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Wirtschaft

Landwirtschaft im Bergkanton

17.08.2022
Elsbeth Hefti-Schiesser und Thomas Hefti aus Mitlödi/Glarus Süd bewirtschafteten ihren Bauernhof und eine Alp im Glarnerland. Auf dem mittlerweile von ihrem Sohn Hannes Hefti-Fischbacher übernommenen Betrieb wird nach den Bio-Suisse-Richtlinien produziert. Im Interview erzählen sie über die Landwirtschaft im Bergkanton Glarus.

Frau Hefti-Schiesser, Herr Hefti, Sie bewirtschafteten einen Bauernhof im Tal und eine Alp. Möchten Sie uns etwas zu ihrem Hof Hüsliguet erzählen?
Thomas Hefti: Der Hof umfasst 25 Hektar Wiesland, hauptsächlich mit Milchwirtschaft. Das heisst, wir haben rund 30 behornte Kühe und circa 12 Stück Jungvieh, in einem grossen Laufstall. Ausserdem 2'000 Legehennen. Wir arbeiten nach den Bio-Suisse-Richtlinien. 2013 haben wir unseren Hof an unseren Sohn übergeben. Unsere Söhne betreiben auch die Alp Guatbächi, da werden pro Jahr fünf Tonnen Bio-Alpkäse und 500 Kilo Bio-Alpbutter produziert.
Elsbeth Hefti-Schiesser: Viele unserer Produkte haben wir auch in der Direktvermarktung. Jeder kann zu uns auf den Hof kommen und Lebensmittel aus eigener Produktion kaufen.

Was bedeutet für Sie Landwirtschaft? Und was ist ihre Motivation, Landwirtin und Landwirt zu sein?
Elsbeth Hefti-Schiesser: Gute Nahrungsmittel zu produzieren ist unsere grösste Motivation. Wir haben den Hof immer so bewirtschaftet, dass ihn die nächste Generation übernehmen und fortführen kann. Uns ist die Zusammenarbeit in der Familie sehr wichtig.
Thomas Hefti: Vorteile hat sicher, dass wir uns die Zeit frei einteilen können und unser eigener Herr und Meister sind.

Welches ist die grösste Herausforderung, mit der sich die Landwirtschaft im Glarnerland derzeit konfrontiert sieht?
Thomas Hefti: Eine Schwierigkeit sind die vielen Vorschriften und die Bürokratie. Der Wolf ist für die Bewirtschaftung der Alp und auch den Hof im Tal eine riesige Herausforderung. Es ist einem nicht mehr wohl, wenn 50 Meter vom Stall entfernt ein Wolfsrudel heult. Und auch der Klimawandel, das merkt man. Wir bestossen die Alp 14 Tage früher.
Elsbeth Hefti-Schiesser: Die Darstellung der Landwirte in den Medien ist auch schwierig. Wir haben oft das Gefühl, angegriffen und als Sündenböcke gesehen zu werden. Fast so, als ob es ohne Landwirtschaft eine heile Welt wäre.

Sie haben mit Ihrem Betrieb auf Bio gesetzt. War das eine bewusste Entscheidung oder eher eine «organische» Entwicklung?
Thomas Hefti: Die Bio-Suisse-Zertifizierung haben wir seit 1997. Eigentlich war das keine grosse Umstellung, wir produzieren ja das Futter für unsere Kühe selbst und für Wiesen braucht man keine Pestizide. Und die Haltungsvorschriften für Tiere sind strenger, was entweder neue, teure Laufställe oder viel Arbeitsaufwand in den bestehenden Anbindeställen bedingt.
Elsbeth Hefti-Schiesser: Wir schauen auch, dass wir in einem Kreislauf wirtschaften. Unsere Kühe sind nicht hochgezüchtet, müssen keine Hochleistung in der Milchproduktion bringen. Die Gesundheit der Kühe ist wichtiger – und natürlich, dass sie ein gutes Leben haben, sie hier in der Region geschlachtet werden können und keine langen Transportwege haben. Das Berggebiet besteht hauptsächlich aus Grasland, das wir nur über raufutterverzehrende Nutztiere, wie Kühe, Schafe und Ziegen bewirtschaften können. Die Tiere liefern uns Milch und Fleisch, das wir für die menschliche Ernährung nutzen können. Darum hätte ein Verzicht auf tierische Produkte unvorstellbare Auswirkungen für grosse Teile der Schweiz.

Haben kleine Betriebe langfristig überhaupt noch eine Chance?
Thomas Hefti: Es ist nicht wichtig, ob ein Betrieb gross oder klein ist. Es hängt eher davon ab, wie man leben möchte, weil der Lebensunterhalt und die Betriebskosten aus einem Topf kommen. Wir leben sparsam und gehen auch nicht in die Ferien. Uns war es wichtig, unseren Nachkommen einen zukunftsfähigen Betrieb zu übergeben.

In der Landwirtschaft hält auch die Digitalisierung Einzug. Wie erleben Sie das?
Thomas Hefti: Grad die Jüngeren haben schon mehr PC-Kenntnisse, da geht das alles schneller. Aber es ist auch aufwändiger, wir müssen alles melden: Jedes Tier muss eine lückenlose Rückverfolgung bis zur Geburt aufweisen, wobei jede Standortveränderung auf eine Datenbank gemeldet werden muss, jede tierärztliche Behandlung mit Antibiotika ebenso. Jede Ausbringung von Mist und Gülle, das Mähen von jeder Parzelle muss dokumentiert sein. Als Landwirt hat man ohnehin schon wenig Freizeit und davon geht jetzt viel für die Dokumentation drauf.
Elsbeth Hefti-Schiesser: Es sind auch Vorschriften, die vom Bund kommen, und die manchmal nicht ganz auf die Berglandwirtschaft passen und sich widersprechen. Wir sind hier zum Beispiel in einem Bergsturzgebiet, da ist die Humus-Schicht über den Felsen sehr dünn, darum haben wir unsere Düngung auf gut verrotteten Mist ausgelegt. Wenn wir den Mist mit dem Streuer verteilen können, ist das für das Bodenleben viel besser, dann kriegen die Pflanzen mehr Nährstoffe, als wenn wir viel Gülle mit dem Schleppschlauch punktuell ausbringen.

Welche Bedeutung hat für Sie die Bewahrung der Schöpfung und die Naturnähe?
Thomas Hefti: Die hat ganz klar grosse Bedeutung.
Elsbeth Hefti-Schiesser: Eben deswegen wirtschaften wir im Kreislauf, weil wir die Schöpfung bewahren möchten. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir regional und saisonal einkaufen. Und manchmal haben wir das Gefühl, dass die Argumente von den Medien zu kurz gegriffen sind oder nicht im Zusammenhang gesehen werden, als würden wir absichtlich der Natur schaden wollen.

Gibt es heute noch christliches Brauchtum in der Landwirtschaft?
Elsbeth Hefti-Schiesser: Christliches Brauchtum nicht direkt. Es ist normal, dass wir in der Kirche aktiv sind. Ich bin Kirchenrätin in der Kirchgemeinde Mitlödi. Und gerade wenn Berggottesdienst ist, dann helfen alle mit.
Thomas Hefti: Die christlichen Grundwerte und das Leben danach zu führen, das finde ich auch wichtig.

Was würden Sie gerne den Leserinnen und Lesern mitteilen?
Thomas Hefti: Dass wir miteinander reden können und auch aufeinander zugehen. Extreme Ansichten sind schwierig, wir möchten eher den Dialog, die Mittelwege und den Konsens suchen.

Interview: Johanna Göring


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