «Wenn ich nicht spüren würde, dass Gott mich bedingungslos annimmt, würde ich urteilen. Doch im Gebet überlasse ich das Gott und werde ruhig.»

Neue Kräfte findet Veronika Ebnöther zu Hause in der Stille im Gebet und im Gespräch mit Mitchristinnen und Mitchristen. Als Ausgleich backt sie oft Brot: «Ich tanke zu Hause auf, damit ich im Gefängnis die Nase in den Wind Gottes halten kann.»

Adriana Di Cesare, kirchenbote-online


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