Logo
Tipps

Neuer Blick auf Jesus von Nazaret

  • Buch

Die Autorin Monika Renz ist Theologin, Musik- und Psychotherapeutin und leitet die Psycho­onkologie am Kantonsspital in St.Gallen. Aus Hunderten von Sterbebegleitungen ist sie vertraut mit dem, was Menschen auf dem letzten Stück ihres Lebensweges erleben und was sie bewegt. In verschiedenen Veröffentlichungen (zuletzt: «Hinübergehen. Was beim Sterben geschieht. Annäherungen an letzte Wahrheiten unseres Lebens.») lässt sie an ihren Begegnungen mit Sterbenden teilhaben. Das Besondere an ihrem neuen Jesus-Buch ist die Verbindung von theologischen Einsichten mit psychologischen Erkenntnissen, der Mystik und den Erfahrungen Sterbender, welche als die «stillen Mystikerinnen und Mystiker unter uns» bezeichnet werden. Das Buch erschien erstmals 2013 und wurde für die Neuausgabe einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen.

Im Folgenden greife ich einige Punkte heraus, die mir bei der Lektüre wichtig wurden.

«Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.» Dieser vielzitierte Satz von Karl Rahner widerspiegelt eine Grundüberzeugung dieses Buches. Es ist ganz an der Erfahrung orientiert: «Verstehen ist das eine, Berührtsein das andere. Das Entscheidende ereignet sich, wo Menschen den Mut haben, die
Beobachterperspektive zu verlassen und sich der Erfahrung mit Gott auszusetzen.» Das geschieht im mystischen Erleben. Doch was heisst das für uns heute mit Bezug auf Jesus?

Jesus als Muster des Menschen

Monika Renz präsentiert Jesus als Mystiker – als einen, der sich ganz der Erfahrung mit Gott ausgesetzt hat, die tiefe Verbindung mit Gott erfahren hat und in seiner Verkündigung und seinem Umgang mit den Menschen, in Leben, Sterben und Auferstehung die Menschen dazu einlädt, sich ebenfalls auf diese Verbindung einzulassen. Diese innige Verbindung zeigt sich in seiner Anrede Gottes als «Vater»: nicht im Gegenüber zu einer möglichen Anrede Gottes als «Mutter», sondern zu alternativen Vorstellungen von Gott als strengem Richter, mächtigem Herrscher, zornigem Rächer. Anders als solche Gottesvorstellungen antwortet die Anrede
Gottes als Vater auf die menschliche Angst. 

Die Pointe von Jesu Anrede Gottes ist nicht, dass Gott einfach Jesu Vater wäre, sondern dass er der Vater aller Menschen ist, dass alle Söhne und Töchter Gottes sind und die Möglichkeit haben, seine Erfahrung der Verbindung mit Gott zu teilen. Die Rede von Jesus als «Sohn Gottes» erhält so eine inklusive statt exklusive Bedeutung. Dies gilt auch für das christologische Dogma der Zweinaturenlehre: Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch, «in zwei Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt» wie im Glaubensbekenntnis von Chalcedon im Jahr 451 massgebend formuliert wurde – das ist für Monika Renz eine Aussage über die unio mystica, die mystische Vereinigung des Göttlichen mit dem Menschlichen, die sich nicht in rationale Logik übersetzen lässt, aber der mystischen Erfahrung zugänglich bleibt. 

Mystik ohne Weltflucht

Meine anfängliche Skepsis gegenüber der Proklamation von Jesus als Mystiker hing auch damit zusammen, dass ich mystische Spiritualität zwei Gefahren ausgesetzt sehe: Die eine Gefahr liegt darin, zu Relativismus und Beliebigkeit zu verkommen; ihre andere grosse Versuchung ist die Weltabgewandtheit und Weltflucht. Beides ist mit dem, wie uns Jesus in den Evangelien begegnet, nicht vereinbar. Monika Renz erliegt diesen Gefahren nicht, im Gegenteil: Gegen die Beliebigkeit betont sie die Verwurzelung in der eigenen Tradition. Und sie stellt nicht nur den Weltbezug und die Weltbejahung Jesu heraus, sondern deren spezifische Steigerung: «Sein Bezogensein auf Menschen und Schöpfung ist ein eigentliches ‹Liebesverhältnis›». Es handelt sich nicht nur um Bezogensein, sondern um Beziehung, auch im Verhältnis zu Gott. Darin wird die Sünde überwunden. Diese wird von Renz nicht moralisierend gefasst, sondern, gut paulinisch, als Sund, als Abgrund zwischen Gott und Mensch verstanden – wiederum nicht abstrakt dogmatisch, sondern auf der Basis grundlegender menschlicher Erfahrungen. Dies geschieht vorab in psychologischer Hinsicht; die politsich-gesellschaftliche Dimension, wie sie bei Jesus sehr wohl eine Rolle spielt, wird hingegen kaum ausgeleuchtet.

 

Dieses Jesus-Buch von Monika Renz enthält zu Beginn eine fundierte Darstellung dessen, was historisch über den Mann aus Nazaret gesagt werden kann. Darüber hinaus eröffnet es einen neuen Blick auf Jesus, der dazu angetan ist, die Leserinnen und Leser mit hineinzunehmen in die besondere Weise der Gotteserfahrung Jesu. Es bietet damit die Chance, nicht nur das Wissen über Jesus zu erweitern, sondern auch das eigene Glaubens­leben zu bereichern.

 

Rezension: Karin Scheiber, St. Gallen  – Kirchenbote SG, Januar 2017

 

Monika Renz, Der Mystiker aus Nazaret. Jesuanische Spiritualität, Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2016.

 

KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

In eigener Sache – Gesucht: Redaktorin / Redaktor  | Neuer Blick auf Jesus von Nazaret

Als Nachfolge unseres Redaktors suchen wir für unser Redaktionsteam eine Redaktorin oder einen Redaktor für eine 60%-Teilzeitstelle. Arbeitsbeginn Juli 2018 oder nach Übereinkunft. 

Mehr erfahren Sie hier. 


Luther Oratorium in St. Gallen - Stimmen gesucht!  | Neuer Blick auf Jesus von Nazaret

Ein Pop-Oratorium über den Reformator Martin Luther wird am 3. November erstmals in der Schweiz aufgeführt. Für das Projekt in St. Gallen werden noch Sängerinnen und Sänger gesucht, wie der Website des Trägervereins zu entnehmen ist. Mitmachen kann man unabhängig von kirchlicher Zugehörigkeit.

«Das Leben von Martin Luther ist ein Thema, das die katholische Kirche genauso betrifft», sagt Andreas Hausammann, Beauftragter für populäre Musik der evangelisch-reformierten Kirche St. Gallen, auf Anfrage. Im Zentrum des Oratoriums stünden die Geschehnisse vor dem Reichstag in Worms im Jahr 1521.


Zwitschern Sie mit!  | Neuer Blick auf Jesus von Nazaret

Seit Ende September lädt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) die Bevölkerung ein, über den Glauben nachzudenken. Dies geschieht mit einer Plakatkampagne oder mit den zwölf theologischen Kurzbotschaften, den Glaubenstweets. Lassen Sie sich vom Gezwitscher inspirieren!


Bike und Bibel  | Neuer Blick auf Jesus von Nazaret

Die St.Galler Kantonalkirche nahm 2003 einen Trend vorweg. Als der Begriff E-Bike noch in den Sternen stand, setzte sie aufs Fahrrad und eröffnete den Bibel-Veloweg. Zeit also, ihn wieder in Erinnerung zu rufen und sich auf das Velo zu schwingen, eine Tour zu unternehmen. Mehr erfahren Sie hier.

Der Flyer und die Velokarte dazu