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«Die Bibel hat es nicht nötig, dass man sie auf einen heiligen Sockel stellt»

von Stefan Degen
min
28.12.2025
Konrad Schmid ist Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich. Im Gespräch erläutert er, was ihn am Buch der Bücher fasziniert und was die Bibel mit Wikipedia gemeinsam hat.

Herr Schmid, Sie haben weite Teile Ihres Berufslebens der Bibel gewidmet. Was fasziniert Sie an diesem Buch? 

Konrad Schmid: Die Bibel ist das Buch der BĂĽcher, das weitverbreitetste Buch der Menschheitsgeschichte. Das ist kein Zufall, glaube ich, sondern liegt am Inhalt der Bibel. Sie schafft es in einzigartiger Weise, grundlegende Lebenserfahrungen zu verdichten.

Welche Lebenserfahrungen?

Zum Beispiel die Geschichte der Sintflut (Genesis 6-9). Wenn man sie von vorne bis hinten durchliest, ergibt Gottes Handeln darin wenig Sinn: Gott bereut, die Menschen geschaffen zu haben, da sie böse seien. Er schickt eine Flut; nur Noahs Sippe überlebt. Am Schluss sagt er, nie wieder wolle er eine solche Flut über die Welt bringen – obwohl die Menschen immer noch böse sind, wie er in Genesis 8,21 feststellt. Die ganze Intervention hat also nichts gebracht.

Um welche Lebenserfahrung geht es da?

Die Geschichte handelt nicht davon, dass die Menschen sich verändern und besser werden. Sondern dass Gott sich verändert. Offenbar staunen die Menschen, dass sie auf dieser Welt leben können, trotz all ihren Fehlern, trotz allem, was falsch läuft. Gott und die Natur haben ihnen gegenüber gewissermassen eine Fehlertoleranz. Das ist die Erfahrung, die dahintersteckt.

Lebenserfahrung steckt auch in anderen BĂĽchern. Was unterscheidet die Bibel von Werken von Homer oder Goethe?

Ich ziehe keine strikte Linie zwischen der Bibel und anderer Literatur. Dichterinnen und Dichter spüren im Grunde das Gleiche: einen Riss, der durch die Welt geht; dass die Welt nicht so ist, wie sie sein könnte. Speziell an der Bibel ist, dass sie über Jahrhunderte angewachsen ist, verdichtet und sprachgewaltig. Allein die Genres sind so vielfältig: Erzählungen, Gesetzestexte, Gedichte, Briefe. Man kann immer wieder Neues entdecken.

Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Das Göttliche ist in die menschliche Erfahrung eingebettet.

Wer hat die Bibel geschrieben?

Die meisten biblischen BĂĽcher nennen ihren Autor nicht. Einige Briefe hat Paulus geschrieben, das ist unbestritten. Aber insgesamt ist die Bibel nicht Autorenliteratur, sondern Traditionsliteratur.

Traditionsliteratur, was heisst das?

Das bedeutet, dass viele Erzählungen, Gebete und Psalmen zuerst mündlich überliefert wurden. Irgendwann haben Schreiber das dann aufgeschrieben, wohl am Tempel oder am Königshof, und immer wieder abgeschrieben. Beim Abschreiben hat man die Texte aktualisiert und ergänzt.

Also ein Gemeinschaftswerk ähnlich wie Wikipedia?

(lacht) Ja, das ist ein gutes Beispiel. Bei Wikipedia arbeiten aber viel mehr Leute mit. Im alten Orient konnten schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben. Eine Jesajarolle war acht Meter lang, ein professioneller Schreiber brauchte dafür ungefähr sechs Monate. Sie war extrem kostbar. Das war Literatur einer Elite.

Ich sehe einen Gewinn darin, die Bibel historisch zu betrachten und mit der Wissenschaft und der Vernunft zu konfrontieren.

Ist die Bibel Gotteswort oder Menschenwort?

Die Bibel selbst spricht von Gott meistens in der dritten Person. Sie beginnt mit: «Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» Und nicht: «Am Anfang schuf ich Himmel und Erde.» Es sind also Menschen, die über Gott schreiben. Im Koran ist das anders, dort spricht – in seinem Selbstverständnis – durchgehend Gott in der ersten Person.

Es gibt aber auch Stellen in der Bibel, wo Gott in der ersten Person spricht.

Ja. Aber der Text ist bestrebt, zwischen Menschenwort und Gotteswort zu unterscheiden. In den Prophetenbüchern sieht man das an der sogenannten Botenformel: «So spricht der Herr.» Anschliessend kommt das Gotteswort. Ich würde also sagen: Die Bibel ist Menschenwort, sie wurde von Menschen geschrieben. Das Göttliche, das drinsteht, ist in die menschliche Erfahrung eingebettet.

Manche Menschen glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert wurde.

Diese Vorstellung, die Inspirationslehre, ist im 1. Jh. n. Chr. aufgekommen. In der Aufklärung wurde sie infrage gestellt. Ich finde, zu Recht. Ich sehe einen Gewinn darin, die Bibel historisch zu betrachten und mit der Wissenschaft und der Vernunft zu konfrontieren. Die Bibel hat es gar nicht nötig, dass man sie quasi auf einen heiligen Sockel stellt und vor diesen Auseinandersetzungen schützt.

Es ist nicht ratsam, Forderungen direkt aus der Bibel abzuleiten. Denn die Chance ist hoch, dass sich in der Bibel auch Gründe für die Gegenposition finden.

In der Bibel herrschen oft patriarchale Zustände. Muss man sie mit einer kritischen Distanz lesen?

Auf jeden Fall. Die Bibel ist ein altes Buch; die Texte sind 2000 bis 3000 Jahre alt. Das Umfeld war damals patriarchal geprägt. Es gibt aber in der Bibel auch Stellen, die diese patriarchalen Strukturen durchbrechen. In Genesis 1,27 steht: «Gott schuf den Menschen als Ebenbild, als Mann und Frau schuf er sie.» Das ist revolutionär, das heisst, dass die Menschen selbstverantwortlich ihr Leben führen – ohne Unterschied zwischen Frau und Mann. Und im Neuen Testament steht in Galater 3,28: «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau.» Dieser egalitäre Gedanke hat das Christentum damals attraktiv gemacht und tut es bis heute.

Heutzutage wird gelegentlich mit der Bibel argumentiert. Zum Beispiel bei Fragen zu Homosexualität oder im Abstimmungskampf zur Konzernverantwortungsinitiative. Was halten Sie davon?

Wenig. Man kann mit der Bibel nicht direkt ethische und politische Fragen beurteilen. Ăśber manches wissen wir heute mehr als zu biblischen Zeiten. Und es gibt Fragestellungen, die der Bibel vollkommen fremd sind.

Die Texte selbst mischen sich aber in den politischen Diskurs ein. Prophetenbücher etwa prangern soziale Missstände an.

Das ist richtig, die Bibel verbindet theologische mit politischen Fragen. Eine Frage war damals, wie man das Verhältnis mit den Nachbarn im antiken Palästina gestaltet. Die Genesis – das 1. Buch Mose – gibt da eine andere Antwort als der Exodus – das 2. Buch Mose. In der Genesis lebt man mit den Nachbarn in gegenseitigem Einvernehmen und schliesst Verträge mit ihnen ab. Das Buch Exodus hingegen verfolgt eine andere Linie: Man kann mit den anderen Bewohnern im Land nicht in Frieden leben, muss sie verjagen oder sogar umbringen.

Die Bibel stellt also zu damaligen politischen Fragen unterschiedliche Positionen nebeneinander?

Genau. Deswegen ist es nicht ratsam, Forderungen direkt aus der Bibel abzuleiten. Denn die Chance ist hoch, dass sich in der Bibel auch GrĂĽnde fĂĽr die Gegenposition finden.

Zum Schluss: Welches ist Ihr Lieblingsbuch in der Bibel?

In der Mitte der Bibel ist das Buch vom Prediger, das Buch Kohelet. Es hat einen realistischen Blick auf die Welt und macht einem nichts vor. Der Autor staunt darĂĽber, dass es den Gerechten nicht besser geht als den SĂĽndern. Er kann keinen Sinn in der Welt erkennen, in der alles letztlich wieder vergeht. Gleichzeitig sagt er aber auch, man solle sich am Leben freuen, auch wenn man die Welt nicht verstehe. Er nennt konkret essen, trinken und das Leben geniessen. Ich finde das einen bemerkenswerten Text innerhalb der Bibel. Sie gewinnt aber ihren Wert durch die breite Vielfalt an theologischen Positionen.

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