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Braucht die Kirche eine Frauenquote?

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25.02.2021
Als das Frauenstimmrecht 1971 eingeführt wurde, war Gabriela Allemann noch nicht auf der Welt. Trotzdem bedeutet ihr dieser Schritt viel. Die Pfarrerin und Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz über moderne Feministinnen, Lohnungleichheit und Eltern, die sich die Hausarbeit teilen.

50 Jahre Frauenstimmrecht. Gabriela Allemann, was bedeutet dies f√ľr Sie?
1971 war meine Mutter¬†knapp 21 Jahre¬†alt. Das Stimmrecht war ihr damals noch verwehrt. F√ľr mich ist es heute selbstverst√§ndlich, dass ich abstimmen und w√§hlen kann. Von daher ist der 7. Februar 1971 f√ľr mich ein wichtiger, ein freudiger, Tag, auch wenn es besch√§mend ist, dass es so lange dauerte. 50 Jahre Frauenstimmrecht bedeutet auch, sich bewusst zu werden, wo heute eingestanden werden muss f√ľr Menschen, denen die Stimme verwehrt wird. Zur√ľckblicken, die Gegenwart analysieren und die Zukunft gestalten ‚Äď das geh√∂rt zusammen.¬†

Engagierte sich Ihre Mutter im Abstimmungskampf?
Nein, f√ľr meine Mutter waren die Gleichstellungsfragen zun√§chst kein Thema, das kam sp√§ter.¬†

Hatten Sie weibliche Vorbilder?
Als Kind meine Mutter, die eine klassische Frauenrolle lebte. Sp√§ter imponierte mir eine meiner Lehrerinnen und als Jugendliche starke Politikerinnen und Schriftstellerinnen. Aber Vorbilder im Sinne ¬ęgenau so m√∂chte ich auch leben und sein¬Ľ hatte ich keine.¬†¬†

Wurde Ihr Bruder anders erzogen, musste er im Haushalt mithelfen?
Nein, da gab es keine Unterschiede. Wir halfen beide mit im Haushalt und hatten das gleiche Spielzeug-Angebot, was f√ľr damalige Zeit schon besonders war.¬†

Wie sieht dies bei Ihren zwei Töchtern aus?
Unseren T√∂chtern wird langsam bewusst, dass f√ľr ihr Geschlecht nicht alles so selbstverst√§ndlich war und ist und Frauen sich vieles erk√§mpfen mussten. Am 7. Februar haben wir gemeinsam auf das Frauenstimmrecht angestossen!¬†

Gabriela Allemann, Sie sind Pfarrerin. In Sachen Frauenstimmrecht war die reformierte Kirche Pionierin. Etliche Kirchgemeinden kannten das Frauenstimmrecht schon Jahrzehnte vor dem Staat.
Richtig. F√ľr eine Institution, die √ľber Jahrhunderte predigte, die Frau schweige in der Gemeinde, ist dies beachtlich. Diese Vorreiterrolle der Kirche hat jedoch etwas Ambivalentes: Man erm√§chtigte die Frauen schon fr√ľh, ihre Stimme zu erheben, aber nur in den gesellschaftlichen Bereichen Kirche, Kinder und Wohlt√§tigkeit. Bei anderen Themen waren Frauen lange nicht gefragt.¬†¬†

Heute stehen an der Spitze der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz erstmals zwei Frauen: Als Präsidentin Rita Famos und als Synodepräsidentin Evelyn Borer. Hat man damit das Ziel erreicht?
Ich finde es bezeichnend, dass man jetzt so stark betont, dass Frauen die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz pr√§sidieren. Das zeigt, die Gleichberechtigung ist noch lange keine Selbstverst√§ndlichkeit. Gerade weil es aussergew√∂hnlich ist, m√ľssen sich Frauen in solchen Positionen nach wie vor st√§rker beweisen als M√§nner und stehen unter einem starken Druck. Ausserdem aufgepasst: Die Geschichte lehrt, wie rasch sich solche Machverh√§ltnisse wieder verschieben k√∂nnen.¬†

Heute prägen Pfarrerinnen und Präsidentinnen die Kirche. Hat sich die Kirche dadurch verändert?
Ja, die reformierte Kirche ist diverser und vielf√§ltiger geworden. Die verschiedenen Lebensentw√ľrfe, die heute eine Kirche pr√§gen, tragen zum Reichtum des Lebens in den Gemeinden bei.¬†¬†

Und thematisch?
Nein, die Kirche ist durch die Frauen nicht emotionaler und ¬ęsofter¬Ľ geworden. Ich lehne solche Geschlechterstereotypen ab. Eigenschaften sind nicht an ein Geschlecht gebunden.¬†¬†

Der Herr Pfarrer ist heute vom Sockel gestiegen. Hat dieser Imageverlust auch damit zu tun, dass vermehrt Frauen im Pfarramt sind?
Zur Bedeutungsver√§nderung des Pfarrberufes ‚Äď und der Kirche ganz allgemein - haben verschiedene Faktoren wie der gesellschaftliche Wandel und die S√§kularisierung beigetragen. Ausserdem entspricht das heutige Bild der Pfarrperson, die nicht mehr Definitionsmacht hat als jede andere Person der Gemeinde, eher der reformierten Forderung des Priestertums aller Gl√§ubigen.¬†

Braucht es in der Kirche eine Frauenquote?
In der reformierten Kirche braucht es diese Quote nicht ‚Äď mehr ‚Äď, aber ein starkes Bewusstsein daf√ľr, wo welches Geschlecht vertreten ist.¬†

Braucht die Gesellschaft die Frauenquote?
Ja, in gewissen Bereichen auf jeden Fall, gerade in den Verwaltungsräten braucht es mehr Frauen. 

Stichwort Verwaltungsrat. Bei der Frauenquote denkt man als erstes an die Teppichetagen. Kaum jemand spricht von den Frauen in der Pflege und im Verkauf. Ist dies nicht störend?
Nat√ľrlich. Es ist ein grosses Problem, dass viele Frauen in schlecht bezahlten Berufen arbeiten, die wenig Prestige haben. Die Corona-Zeit zeigt, wie systemrelevant diese Arbeit ist und wie sie unser Leben am Laufen h√§lt.¬†

Der Wert der Care-Arbeit, der Pflegearbeit, wird bis heute in der Schweiz untersch√§tzt. Braucht es da eine √Ąnderung?
Absolut. Auch die Evangelischen Frauen Schweiz fordern Massnahmen, damit die Care-Arbeit mehr wertgesch√§tzt wird, sei es die bezahlte oder unbezahlte. Bis heute wird die Arbeit von M√ľttern ‚Äď und V√§tern ‚Äď, die den Haushalt f√ľhren, die Kinder betreuen und f√ľr die betagten Eltern sorgen, nicht anerkannt. Diese Eltern leisten viel, ohne je einen Franken zu sehen. Die Care-Arbeit muss zwingend aufgewertet werden. Es kann ja nicht sein, dass die Erwerbsarbeit st√§ndig zunimmt und daneben bleibt immer weniger Zeit f√ľr die Care- und Freiwilligenarbeit. Viele Verb√§nde, Vereine und nicht zuletzt die Kirchen sind damit konfrontiert, dass sie keine Leute mehr finden, die sich ehrenamtlich engagieren, da sie sich dies heute nicht mehr leisten k√∂nnen.¬†¬†Bei etlichen Paaren arbeiten beide hochprozentig, da ein Lohn nicht reicht.¬†

Was unterscheidet die heutige Generation der Frauen und Feministinnen von der, die 1971 das Frauenstimmrecht erkämpft hat?
Wir können heute auf den Schultern der Frauen stehen, die damals dieses Recht erkämpft haben. Das war eine grosse Errungenschaft, diesen Kampf sollte man nicht unterschätzen. Heute ist vieles gegeben, Mann und Frau haben auf dem Papier die gleichen Rechte. Es gibt heute Frauen, die meinen, wir hätten bereits alles erreicht. Vielen wird dann im Laufe des Lebens bewusst, dass dem eben doch nicht so ist. 

Und in Bezug auf die Feministinnen?
Wir stellen fest, dass sich im Bewusstsein und im Alltag noch etliches nicht ver√§ndert hat, selbst wenn Mann und Frau heute formal gleichgestellt sind. Heute finden die Feministinnen in der Gesellschaft mehr Verb√ľndete, auch unter den M√§nnern. Vor 50 Jahren mussten sie viel mehr einstecken, da die M√§nner es nicht wagten oder sich leisten konnten, mit den Bestrebungen der Frauen zu sympathisieren. Heute stellen M√§nner fest, dass das Patriarchat auch sie einschr√§nkt in ihren M√∂glichkeiten und viele wollen mit den Frauen verst√§rkt gemeinsam unterwegs sein.¬†

Haben die Männer die Macht schon abgegeben?
Schwierige Frage. Zurzeit befinden wir uns in der Situation, dass M√§nner und Frauen aushandeln, wer welche Macht bekommt. Wir befinden uns mitten in diesem Prozess. Die Theologin Ina Praetorius spricht von einem postpatriarchalen Durcheinander, Es ist eine Umbruchzeit, mit entsprechenden Reaktionen. Ich denke an die Erst√ľrmung des Capitols in den USA oder das Aufkommen der AfD in Deutschland: Diese Bewegungen eint ein ausgepr√§gter Anti-Feminismus.¬†

Der postpatriarchale Machtkampf scheint bei Ihnen zu Hause beigelegt. Sie und Ihr Mann teilen sich die Hausarbeit.
Das funktioniert sehr gut. Mir war immer bewusst, dass ich weiter erwerbst√§tig sein m√∂chte, dass ich mit einem Mann zusammen sein m√∂chte, der Kinder will und f√ľr die Kinder auch da sein will. Vor der Geburt der T√∂chter haben wir dies besprochen und entsprechend nach Stellen gesucht. Es ist ein Gl√ľck, dass alles geklappt hat, und auch ein gewisser Luxus, dass es finanziell m√∂glich ist. Nat√ľrlich gibt es da und dort kleine Reibereien, aber das geh√∂rt auch dazu.¬†¬†

Was raten Sie Frauen, die sich mit ihrem Mann den Haushalt teilen möchten?
Klar kommunizieren, sich absprechen und sich √ľberlegen, was brauche ich, und m√∂glichst authentisch sein. Und dann sollte man auch einen F√ľnfer mal gerade sein lassen. Das ist enorm wichtig.¬†

Wie meinen Sie das?
Viele Frauen glauben, dass einzig M√ľtter den Haushalt im Griff haben und die Kinder betreuen k√∂nnen. Frauen sollten sich von solchen Vorstellungen l√∂sen und den M√§nnern zumuten, dass sie ebenso f√§hig sind.

Und was raten Sie Männern?
Auch, dass sie sich bewusst machen, was sie wollen. M√§nner sollten sich dar√ľber im Klaren sein, dass die Beziehung zu den Kindern von klein auf aufgebaut und gepflegt werden muss und dass diese Arbeit genauso wichtig ist wie eine Karriere. Es gibt den Kindern und den Eltern ausserdem viel, wenn sie mehr als nur eine Bezugsperson haben.¬†

Die Evangelischen Frauen Schweiz haben dazu aufgerufen, dass Frauen am 1. August auf die Kanzel steigen. √úber was w√ľrden Sie am Nationalfeiertag reden?
Ich h√§tte Lust, √ľber das Gebot im Korintherbrief, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe, zu sprechen.¬†

Warum forderte Paulus oder wie manche Forscher meinen, ein späterer Autor, dass Frauen schweigen sollen?
Schon vor bald 2000 Jahren gab es Frauen, die sich in der √Ėffentlichkeit √§usserten, predigten und in Zungen redeten, und dies in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft. Im Zuge der wachsenden Regulierung und Institutionalisierung der ersten christlichen Gemeinden wollte man diese Aufbr√ľche zur√ľckbinden und den freien Geist wieder in Bahnen lenken ‚Äď die Gleichheit aller Christenmenschen, welche im Galaterbrief postuliert wurde, war wohl doch zu radikal

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

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