News aus dem Kanton St. Gallen

Der Weg der Glaubensfreiheit

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12.07.2022
Zwischen Schaffhausen-Herblingen und Thayngen führt der Hugenotten- und Waldenserweg zurück in eine Vergangenheit, die auch heute aktuell ist.

Den Anfang des Weges findet man am besten, wenn man beim reformierten Kirchgemeindehaus ┬źTr├╝lli┬╗ startet, die Hauptstrasse ├╝berquert und an den Schreberg├Ąrten entlanggeht. Diese Route m├╝ndet ein in den Hugenotten- und Waldenserweg, der nach Thayngen f├╝hrt. Vor und 330 Jahren war Herblingen Durchgangsort f├╝r Tausende Glaubensfl├╝chtlinge aus Frankreich und dem Piemont. ┬źIm Jahr 1688 herrschte hier ein grosses Fl├╝chtlingselend, 9000 Menschen kamen nach Schaffhausen, die verarztet und f├╝r die Weiterreise ausger├╝stet werden mussten┬╗, erz├Ąhlt Doris Brodbeck, Pr├Ąsidentin des ┬źHugenotten- und Waldenserwegs Aarau-Z├╝rich-Schaffhausen┬╗, die mich auf meiner heutigen Spurensuche begleitet.

Wilde Romantik
Wir lassen die Schreberg├Ąrten hinter uns und biegen in den Wald ein. Hier wirkt die Natur urspr├╝nglich und ungez├Ąhmt. Durch sattes Gr├╝n spiegeln sich kleine Weiher, V├Âgel zwitschern fr├Âhlich durcheinander. Die Szenerie hat etwas m├Ąrchenhaft Verwunschenes, und ich bin versucht, mir das Lagern hier romantisch vorzustellen. ┬źDie eigentliche Fluchtroute f├╝hrte ├╝ber die heutige Hauptstrasse weiter unten. Wir befinden uns deshalb hier auf einem Erinnerungsweg┬╗, unterbricht Doris Brodbeck meine Gedanken und f├╝gt an, ┬źer soll dazu inspirieren, ├╝ber die Glaubensfreiheit nachzudenken und was es bedeutet, auf der Flucht zu sein.┬╗

Wurzeln und Holzbirnen
Vor unseren Augen lichtet sich nun der Wald, und wir gelangen auf das freie Feld. Ein Wind kommt auf, und die Weite tut gut, w├Ąhrend wir das Feld hinter uns lassen und die Strasse ├╝berqueren, den gelben Wanderwegschildern folgend. Wieder s├Ąumen ├╝ppige Pflanzen unseren Weg, und zwischen ihren Bl├╝ten tanzen bunte Schmetterlinge, die geduldig ausharren, w├Ąhrend ich sie mit meiner Kamera ins Visier nehme.

Nach einer weiteren Lichtung biegen wir rechts in ein steiles Tobel. Der schmale Weg schl├Ąngelt sich durch B├Ąume bis unten ein Rastplatz sichtbar wird, das ┬źLangloch┬╗. Eine Gedenktafel erinnert an die Glaubensfl├╝chtlinge, die hier gelagert haben. Nachdem am 24. September 1688 die franz├Âsischen Truppen in der Pfalz eingefallen waren, fl├╝chteten die Waldenser aus dem s├╝ddeutschen Raum zur├╝ck nach Schaffhausen. ┬źDoch hier wollte man ein Exempel statuieren und liess sie nicht ein. 1500 M├Ąnner, Frauen und Kinder lagerten in kl├Ąglichem Zustand im Wald und ern├Ąhrten sich von Wurzeln und Holzbirnen┬╗, erkl├Ąrt Doris Brodbeck.

Der Stadtschreiber Johannes Speissegger konnte schliesslich das Mitleid seines Z├╝rcher Kollegen gewinnen, indem er ihn einlud, das Elend im Herblinger Wald zu besichtigen. ┬źDaraufhin wurden alle im Kloster Allerheiligen versammelt und f├╝r den Winter auf die evangelischen Orte verteilt.┬╗

Pfade, die sich kreuzen
Wir rasten kurz auf den B├Ąnken um die einzige Feuerstelle auf dem Erinnerungsweg. Dann geht es weiter Richtung ┬źKurzloch┬╗, und hier ver├Ąndert sich die Umgebung erneut. Wir kommen am Waldkindergarten vorbei, der bunt und niedlich wirkt, bevor sich schroffe Felsw├Ąnde erheben, die den Steinzeitpfad ┬źThayngen-Kurzloch┬╗ ank├╝ndigen.

Wir klettern steile Treppenstufen hinab und betreten einen kurzen Pfad, der aus dem Wald f├╝hrt. Vor uns liegt das Dorf Thayngen. W├Ąhrend wir der Biber entlang darauf zugehen, erz├Ąhlt mir Doris Brodbeck noch eine Episode aus Herblingen: ┬źAn Ostern 1699 hatten R├╝ckkehrer in die Waldensert├Ąler erneut die Heimat verlassen m├╝ssen und den Winter bei den Eidgenossen verbracht. Sie waren bereits zur Abreise ger├╝stet. Doch vorher feierte der Pfarrer der ┬źEglise fran├žaise┬╗, Claude Clauzel, in Herblingen und Thayngen mit den Fl├╝chtlingen den Ostergottesdienst.┬╗

Das damalige Gotteshaus in Herblingen liegt direkt unterhalb der heutigen Kirche. Just an dem Punkt, an dem unsere heutige Wanderung auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser begonnen hatte.

Text und Fotos: Adriana Di Cesare, kirchenbote-online.ch

Der Kirchenbote stellt in seiner Sommerserie in den kommenden Wochen die wichtigsten spirituellen Wege der Schweiz vor.

 

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