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Gesellschaft

Die Schweiz vom Tellerrand aus betrachtet

Perspektivenwechsel

21.08.2017
Die Welt gerät aus den Fugen. Klimawandel, Globalisierung, Finanzkrise, Kriege, Flucht und Migration verändern unsere europäischen Gesellschaften. Das schürt Verlust- ängste. Was gäbe es wohl in der Schweiz zu verlieren? Beobachtungen eines vor zehn Jahren zugewanderten Deutschen, der zuweilen immer noch staunt.

Im vergangenen Jahr hat die Schweiz die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels gefeiert. Für Schweizer – das habe ich schon gewusst, als ich noch in Deutschland war – ist der Gotthard ein nationales Symbol, das gleich nach Wilhelm Tell und dem Matterhorn kommt. Diesen Berg zu bezwingen, gerade diesen, das ist tatsächlich eine Leistung. Nicht umsonst hat sich jahrzehntelang jede Lokomotive, welche die SBB neu in Dienst gestellt hat, erst auf der alten steilen Gotthard- Bergstrecke bewähren müssen. 

Als genuine Leistung angekündigt
Ein paar Monate nach der Eröffnung des Basistunnels, kurz vor Weihnachten, da hat das Schweizer Fernsehen einen neu gedrehten Zweiteiler über den Bau des ersten Tunnels gezeigt, der 1882 eingeweiht wurde: «Gotthard». Der Film wurde zuvor im Fernsehen mit viel Patriotismus und Stolz auf diese genuine Schweizer Leistung angekündigt. 

Viele Gastarbeiter starben
Als einer der Hauptdarsteller ist in dem Film dann ganz selbstverständlich Maxim Mehmet aufgetreten, ein Schauspieler mit einem, wie mir schien, gar unschweizerischen Namen. Und sehr offen hat der Film thematisiert, wie viele italienische Gastarbeiter damals beim Bau des Tunnels starben – weil die Schweizer Regierung in Bern an der Arbeitssicherheit auf der Baustelle sparte.

Selbstkritischer Patriotismus
Dennoch ist es ein patriotischer Film geworden, ein Film über ein grosses europäisches Gemeinschaftswerk. Ein grenzüberschreitendes und eines, welches Europa seither verbindet, auch wenn die Schweiz nicht in der EU ist. Und jetzt verbindet der neue Basistunnel. Ich fand das einen sehr schönen Umgang mit Themen wie Patriotismus, Aufrichtigkeit (Verantwortung auch für eigene Fehler zu übernehmen) und Offenheit für Fremdes, welches auch heimisch werden kann. 

«Weil der Umgang mit Fremden vielleicht am meisten über eine Gesellschaft verrät.»

Mir fällt spontan kein anderes Land in der Nachbarschaft ein, das derart unaufgeregt, offen und auch selbstkritisch mit einem solchen nationalen Symbol umgeht. Vielleicht ist dieser Umgang noch wichtiger als der Basistunnel selbst.

Selbstverständlich schwarz
Durch den neuen Tunnel bin ich noch gar nicht gefahren. Aber ich fahre im Sarganserland, wo ich lebe, oft mit der S-Bahn. Da sehe ich dann oft Gruppen von Schülern, die in die Kantonsschule nach Sargans fahren oder gerade von dort kommen. Manchmal ist einer der Schüler in so einer Gruppe schwarz. Das scheint den anderen aber ganz egal zu sein. Er redet genauso Mundart wie sie und gehört einfach dazu. 

Neben- denn Miteinander
So was habe ich in Deutschland in dieser Selbstverständlichkeit noch nie gesehen. Dort bleiben die einen meist unter sich und die anderen dann eben auch. Ich fahre auch ab und zu mit dem ÖBB-Railjet nach Feldkirch, das ist gleich hinter der österreichischen Grenze. Die Zigaretten sind dort deutlich billiger. Feldkirch hat eine hübsche Altstadt und auch viele Schüler, aber auch da scheint eher ein Nebeneinander denn ein Miteinander zu herrschen. 

Autorität mit Respekt
Auf dem Rückweg kommt regelmässig die Schweizer Grenzwacht in den Zug. Sie sucht nach Menschen mit dunkler Haut. Vor ein paar Jahren haben sie oft gleich mehrere Flüchtlinge aus dem Zug geholt. Ich habe schon viele solcher Szenen erlebt. Nicht einmal ist ein Grenz­wächter laut, grob oder unfreundlich gewesen. 

Ganz anders, als ich es vor ein paar Wochen am Badischen Bahnhof in Basel erlebt habe. Da hat ein deutscher Grenzer zwei junge schwarze Männer ohne gültige Pässe im IC erwischt. Er hat sie vor allen anderen Fahrgästen angeschnauzt und seine Amtsmacht hervorgekehrt, als sei die Pistole an seinem Gürtel nicht Autorität genug gewesen.

Warum ich hier grade so viel über Ausländer schreibe, wo es doch eigentlich um die Schweiz geht? Weil der Umgang mit Fremden vielleicht am meisten über eine Gesellschaft verrät. Über ihre Gelassenheit oder Aufgeregtheit, über ihr Selbstbewusstsein oder eben auch über ihre Komplexe.

Welcher «Untergang»?
Womit wir bei einem Punkt wären, den ich an der Schweiz immer noch zu verstehen versuche: Warum findet der von rechts regelmässig an die Wand gemalte drohende «Untergang der Schweiz» so viel Nachhall in der Gesellschaft? Als könnten Ausländer, Muslime, Minarette oder die EU dieser modernen, aufgeklärten und sichtlich starken Schweiz etwas anhaben. Sie geht mit all diesen Herausforderungen der Veränderung schon länger um, und zwar allen Unkenrufen zum Trotz ziemlich erfolgreich. Und selbstbewusst im Wortsinn. Siehe Gotthardbasistunnel. 

Auf all das dürften die Schweizerinnen und Schweizer schon ein bisschen stolzer sein, finde ich. Denn genau diese Schweiz gäbe es zu verlieren. 

 

Text: Wolfgang Frey, Heiligkreuz SG | Foto: SBB  – Kirchenbote SG, September 2017

 


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