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Leben & Glauben

Einen Tag zur Ruhe kommen

23.10.2017
Am Sabbat ist selbst schon das WC-Papier in Blätter gerissen: Auch diese Arbeit soll ruhen. Und auch ohne Arbeit: Die wunderbare Welt dreht sich doch. – Die Rorschacher Pfarrerin Ester Marchlewitz macht sich Gedanken zum siebten Tag, dem Ruhetag.

«Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte Gott von all seinem Werk, das er durch sein Tun geschaffen hatte.» Genesis 2, 2–3

Friede
Mit «Sabbat Shalom» (d. h. «Sabbat Friede») wurde ich an einem Samstagmorgen im Jerusalemer Hotel begrüsst. Es war Sabbat geworden – der siebte Tag der Woche, den die Juden als Ruhetag feiern. Und tatsächlich hatte das quirlige Jerusalem an diesem Tag einen Gang zurückgeschaltet: Der öffentliche Verkehr stand still, die Strassen waren entvölkert, jüdische Geschäfte geschlossen. Im Hotel war der Aufzug auf Sabbatbetrieb umgestellt und hielt in jedem Stockwerk, damit man nicht den Knopf drücken musste. Und auf der Toilette war selbst das WC-Papier schon in Blätter gerissen, damit man auch diese «Arbeit» am Sabbat nicht verrichten muss. 

Sein Werk ruht
Warum das alles? Weil Juden an jedem Sabbat traditionell daran denken, dass Gott die Welt geschaffen hat. In 1. Mose 2, 2 endet der erste Schöpfungsbericht mit dem ersten Sabbat. Dort heisst es: «Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte.» 

Die wunderbare Welt dreht sich doch
In der jüdischen Religion wird einmal in der Woche die Ruhe Gottes nachvollzogen, indem die Gläubigen selbst an diesem Tag nichts erschaffen. Diese Enthaltung von Arbeit erinnert daran, dass es Gott ist, der die Welt wunderbar gemacht hat. Sein gutes Tun kommt vor unserem menschlichen Tun. Und auch wenn wir einmal nichts tun, dreht sich Gottes wunderbare Welt weiter. Deshalb können wir Menschen zur Ruhe kommen. Der Sabbat stellt also einmal pro Woche Gott und Menschen wieder in das richtige Verhältnis. Gott ist der zuerst tätige Schöpfer, wir Menschen sind seine Mitarbeiter.

Wir feiern den Sonntag
Auch wir Christen kennen zum Glück einen Ruhetag. Wir feiern den Sonntag. Auch wir dürfen wie die Juden einmal in der Woche daran denken, dass Gott uns trägt und versorgt – auch ohne unser Zutun. Wir spüren das, wenn wir den Alltag mit seinen Tätigkeiten und Geschäften einmal links liegen lassen. Im Vertrauen auf Gott einmal auch in Gedanken das loslassen, was uns tagtäglich stresst. Einsehen, dass das ständige «mehr, besser, schneller» nur unser menschliches Motto ist und vor Gott nicht wirklich zählt. Gott und seine Schöpfung kommen auch ohne unseren Zivilisationsstress klar. Dann sollten wir das doch auch schaffen.

Mehr als nur ruhen
Aber der Sonntag ist mehr: Am Sonntag gedenken wir der Auferstehung Jesu. Wir erinnern uns, dass Gott nicht nur unser Schöpfer ist, sondern auch gnädig. In Jesu Auferstehung sagt Gott ein für alle Mal «Ja» zu uns, selbst wenn unser Handeln in Gottes Augen alles andere als gut ist. 

Das Licht dieser Gnade leuchtet jeden Sonntag in unseren Alltag hinein. Es setzt uns und unsere Leben – auch mit seinen Schattenseiten – ins Verhältnis zu Gott und schenkt uns mehr als Ruhe. – Er schenkt uns Frieden.

 

Text: Ester Marchlewitz, Pfarrerin in Rorschach | Foto: Wolfgang Schneider  – Kirchenbote SG, November 2017

 


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