News aus dem Kanton St. Gallen

Bitte keine Klischees!

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04.06.2019
Eigentlich sollte der Journalist Klaus Petrus einen Beitrag über die Flüchtlinge an der ungarischen Grenze schreiben. Dann sagte er nein, er wolle dies nicht mehr tun. Stattdessen lieferte er ein Essay über den Umgang mit Stereotypen.

Wie oft haben wir sie schon geh├Ârt: die Geschichten ├╝ber Gefl├╝chtete an den R├Ąndern Europas, vertrieben, vergessen, verloren. Es ist Ende Februar, kalt und windig, ich blicke auf diese traurige Landschaft und denke mir: schon wieder so eine Geschichte. Der Ort: Horgos, eine Kleinstadt an der serbisch-ungarischen Grenze. Im Herbst 2015 versuchten hier Hunderte Gefl├╝chtete aus Syrien, Afghanistan und Pakistan durchzukommen, bis die ungarische Grenzpolizei sich ihnen in den Weg stellte. Dann brach Chaos aus, und es wurde geschlagen und gekn├╝ppelt. Noch am selben Tag gingen die Bilder von der Strassenschlacht um die Welt. Kurz davor sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre ber├╝hmten Worte: ┬źWir schaffen das!┬╗

Ich war seither als Reporter einige Male in Horgos, so auch vor einem Jahr. Damals lebten kaum noch Gefl├╝chtete in den verdreckten Baracken ohne Wasser und Strom. Denn Ungarns Ministerpr├Ąsident Viktor Orb├ín hatte einen riesigen Zaun bauen lassen, der alle ┬źEindringlinge┬╗ fernhielt.

So kehrte ich heim und schrieb einen langen Artikel mit dem Titel ┬źDie Letzten von Horgos┬╗. Und nun, ein Jahr sp├Ąter, hocke ich wieder in einer dieser Baracken von Horgos und alles ist wie damals. Ja, mein Gegen├╝ber heisst nicht mehr Amar Z., 21, aus Pakistan, sondern Sultan A., 28, aus Afghanistan. Und anders als Amar wollte Sultan nicht Ingenieurswissenschaften studieren, sondern ist Journalist. Und Vater von drei Kindern. Aber sonst?

Gef├Ąhrliche Stereotypen
Nicht zum ersten Mal beschleichen mich Zweifel, ob ich schon wieder eine dieser Geschichten schreiben soll ÔÇô oder schreiben darf. Was tue ich eigentlich, wenn ich das Bild von diesem Sultan A. zeichne, der vor den Taliban fliehen und seine Mutter und seine junge Frau mitsamt Kindern zur├╝cklassen musste, der mit drei Paar Schuhen ├╝ber Pakistan und den Iran nach Griechenland fl├╝chtete, der seit Monaten schon in Serbien festsitzt, vertrieben, vergessen, verloren? Rede ich wirklich von Sultan, der hier in Horgos neben mir sitzt, Tee schl├╝rft und witzelt? Oder mache ich ihn mit meiner Geschichte nicht bloss zum Stellvertreter eines typischen Fl├╝chtlings? Wird er damit nicht zu einem, der weniger ein Jemand ist, sondern vielmehr ein austauschbares Etwas, ein Stereotyp mit irgendeinem Gesicht, irgendeinem Namen, irgendeiner Biografie? Mache ich ihn nicht gerade dadurch zu irgendeinem Sultan?

Wir alle sind auf Geschichten angewiesen, die mit Klischees hantieren. Sie sind dazu da, komplexe gesellschaftliche Prozesse so zu vereinfachen, damit wir sie verstehen. Doch k├Ânnen Stereotypen gef├Ąhrlich werden. Denn oft lassen sie unsere Vorstellungskraft verk├╝mmern und f├╝hren so zu einer schlimmen Verengung der Wirklichkeit: Wenn wir uns Sultan nur noch als einen Fl├╝chtling vorstellen k├Ânnen, so laufen wir Gefahr, den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Dieser verengte Blick auf die Welt ÔÇô oder, im Kleinen, auf Sultan ÔÇô hat am Ende auch moralische Konsequenzen. Denn mit dem Verk├╝mmern unserer Vorstellungskraft schwindet oft auch unsere F├Ąhigkeit zur Einf├╝hlung in den anderen, die Empathie.

Die Publizistin Carolin Emcke schreibt dazu: ┬źWer sich nicht mehr vorstellen kann, wie einzigartig jede einzelne Muslima oder jeder Migrant ist, erkennt auch nicht ihre Verletzbarkeit als menschliche Wesen, sondern sieht nur das, was schon als Bild vorgefertigt ist.┬╗ Die Populisten und Hassprediger dieser Welt wissen das nur allzu gut. Ihr Bild vom Fl├╝chtling ist eines ohne den Menschen dahinter, es ist einzig das Bild eines anderen, der angeblich bedrohlich ist und deswegen verfolgt, ausgegrenzt oder gar get├Âtet werden muss.

Geschichten vom Elend und Gl├╝ck
Wie lassen sich aber dann Geschichten von Gefl├╝chteten erz├Ąhlen? Das fragte ich auch Sultan, der selber Journalist ist und auf unz├Ąhligen Zetteln, Fotos und Videos seine Flucht dokumentiert hat. W├Ąre seine Art des Berichtens eine andere? Auch seine Geschichte, sagt er, w├╝rde vom Kummer und Elend eines Vertriebenen handeln, von uns├Ąglicher Sehnsucht, von Tagen ohne Hoffnung, von dunklen Gedanken an den Tod. Aber sie w├╝rde auch davon handeln, dass er, ein Afghane, am liebsten Spaghetti isst. Und davon, wie er als Junge auf einer M├╝llhalde bei Kabul eine Plastikkamera fand, wie er sie sich um den Hals band und fortan den rasenden Reporter mimte. Wie er und sein Sohn sich immer neckten. Wie er auf der Flucht Freunde fand, mit denen er bis heute zusammen kocht, spielt, weint. Wie er diese Flucht manchmal als aufregendes Abenteuer erlebt und wie er zugleich Scham empfindet, wenn er an seine Familie denkt, die er im Stich gelassen hat. Wie er davon tr├Ąumt, Arbeit zu finden, vielleicht als Journalist und wieder gl├╝cklich wird. Und wie er, zugleich, immer ├Âfter daran denkt, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Eine Geschichte w├Ąre dies, die nicht ÔÇô wie viele andere, die wir ├╝ber Gefl├╝chtete kennen ÔÇô darauf aus ist, Widerspr├╝che und Kratzer der Wirklichkeit auszub├╝geln. Eine Geschichte also, die im selben Atemzug vom Elend berichtet wie vom Gl├╝ck, vom Tiefsinn wie vom Banalen, von Wut wie von Demut. Eine Geschichte, die genau deswegen Stereotypen aufbricht und uns dazu bringt uns vorzustellen, wie es auch noch sein k├Ânnte: das Leben als Mensch, der vertrieben wurde. Im besten Fall weckt sie unsere Empathie.

K├Ânnten auch wir eine solche Geschichte schreiben? Vermutlich schon. In unserer Wahrnehmung bliebe sie wohl immer ein Bericht ├╝ber Gefl├╝chtete. F├╝r Sultan aber ist sie mehr. Sein jetziges Leben ist eines in einer Ausnahmesituation, er ist, wie er selber sagt, ┬źaus der Welt gefallen┬╗. Es gibt kaum noch Verbindungen zwischen seinem fr├╝heren Leben und dem, das er jetzt hat ÔÇô ausser den Erinnerungen, den Erz├Ąhlungen und Erfahrungen, die er fortlaufend zu seiner Geschichte verdichtet ├╝ber einen, der wahrgenommen werden will: nicht als Fl├╝chtling, sondern als Individuum, als Mensch.

Klaus Petrus, kirchenbote-online, 4. Juni 2019
Diese Arbeit entstand im Rahmen des Projektes ┬źKein Weg nirgends┬╗ von Andrea Jeska und Klaus Petrus, das vom ┬źKartographen┬╗ Stipendium von Fleiss + Mut und der Mercator Stiftung unterst├╝tzt wird.

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