News aus dem Kanton St. Gallen

Der Seel- und Leibsorger: Auf Kräuter-Pfarrer Künzles Pfaden

von Natalie Fritz / kath.ch
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31.07.2023
Pfarrer Johann Künzle kannte jedes Kraut und seine Wirkung. Mit einem Heiltee soll er die Bevölkerung von Wangs opferfrei durch die Zeit der Spanischen Grippe gebracht haben. Künzles Rezepturen wurde von der Landbevölkerung geschätzt, von Schulmedizinern und Kirche aber mit Argusaugen beobachtet.

Der alte Mann mit dem freundlichen Gesicht und dem langen, weissen Bart war mir bereits als kleines Kind vertraut. Ich sah ihn mindestens einmal pro Woche, wenn ich mit der Mutter zum Einkaufen an der Buchhandlung vorbeiging. Dort war Jahr und Tag eine ganze Schaufensterecke dem ┬źChr├╝tlipfarrer┬╗ und seinen Publikationen gewidmet; auch Teemischungen und Salben waren ausgestellt.
Obwohl Kr├Ąuterpfarrer K├╝nzle damals bereits fast 40 Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, waren seine naturmedizinischen Ratgeber und Rezepte weitherum bekannt.

Zwei Millionen mal verkauft
Das Buch ┬źChrut und Uchrut┬╗ (1911) wurde ├╝ber 2 Millionen Mal verkauft und in mehrere Sprachen ├╝bersetzt, vom ┬źDas Grosse Kr├Ąuterheilbuch┬╗ (1944) wurden ├╝ber 200'000 Exemplare verkauft. K├╝nzles 1939 gegr├╝ndete Naturmedizinfirma produzierte erfolgreich Tees, Salben und Tabletten aus Kr├Ąutern und Essenzen.
W├Ąhrend Corona kursierte in den Sozialen Medien gar sein Tee-Rezept, mit dem er die Bev├Âlkerung von Wangs offenbar heil durch die drei Wellen der Spanischen Grippe (1918ÔÇô1920) gebracht hatte. Doch wer war der naturverbundene Paracelsus des 20. Jahrhunderts und wieso geriet sein ganzheitlicher Zugang zur Gesundheit bei Schulmedizinern und der kirchlichen Obrigkeit in die Kritik?

Wo kein Arzt hinkommt, muss der K├╝nzle ran
Johann K├╝nzle kam 1857 in Hinterespen bei St. Gallen als letztes von 12 Kindern auf die Welt. K├╝nzles Vater Anton war G├Ąrtner und so kannte der kleine Johann bald viele Pflanzen beim Namen. Am Kollegium in Einsiedeln bestimmte er zusammen mit einem Pater Kr├Ąuter und Pflanzen und legte ein Herbarium an. K├╝nzle wurde aber nicht Botaniker, sondern studierte Theologie und Philosophie in Leuven, Belgien. Die hohen Studiengeb├╝hren finanzierte er mit Klavierunterricht. Nach seiner Primiz in der Kathedrale St. Gallen war K├╝nzle in mehreren Gemeinden in der Ostschweiz als Priester t├Ątig.

Sch├Ąfchen selbst behandelt
Weil die ├Ąrztliche Versorgung in den Landgemeinden oft d├╝rftig bis inexistent war, begann K├╝nzle seine Sch├Ąfchen selbst zu behandeln, mit all dem, was Gottes Natur so hergab. Sein naturmedizinisches Handeln begr├╝ndete er laut dem historischen Roman ┬źUns Menschen in den Weg gestreut┬╗ von Marianne K├╝nzle folgendermassen: " I bi halt d├Âr dÔÇÖSeelsorg zur Chr├╝termedizin cho, denn i ha denkt, me s├Âtt au em Lib h├Ąlfe, n├Âd grad de Seel.┬╗ In diesem Sinne propagierte der engagierte Priester eine ganzheitliche Auffassung des Menschen und von dessen Heil, das eben nicht ┬źnur┬╗ auf der spirituellen, sondern auch auf der banal-k├Ârperlichen Ebene verortet sei.

Moderner Ansatz
Ein scheinbar sehr moderner Ansatz ÔÇô theologisch wie medizinisch ÔÇô, obwohl in verschiedensten Kulturen ┬źHeil┬╗ stets in einer konkreten Verbindung zu ┬źHeil sein┬╗ stand. Je nach Kontext arbeiteten religi├Âse Spezialisten und Heilerinnen mit ├ärzten zusammen oder konkurrierten ├╝ber die Deutungshoheit eines bestimmten Leidens und seiner Linderung. Das war auch bei K├╝nzle der Fall, der den Medizinern immer suspekter wurde, je erfolgreicher er sich und seine Produkte vermarktete.

Seelsorger, Kr├Ąuterkundiger und Marketingexperte
Der umtriebige Priester half massgeblich mit, das Kurhaus Bad Wangs zu einem florierenden Betrieb auszubauen, der nicht nur vom Namen des Kr├Ąuterkundigen profitierte, sondern auch nach seinen Vorgaben therapierte. 1914 organisierte K├╝nzle einen Kr├Ąutermarkt in Wangs, wo er nebst Kr├Ąutern auch allerlei Mixturen und Teemischungen anbot. K├╝nzles zunehmende Popularit├Ąt auch ├╝ber die Landbev├Âlkerung hinaus stiess nicht nur auf Wohlgefallen.

Beim St. Galler Bischof vorstellig geworden
Die bisweilen fragw├╝rdigen Therapieans├Ątze des Priesters f├╝hrten schliesslich dazu, dass besorgte und wohl auch neidische Mediziner beim Bischof von St. Gallen vorstellig wurden. Daraufhin riet dieser K├╝nzle, er solle aufh├Âren, weiter zu ┬źdoktern┬╗. So siedelte K├╝nzle 1920 nach Zizers in Graub├╝nden um und widmete sich ganz der Naturheilkunde. Und dies ├Ąusserst erfolgreich. Der ehemalige Seelsorger entwickelte die erste Pillenmaschine der Schweiz, die sich als lukratives Gesch├Ąft erwies. 1939 gr├╝ndete er zusammen mit seiner Nichte die ┬źKr├Ąuterpfarrer K├╝nzle AG┬╗, die heute Teil der Firma Schaer Pharma ist.

Der ┬źWunderdokter┬╗ muss an die Pr├╝fung
Auch in Zizers konnte K├╝nzle aber nicht einfach in Wonne seiner Passion nachgehen und mit Kr├Ąutern den Menschen helfen. Stimmen wurden laut, K├╝nzle sei ein Quacksalber und Kurpfuscher. Der Kanton Graub├╝nden sah sich dazu gezwungen, K├╝nzles Tun Einhalt zu gebieten, weil er zwar erfolgreich heilte, aber kein Patent besass. Zusammen mit seinen Patientinnen und Patienten sammelte er Unterschriften f├╝r die ┬źHeilkr├Ąuterinitiative┬╗.
Diese wurde vom B├╝ndner Volk 1922 klar angenommen. So weit, so gut, aber nun musste der fast 65-j├Ąhrige zu einer Pr├╝fung im Churer Regierungsgeb├Ąude antraben. Im Komitee sitzen ein Regierungsrat, ein Chemiker, ein Arzt und ein Botaniker. K├╝nzle besteht die Pr├╝fung mit Schalk ÔÇô er fragt tats├Ąchlich, ob er auf griechisch oder lateinisch antworten solle ÔÇô und Bravour. Von nun an darf er in Graub├╝nden praktizieren.
Obwohl K├╝nzle mit seinen Rezepturen viel verdient hatte, so lebte er sehr bescheiden und naturverbunden. Das erwirtschaftete Geld wurde meist reinvestiert oder f├╝r Kirchen- und Altarrenovationen ausgab. K├╝nzle starb 1945 im Alter von 87 Jahren in seinem Wohn- und Arbeitschalet ┬źHelios┬╗.


Ab in die Natur ÔÇô K├╝nzle Weg oder Kr├Ąutergarten
Der Pfarrer-K├╝nzle-Weg in Wangs f├╝hrt heute auf einer gut 21/2-st├╝ndigen Wanderung in die Biographie des Naturheil-Seelsorger sowie die Beschreibung und Wirkung von Heilkr├Ąutern ein. Der Kr├Ąuter-Pfarrer K├╝nzle Verein bietet monatlich gef├╝hrte Wanderungen an.
Das K├╝nzle-Museum im Pfarrhaus in Vilters gibt es seit 2019 und wird ebenfalls vom Verein unterhalten. Da K├╝nzle aber lieber draussen in der Natur ÔÇô oder eben ┬źGottes Garten┬╗ ÔÇô war, hat die Gemeinde Zizers im Jubil├Ąumsjahr 2020 dem Ehrenb├╝rger einen ├Âffentlich zug├Ąnglichen Kr├Ąutergarten im Schloss Salis gewidmet und einen Erlebnispfad nach Igis er├Âffnet.

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