Logo
Kultur

Sommerserie: Friedhof von Morcote

Der schönste Friedhof der Schweiz

22.07.2021
Auf Tripadvisor wurde der Friedhof von Morcote im Tessin zum schönsten der Schweiz gekürt. Die grandiose Aussicht auf den Luganersee, die künstlerische Architektur und die Gräber berühmter Persönlichkeiten schaffen einen Ort mit magischer Ausstrahlung.

«Sicherlich einer der am schönsten gelegenen Friedhöfe auf der ganzen Welt», schwärmt Antigone679 auf Tripadvisor. Fast schon neidisch zeigt sich Hecki66: «Hier liegen Sie richtig. Namhafte Zeitgenossen geniessen ihren ewigen Frieden und die atemberaubende Aussicht auf den See».

Es braucht eine Weile, bis man das volle Ausmass der Schönheit dieses Friedhofs realisiert. Die erhabene Lage mit Blick auf den tiefblauen Luganersee entfaltet erst mit der Zeit seine meditative Wirkung. Zunächst beginnt der Aufstieg auf der im 18. und 19. Jahrhundert erbauten Monumentaltreppe. 404 Stufen verbinden die Seepromenade mit dem hundert Meter höher gelegenen Friedhof. Es ist ein Prozess, eine Verwandlung, die einen mit jeder Stufe einen Schritt weiter aus dem irdischen Leben hinausführt. Eidechsen verschwinden blitzschnell in den Mauerritzen, die Aussicht wird mit jedem Tritt grandioser. Oben angekommen beginnt der Besucher langsam zu realisieren, dass er sich hier näher beim Himmel als auf der Erde befindet.

Skulptur von Henry Moore, Grabkapelle der Foscati Brüder
Der «Cimitero monumentale di Morcote» wie er auf italienisch genannt wird, wurde um 1750 erbaut und in den Jahren 1869 sowie 1878 erweitert. Er enthält zahlreiche bemerkenswerte Grabkapellen. Darunter diejenige der Brüder Gaspare und Giuseppe Foscati (1869), beides berühmte Schweizer Architekten. Schlichte Wandgräber der Einheimischen von Morcote wechseln sich ab mit herrschaftlichen Mausoleen und Grabmälern. Am Eingang breitet ein Engel seine mächtigen Schwingen aus, wacht über den Friedhof. Doch das wohl bedeutendste Objekt des Friedhofs ist die Skulptur des englischen Bildhauers Henry Moore (1898–1986). «Liegende&Nabel» wird seine Frauenfigur genannt. Sie blickt entspannt auf den See hinunter und schmückt das Grab des Bankiers Carlo Bombieri. Bombieri war von 1965 bis 1973 Präsident und CEO der Banca Commerciale Italiana in Mailand.

Verwunschen und harmonisch
Weiter oben am steil abfallenden Hang schichten sich die Ebenen terrassenförmig übereinander. Hier versteckt sich in einer Nische ein überwachsenes Grab. Dort führt eine verwinkelte Treppe zu einer verborgenen Aussicht. Wo neuere Gräber scheinbar zufällig neben älteren liegen, entsteht ein kreatives Gesamtbild. Eine harmonische Einheit. Ein Miteinander, das nicht zufällig entstanden sein kann. Das unaufhörliche Zirpen der Zikaden erfüllt die Luft, leicht streicht der Wind durch die Palmwedel. Weit unten ziehen die Motorboote ihre weissen Bahnen durch das Blau des Sees. Ein eigenartiger Frieden schwebt über dem magischen Ort. Die Hinterbliebenen scheinen hier zu einer grossen Familie vereint, so vollendet wirkt der Ort.

Wo Leben sich begegnen
Am späteren Nachmittag lässt der Wind nach, Ruhe kehrt ein. Erste Quellwolken werfen dunkle Schatten auf die Hänge an der gegenüberliegenden Seeseite. Eine Gruppe spaziert zwischen den Gräbern. Steine knirschen unter den Sohlen. Ab und zu bleiben Besucherinnen und Besucher stehen und zeigen auf einen Grabstein. Sie rätseln leise über das Leben des Verstorbenen. Viele der Bestatteten waren Künstler, Baumeister oder andere berühmte Persönlichkeiten. Die Gräber zeugen von ihren Schicksalen. Einer von ihnen, Alexander Moissi, galt Anfang des 20. Jahrhunderts als berühmtester Schauspieler auf den deutschsprachigen Bühnen. Moissi führte das Leben eines Superstars. Der Abenteurer war Frauenschwarm und bekannt für seinen rastlosen und ruinösen Lebensstil. Der Österreicher liebte besonders die grüblerischen, zerrissenen, morbiden Rollen. Hier auf dem Friedhof hat er seinen letzten grossen Auftritt.

Vom Streben nach Glück zur Seligkeit
Doch was ist Morcote ohne die Natur? Der ganze Hang ist mit üppiger Vegetation überwuchert. Hier wachsen Feigenbäume und Bambus, Zypressen weisen kerzengerade Richtung Himmel. Und tief unten leuchten warm die orangefarbenen Dächer von Morcote. Der mediterrane Charme des einstigen Fischerdörfchens zieht die Reichen und Begabten an. Hier oben jedoch lassen der Reichtum, das Dolce Vita und die Gelati die Toten unbeeindruckt.

Text und Bilder: Michael Schäppi, kirchenbote-online

Glückseligkeitstipp: Für alle, die diesen magischen Ort aus einer besonderen Perspektive erleben wollen, empfiehlt sich die Anreise per Schiff direkt bis Morcote Piazza Grande/Morcote Lago.


Error loading Partial View script (file: ~/App_Plugins/MultiMostRead/Views/MacroPartials/IncrementView.cshtml)
KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Zwischen Zebra und Löwe  | Artikel

An der St. Galler Olma kann man sich hinter einer Krippe fotografieren lassen – umgeben von exotischen Tieren. Hinter der ungewöhnlichen Aktion steckt die reformierte Kiche des Kantons St. Gallen.


«Pilger»  | Artikel

Mit dem Lied «Mariam Matrem», vorgetragen vom «Pilgerprojektchor Inscriptum», erleben wir in diesem kurzen Trailer die «Pilger» des Künstler Johann Kralewski, wie sie in der Offenen Kirche St.Gallen auf das Graffiti «des offenen Himmels» von Stefan Tschirren blicken und sich in die Kirche St.Mangen bewegen - am 24.9.2021. Leitung des Projektchors: Walter Raschle. Clip: Andreas Schwendener

Umzug in die Kirche St. Mangen in voller Länge (38 Minuten).


«Back to the roots!» mit Zen-Meister Niklaus Brantschen  | Artikel

«Back to the roots», die Folge 24 von «Zauberklang der Dinge», verbindet die Refrains von zwei Liedern, die Peter Roth nach Gedichten von Dschallalu Din Rumi geschrieben hat. Beide giessen die tiefsten Einsichten aller Mystikerinnen und Mystiker, zu allen Zeiten, in poetische Worte und Bilder. In «This body is a rose» hören wir: Während Formen kommen und gehen, ist ihre Essenz unvergänglich, ewig! Und in «Don’t go away» sagt Rumi: Die ganze Schöpfung, alles fließt aus der gleichen Quelle – kehren wir zu ihr zurück – back to the root of the root! Barbara Balzan und Niklaus Brantschen – die junge Sängerin und der alte Zen-Meister, die Frau und der Mann – teilen ihre Gedanken zu diesen Liedern.


Bloggen Sie mit!  | Artikel

Der Kirchenbote hat neu einen Blog. Reden Sie mit, schauen Sie herein. Es warten spannende Themen auf Sie.