Basler Tradition, produziert in der Ukraine
Halyna Ilyasevych Rauber sagt oft, in ihr schlagen zwei Herzen. Eines für die Schweiz – und eines für die Ukraine. Ihre alte Heimat. 2015 gründete sie das Online-Geschäft ViViV und verkauft heute unter anderem Waggis- und Ueli-Kostüme für die Basler Fasnacht – genäht in der Ukraine. Das Unternehmen schlägt eine Brücke zwischen den beiden Ländern und zeigt, wie ein kleiner Beitrag im Grossen Wirkung entfalten kann.
Schweizer Idee, in der Ukraine genäht
Halyna Ilyasevych Rauber ist Mitte 40, und lebt seit über 20 Jahren in Basel. Sie hat hier geheiratet, eine Familie gegründet und über viele Jahre in der Basler Chemiebranche gearbeitet. Längst besitzt sie nicht nur den Schweizerpass, sondern hat sich auch baseldeutsche Redewendungen angeeignet. Basel ist ihr inzwischen ebenso zur Heimat geworden, wie es ihre Heimatstadt Lviv im Herzen immer noch ist.
In einer Welt mit meinen Werten darf so etwas nicht vorkommen.
Es war denn auch eine Schweizer Tradition, die sie dazu inspirierte, ihr eigenes Kleidergeschäft zu gründen: Raubers Tochter war noch sehr klein, als ihre Schwiegermutter ihr eine selbstgenähte Pumphose schenkte. Weicher Stoff mit breitem Saum oben und verspielten Mustern. Es gibt in der Schweiz wohl kaum ein Kind, das nicht einmal darin gekleidet wurde – und das, obwohl es Pumphosen im herkömmlichen Handel kaum zu kaufen gibt!
Das fiel auch Halyna Rauber auf. Es musste doch eine Möglichkeit geben, genau diese Hosen zu vermarkten! Rauber gründete ViViV, und verkaufte zunächst eine kleine Serie von Pumphosen für Babys und Kleinkinder. Ein Familienbetrieb in Lviv produziert die Kleidung bis heute.
«Unser Beitrag für die Basler Fasnacht!»
Die Pumphosen waren erst der Anfang. Jedes Kind, das in Basel aufwächst, braucht irgendwann ein Waggis-Kostüm, eine blaue Bluse mit weisser Stoffhose, um an der Fasnacht mitlaufen zu können. Und später natürlich: das gehörnte Ueli-Kostüm. Halyna Rauber schickte eine Designvorlage nach Lviv zu ihren Näherinnen, die von der Basler Fasnacht davor noch nie gehört hatten.
Viel Gewinn versprach sich Rauber nicht – vor allem die Ueli-Kostüme sind aufwändig und teuer und wer kauft sie schon in einem kleinen Onlinehandel, wenn es sie auch bei Manor gibt? «Das wird unser Beitrag für die Basler Fasnacht!», ermutigte sie ihr Mann.
Und tatsächlich: Innerhalb von zwei Wochen waren die Kostüme ausverkauft. Dieses Jahr stattet Halyna Rauber eine Clique, eine Gugge, einen Waggiswagen und zwei «Schyssdräggziigli» mit Kostümen aus. Irgendwann, sagt sie, möchte sie einen Bus organisieren und die Näherinnen an die Fasnacht nach Basel bringen.
Binnenflüchtlinge in der Näherei
Der 24. Februar 2022 stellt für viele Ukrainerinnen und Ukrainer eine Zäsur dar, welche die Welt in ein Vorher und ein Nachher teilt. Davor der Frieden, danach der Krieg, die Zerstörung, die Vertreibung. «In einer Welt mit meinen Werten darf so etwas nicht vorkommen», sagt Rauber. «Jede Woche erleben wir in der Ukraine unser Crans-Montana. Das ist so unendlich traurig und tragisch.»
Weil die Situation in der Ukraine so ungewiss ist, haben viele Unternehmen ihre Produktion in andere Länder verlagert. Halyna Rauber ist geblieben. Dank Menschen wie ihr kann der Betrieb geöffnet bleiben und Menschen, die innerhalb der Ukraine geflohen sind, Arbeit geben. Mehr noch: Halyna Rauber weiss aus erster Hand um die Bedürfnisse der Näherinnen. Im Winter, erzählt sie, müssen sie drinnen ihre Winterjacken tragen. Der Strom fällt oft aus.
Das erschwert nicht nur die Arbeit, sondern bedeutet auch, dass die Heizung die meiste Zeit nicht funktioniert. Wegen der häufigen Stromausfälle sammelt Rauber nun für einen Generator und hat bereits die Hälfte zusammen – eine Clique hat 2000 Franken gespendet.
Der Krieg macht den Alltag zur Herausforderung. «Ich bewundere die Resilienz der Leute», sagt Rauber. «Sie beweisen, wie viele Ressourcen in uns Menschen stecken.» Ohne Arbeit, ist sie überzeugt, würde es den Menschen sehr viel schlechter gehen – nicht nur emotional, sondern auch finanziell.
Man muss nicht Geld verteilen, sondern den Leuten die Gelegenheit geben, Geld zu verdienen.
Ein Fenster in andere Welten öffnen
Mit einem Teil des Erlöses von ViViV unterstützt Halyna Rauber eine Schulbibliothek in Rohisne, einem kleinen Dorf ausserhalb von Lviv. Jedes Jahr vor Weihnachten kauft Rauber neue Bücher für die Bibliothek ein. «Es ist so eine tolle Aufgabe», sagt sie. «Ich schaue immer, dass ich schöne Bücher kaufe, mit schönen Bildern.» Auch Zeitschriften abonniert sie jedes Jahr, damit regelmässig etwas Neues aufliegt. «Kleinen Sachen können eine grosse Wirkung entfalten. Das fasziniert mich sehr.»
Für die Bücher gibt sie jedes Jahr rund 500 Franken aus und investiert zusätzlich in die Infrastruktur der Bibliothek. Insgesamt fünf Prozent des Umsatzes gehen an Sozialprojekte in der Ukraine. Dieser verhältnismässig kleine Betrag reicht weit. «Mit diesem Betrag helfe ich den Kindern, ihre Begeisterung fürs Lesen und fremde Welten zu entdecken. In diesen schwierigen Zeiten muss man für sie ein Fenster in andere Welten öffnen.»
So wird aus Basler Fasnachtstradition konkrete Hilfe für die Ukraine.
Basler Tradition, produziert in der Ukraine