Logo
Leben & Glauben

Das Tier, dein Mitmensch

«Wir haben als Christen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben.» Das ist der erste Satz im «Glauberger Schuldbekenntnis», das ein deutsches Pfarrehepaar Ende der 1980er-Jahre formuliert. Es ist der Anfang der Bewegung «Kirche und Tier», die 2004 in der Schweiz zur Gründung des ökumenischen Vereins «Aktion Kirche und Tier» (AKUT) führt.

Seit zwei Jahren ist der 46-jährige reformierte Pfarrer und Ethiker Christoph Ammann Präsident des Vereins. «Unser grosses Ziel ist der Gesinnungswandel von uns Christinnen und Christen im Verhältnis zu den Tieren», sagt Ammann. Oder, mit dem Schuldbekenntnis gesagt: Statt die Tiere im Glaubensleben zu vergessen, sie im Blick zu haben. 

Eine «ethische Sonderstellung» 
Um dahin zu kommen, braucht es eine denkerische Neufassung der Beziehung zu den Tieren. «Menschen und Tiere sind beide Gottes Geschöpfe. Unter den Geschöpfen Gottes aber gibt es keine Abstufung.»

«Behandle Tiere so, dass sie in ihrer Art ein gutes Leben leben können.» 

Eine theologische Tierethik von heute wirft daher die jahrhundertelang gängige Abwertung der Tiere über Bord. Diese Tradition geht von der Aussage im 1. Buch Mose aus, nach welcher der Mensch über die Tiere «herrschen» solle. Der Mensch ist im Unterschied zum Tier «vernunftbegabt», was seine «Gottesebenbildlichkeit» begründet. «Von dieser Sichtweise führt ein direkter Weg zur Behandlung von Tieren als Sache», sagt Ammann. Weil Tiere nicht Gottes Ebenbild sind, dürfe man sie töten, wird argumentiert. Mit den bekannten Folgen der industriellen «Verwertung» von Tieren. 

«Tierschutz oder Tierrechte kommen in der Kirche kaum vor.» 

Anderer Ansatz
Eine neue Tierethik setzt anders an. Wohl gibt es einen Unterschied zwischen Mensch und Tier. «Die Differenz liegt in der Verantwortlichkeit gegenüber der Schöpfung», sagt Ammann. Beide sind Geschöpfe Gottes, aber der Mensch hat eine «ethische Sonderstellung». Aus dieser Verantwortung leitet Ammann die Haltung zu Tieren ab. «Behandle die Tiere so, dass sie in ihrer Art ein gutes Leben leben können.» Dabei unterscheidet er die Beziehung zu Haustieren und Wildtieren. Bei der ersten Gruppe geht es um Fürsorge, bei der zweiten um das Intakthalten ihrer Lebensräume.

Tierschutz gehört zum Kirchesein
Das klingt alles vernünftig und ist ein guter theoretischer Unterbau für den aktuell trendigen Lebensstil von Vegetariern und Veganern. Aber ist es mehr als ein Hobby für Menschen mit Mitgefühl? Ammann, der seit 15 Jahren aus Überzeugung kein Fleisch isst, sagt: «Wir haben in Kirche und Gesellschaft tatsächlich eine grosse Tiervergessenheit und eine Verdrängung des Leidens von Tieren.» Auch eine übertriebene Tierliebe oder die Vermenschlichung von Tieren versteht er als «gestörte» Beziehung zu Tieren.

Die Aufgabe lautet also: Eine Beziehung zu Tieren als «Mitgeschöpfen» aufbauen. Ammann sieht hier auch in der Kirche grossen Nachholbedarf. Diese tue eindeutig zu wenig für Tiere. Sowohl der Einsatz für bedrängte Menschen als auch für die Bewahrung der Schöpfung seien in der Kirche tief verankert. Aber Tierschutz oder Tierrechte kommen kaum vor. Ein Gesinnungswandel wäre für ihn ein Schritt hin zu mehr Friedfertigkeit und Liebe auf unserem Planeten.

Mit dem Hund pilgern
Der Verein AKUT hat schweizweit etwas über 300 Mitglieder. Was tut er dafür, dass Tiere zu Mitgeschöpfen werden? Ein Angebot ist das «Stadtrandpilgern mit Hund» in Zürich, ein «Gottesdienst im Gehen». AKUT bietet auch Vorträge und Erwachsenenbildung in Gemeinden an und wirkt in Tiergottesdiensten mit. – Wie aber könnte eine «grosse Wende» passieren, sodass die Verantwortung für Tiere selbstverständlich zum Menschsein gehört? Das ist für Ammann eine offene Frage. Klar ist für ihn: Es geht nicht allein mit Argumenten. Es braucht die Anschaulichkeit, die Betroffenheit. «Vielleicht müsste man es wagen, mit Konfirmandenklassen einen Schlachthof zu besuchen.» 

 

Text: Daniel Klingenberg, St. Gallen | Foto: Marianne Egli-Fässler – www.wisgraben.ch  – Kirchenbote SG, September 2018

 


Von roundabout SG-APP (Rahel Schwarz) erfasst am 14.09 2018 11:50

Danke!

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Artikels. Wir freuen uns über jedes interessierte Mädchen, über neue Partnerorganisationen oder Workshop-Anfragen. Freundliche Grüsse Rahel Schwarz kantonale Leiterin roundabout SG-APP

Kommentar erstellen
KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Mutiger Junge gesucht!  | Artikel

Für die Schweizer Uraufführung des Pop-Oratoriums «Luther» am 3. November in der Olma-Halle St. Gallen wird ein mutiger Knabe zwischen zehn und 12 Jahren gesucht, der in einer kurzen Szene den jungen Martin Luther verkörpert. Dafür findet am Dienstagnachmittag, 11. September, um 17 Uhr, ein Casting statt. Weitere Informationen siehe http://www.luther-oratorium.ch/artikel/details/mutige-jungs-gesucht/.

Interessierte melden sich unter musik@ref-sg.ch

 


Luther Oratorium in St. Gallen – Die Proben sind angelaufen!  | Artikel

Ein Pop-Oratorium über den Reformator Martin Luther wird am 3. November erstmals in der Schweiz aufgeführt. Für das Projekt in St. Gallen wurden  Sängerinnen und Sänger gesucht und schnell gefunden. Die erste Probe hat bereits stattgefunden, es gilt die eingängigen Melodien mehrstimmig zu üben, auf dass die Aufführungen am 3. November in den Olma-Hallen glücken.

www.luther-oratorium.ch

 

Mehr Impressionen von der ersten Probe finden sie hier.


Zwitschern Sie mit!  | Artikel

Seit Ende September lädt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) die Bevölkerung ein, über den Glauben nachzudenken. Dies geschieht mit einer Plakatkampagne oder mit den zwölf theologischen Kurzbotschaften, den Glaubenstweets. Lassen Sie sich vom Gezwitscher inspirieren!


Bike und Bibel  | Artikel

Die St.Galler Kantonalkirche nahm 2003 einen Trend vorweg. Als der Begriff E-Bike noch in den Sternen stand, setzte sie aufs Fahrrad und eröffnete den Bibel-Veloweg. Zeit also, ihn wieder in Erinnerung zu rufen und sich auf das Velo zu schwingen, eine Tour zu unternehmen. Mehr erfahren Sie hier.

Der Flyer und die Velokarte dazu