News aus dem Kanton St. Gallen

Auf heiligem Boden

von Stefan Degen
min
23.03.2026
Eigentlich kennen die Reformierten keine heiligen Orte. Eigentlich. Denn was als heilig angesehen wird, hat nicht nur mit Religion zu tun, sondern auch mit Identität. Und oft auch mit Fussball.

Vor einem Jahr betraten Jugendliche aus dem Rheintal «heiligen Boden». Das geschah im Rahmen der katholischen Jugendarbeit. In Einsiedeln? Auf einer Wallfahrt nach Lourdes? Im Petersdom im Vatikan? Nichts dergleichen. «Bad Ragazer Jugendliche auf dem ‹heiligen› FCSG-Rasen», titelte der «Sarganserländer». «Heilig» ist also der Kybunpark (ab kommender Saison: «Berit Sitterstadion»). Wobei nostalgische Espen-Fans sich wehmütig nach der wahren Kultstätte sehnen: dem Espenmoos.

Mose stand auf heiligem Boden

Heiligen Boden betrat laut Bibel auch Mose, als Gott ihm im brennenden Dornbusch begegnete: «Komm nicht näher», sagte Gott zu Mose. «Nimm deine Sandalen von den Füssen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.» (Exodus 3,5)

Heilige Dinge sind nichts anderes als kollektive Ideale, die sich an materiellen Gegenständen festgesetzt haben

Das Heilige ist im priesterlichen System des Alten Testaments Teil eines ausgeklügelten Systems: Neben heilig und profan spielt auch die Kategorie rein und unrein eine wichtige Rolle. Das Heilige darf nie mit dem Unreinen in Kontakt kommen.

Jesus und die Flitzer

Das Neue Testament verwischt diese Kategorien: Jesus etwa berührt Unreine (Markus 1,41). Heilig ist nun nur Gott, und wer von ihm ausgeht: Christus und der Heilige Geist. Dieser Linie folgt die evangelische Theologie, die zwischen Schöpfer und Schöpfung unterscheidet. Gott ist gegenwärtig in der Welt, und zwar nach evangelischem Verständnis unabhängig vom Ort. Kurz: Die Reformierten kennen keine heiligen Orte.

Und doch schreiben sogar weltliche Medien wie der «Sarganserländer» vom «heiligen» Rasen. Das Heilige ist im Säkularen angekommen. Nach der Analyse des französischen Soziologen Émile Durkheim verdichtet sich im Heiligen die Autorität der Tradition: «Heilige Dinge sind nichts anderes als kollektive Ideale, die sich an materiellen Gegenständen festgesetzt haben», schrieb er 1912. Umso empfindlicher die Reaktionen, wenn solche heiligen Momente gestört werden. Etwa im Umgang mit Flaggen. Oder beim Abspielen der Nationalhymne vor einem Länderspiel. Für andere hat das Sakrileg, das Verletzen heiliger Sphären, seinen speziellen Reiz. Für Flitzer etwa, die unbefugt den heiligen Rasen betreten, der doch eigentlich den angehimmelten Fussballstars vorbehalten ist.

Was als heilig betrachtet wird, hat nicht nur mit Religion zu tun. Es zeigt auf, was in einer Gesellschaft Identität stiftet.

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