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Religionen

Serie: Texte zum Reformationsjubiläum im Kanton St. Gallen

War Zwingli Weesner?

24.01.2017
In der neuen — ansonsten lesenswerten — Zwingli-Biografie von Peter Opitz wird nicht einmal in einer Fuss­note erwähnt, dass Ueli Zwingli hier von 1489 bis 1494 zur Schule ging. War Weesen für den späteren Reformator auch nur eine Fussnote?

Als dieser mit 15 Jahren zum Studium an die humanistisch geprägte Universität nach Wien ging, trug er sich als «Uldaricus Zwinglij de Glaris» in das Anmelderegister ein, und nicht «de Wildhus». Er sollte aber erst acht Jahre später Pfarrer in Glarus werden. 

Von Weesen nach Basel, Bern, Wien …

Hatte Ulrich Zwingli hellseherische Fähigkeiten? Unwahrscheinlich. Es muss einen anderen Grund geben: Das Hafenstädtchen Weesen war jahrhundertelang Untertanengebiet der Glarner und Schwyzer. Zudem hatte Glarus seit dem Jahr 1474 Weesen als seinen Hafen betrachtet, da es die Schifffahrtsrechte innehatte und den Zoll einnahm. Ist der Eintrag in Wien ein Hinweis darauf, dass Zwingli Glarus-Weesen als seine theologische Heimat sah? Dafür gibt es drei Gründe: 1. Der gewichtigste Grund ist sein Onkel Bartholomäus Zwingli. Dieser ging im Jahre 1487 als gewählter Pfarrer von Wildhaus nach Weesen und nahm zwei Jahre später seinen Neffen zu sich, damit dieser in Weesen die Schule besuche. 

«Ist der Eintrag in Wien ein Hinweis darauf, dass Zwingli Glarus-Weesen als seine theologische Heimat sah?»

Als deutlich wurde, dass man dem zehnjährigen Zwingli in Weesen nichts mehr beibringen konnte, entschied Bartholomäus gemeinsam mit Uelis Vater, ihn nach Basel an die humanistisch geprägte Universität zu geben. Natürlich ging er nicht allein, sondern kam unter die Obhut des Weesners Gregor Bünzli. Der war zeitgleich zum Studium in die Stadt am Rhein gegangen. Als Nebenverdienst konnte er Ueli in Latein unterrichten. Als auch Bünzli diesem nichts mehr beibringen konnte, schickten Ulrichs Vater und Onkel Bartholomäus ihn zunächst nach Bern. Es ist wohl dem Eingreifen von Onkel Bartholomäus zu verdanken, dass Ulrich dort nicht Dominikanermönch wurde, sondern an die Universität Wien ging. Neben Basel ist auch Wien ein wichtiger Ort humanistischer Gelehrsamkeit in jener Zeit. 

Gregor Bünzli ist der zweite Bezug des Reformators nach Weesen: Im Jahre 1506 wird Ulrich Zwingli Pfarrer in Glarus (hatte Onkel Bartholomäus auch hier nachgeholfen?), 1507 wird Bünzli sein Nachbar als Pfarrer in Weesen. Später, im Jahre 1523, besucht Ulrich Zwingli nun als Reformator seine ehemalige Gemeinde Glarus und erwähnt den immer noch in Weesen amtierenden Bünzli als «Muster eines treuen evangelischen Hirten». Er könne neben Freunden in Glarus «keinen besseren … empfehlen als den Kirchherren zu Weesen». Ein Reisender von Zürich nach Mailand berichtete bereits im Jahre 1520, wie sehr ihn der Weesner Pfarrer an Zwinglis Reden erinnere. 

Kindheit von 1489—1494 in Weesen

Fühlte sich Zwingli in Wien als «Weesner»? Eine herzliche dritte Verbindung sei noch erwähnt: Die letzte Äbtissin des Zürcher Fraumünsters, Katharina von Zimmern, lebte zeitgleich wie
Ulrich Zwingli in Weesen im sog. «Schlössli» und war ebenso musikalisch wie er. Sollten die Zwinglis in der Kaplanei unterhalb der Bühlkirche gewohnt haben, waren sie sogar Nachbarn (siehe Foto). Ist es der Weesner Bekanntschaft zu verdanken, dass später in Zürich die Äbtissin des Fraumünsters den Leutpriester am Grossmünster, Zwingli, zu Markttagen im Fraumünster predigen liess, damit die Bauern den Geist der Reformation in die Dörfer tragen konnten?

 

Text und Foto: Jörn Schlede, Weesen   – Kirchenbote SG, Februar 2017

 


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