News aus dem Kanton St. Gallen

Die Offenbarung ist kein Fahrplan für den Weltuntergang

von Rolf Kühni, kirchenbote-online, der Autor ist Pfarrer in Bad Ragaz
min
17.03.2023
Apokalyptische Reiter verbreiten Angst und Schrecken, Tod und Teufel werden in einen Feuersee geworfen – wer das letzte Buch der Bibel liest, dem kann angst und bange werden. Coronavirus, Ukrainekrieg, Klimaerwärmung – die Offenbarung des Johannes wird auf alles Mögliche angewendet.

Am 2. September 2018 begann das Ende aller Zeiten. 1500 Mitglieder der charismatischen Gemeinschaft «El Aposento Alto» eroberten mit Knüppeln und Stangen das Fussballstadion der «Alianza Lima» in Peru und deklarierten es als ihren Besitz. Hier sei der Ort, wo der finale Kampf gegen Satan beginne. Die Ernüchterung folgte bald. Nicht anders als bisher immer seit bald 2000 Jahren, wenn sich tief- und gutgläubige Menschen jenen selbst ernannten Propheten anvertrauten, welche die Schrift angeblich richtig zu deuten verstanden. Gar alle scheiterten.

Vorbild fĂĽr Science-Fiction-Filme
Mit der Schrift, aus der solche Endzeitstimmungen ihre Impulse beziehen, ist vor allem das Buch der Offenbarung gemeint, der letzte Teil der Bibel. Es wird auch Apokalypse genannt – das griechische Wort für Enthüllung. Ein Johannes erzählt darin von eindringlichen Visionen, durch die ihm Gott das Ende aller Zeiten offenbart habe. Etliche Symbole, wie etwa die vier apokalyptischen Reiter oder das Tausendjährige Friedensreich, wurden allgemeines Kulturgut. In Science-Fiction- und Fantasy-Filmen finden Bilder aus der Offenbarung ein Remake. An sich stellen die Ereignisse eine weltweite Übersteigerung der zehn ägyptischen Plagen aus der Exodusgeschichte dar, dem Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Damals war es der Pharao, hier sind es die universalen Mächte, die Gott in die Schranken weist. Diese Mächte rebellieren und wollen die Christusglaubenden mit in den Abgrund reissen. Tatsächlich erfuhren im ersten Jahrhundert und auch später viele christliche Gemeinden viel Schweres. Sie brauchten grosse Kraft, ihrem Glauben die Treue zu bewahren. Deshalb erzählt die Offenbarung auch von Ereignissen, die Trost spenden und mit Hoffnung erfüllen. Damit stärkt sie die Glaubenden in jener Zeit – und jene aller Zeiten.

Nicht nur Horrorszenarien
Zuletzt mündet die Apokalypse in einer erneuerten Schöpfung, dem himmlischen Jerusalem. Hier leben die Erlösten und die vom Tod Auferstandenen in der Gegenwart Gottes und Jesu Christi. Was nur deshalb möglich ist, weil vorher gar alle Negation des Lebens in einen Feuersee geworfen wurde, inklusive Tod und Teufel. Wenn heute das Adjektiv «apokalyptisch» benutzt wird, gehen leider die lichtvollen Aspekte oft vergessen, fokussiert werden publikumswirksame Horrorszenarien. Als gäbe es nur die Zerstörung.

Jesus warnte vor Spekulationen
Stets, wenn während der letzten 2000 Jahre Krisen und Wirren herrschten und entstanden oder ausserordentliche Ereignisse die Zeit prägten, verstanden dies viele als Hinweis für den universalen Countdown zum Weltende. So lehrte der Wüstenheilige Hieronymus, dass mit der Eroberung Roms durch die unzivilisierten Goten im Jahr 410 das Nonplusultra des Schreckens stattgefunden habe und es nun so weit sei.

 

Die Offenbarung durchschaut die Systeme der Macht. Das galt zur Zeit eines Nero und es gilt zur Zeit eines Putin und Xi Jinping.

 

Ähnlich tönte es im 14. Jahrhundert bei den Pestepidemien, an der in gewissen Gegenden bis zu 70 Prozent der Bevölkerung starben. Und mit dem Ersten Weltkrieg hatte für viele das Kriegsgeschehen endgültig die in der Offenbarung beschriebenen Dimensionen erreicht. Auch bibelfeste Leute vergessen manchmal, was Jesus seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern im Matthäusevangelium auftrug: «Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.» Der liebevolle Dienst am leidenden Mitmenschen war ihm wichtiger als Spekulationen über die heranbrechende Endzeit.

Zu keinem biblischen Buch klaffen die Meinungen so sehr auseinander wie zur Offenbarung. Das Online-Nachrichtenportal Watson erklärt: «Der zürnende Gott erscheint als Despot und Tyrann.» Und in einer Weiterbildung unter dem Titel «Offenbarung und Tiefenpsychologie» lernte ich, dass es sich um krankhafte Wahnvorstellungen jener frühchristlichen Kreise handle, denen ihr Glaube allzu viel abverlangte. Die vielen Ermutigungen zum Dranbleiben wurden auch hier ausgeklammert. Als gäbe es nach Karfreitag keinen Osterjubel. Allerdings gibt es auch keine Ostern ohne Karfreitag.

Eindeutige Hinweise auf die Endzeit
Den Jubel betonen jene christlichen Kreise, die in der Offenbarung die Erlösung sehen, nach der sie sich sehnen. Wenn sie nur nicht alle möglichen Ereignisse als «eindeutige» Hinweise für die Endzeit definieren würden: das Coronavirus (Offb 16,2), den Ukrainekrieg (Offb 16,14), die Klimaerwärmung (Offb 16,9), sexuelle Desorientierung (Offb 17,1f), gewaltige Erdbeben (Offb 11,13) und, und, und. Die Offenbarung dient jenen Kreisen zum Verständnis unserer so unsicheren Zeit. Als hätte es je sichere Zeiten gegeben!

Sowohl das sehnsüchtige Adaptieren der Apokalypse wie auch deren rigorose Ablehnung werden ihrem Anliegen aber nicht gerecht. Die Offenbarung ist kein Fahrplan mit präzisen Angaben, wann, wie und was als Nächstes geschehen wird. Die Symbole entsprechen dem Denken der frühchristlichen Zeit und stehen in direktem Zusammenhang mit dem Alten Testament, etwa dem Buch Daniel.

 

Der Text kratzt jede Schminke aus der Menschheitsgeschichte und demaskiert auch politische Heilsgestalten, die wir bewundern.

 

Auf literarisch kunstvolle Weise durchschaut die Offenbarung die Systeme der Macht. Diese galten im antiken Rom zur Zeit eines Nero und sie gelten heute zur Zeit eines Putin und Xi Jinping. Sie machen aufmerksam auf die Gefährdung des Glaubens, wenn wir Christinnen und Christen uns dem Mainstream anpassen. Die Offenbarung beschönigt nichts. Ob einst eine Zeit kommt, die uns Christinnen und Christen der westlichen Hemisphäre in ähnliche Schwierigkeiten führt, zum Beispiel, wenn wir die Unabhängigkeit bewahren gegenüber den allmächtigen Algorithmen und einer verselbstständigten künstlichen Intelligenz? Von solchen anonymen Mächten konnte der Seher Johannes natürlich noch nichts ahnen.

Gott ist nicht nur ein «Liebgott»
Oh ja, auch ich lese lieber die Evangelien als die Offenbarung. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob diese nicht besonders realistisch auf das Weltgeschehen blickt. Sie verhindert die Reduktion Gottes auf einen «Liebgott», der für meine täglichen Streicheleinheiten zuständig ist. In aller Schärfe lehnt sie die Verharmlosung des Bösen ab. Sie kratzt jede Schminke aus der Menschheitsgeschichte und demaskiert auch politische Heilsgestalten, die wir bewundern. Ja, Gott wird den ursprünglichen Sinn seiner Schöpfung neu herstellen. Doch dazu braucht es mehr als gut gemeinte Gespräche und ein bisschen Geduld.

Gute Nachricht fĂĽr Enkelkinder
«Und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein.» (Offb 21,4) In besonders hellen Momenten meines Lebens erhasche ich schon heute eine Ahnung von jener neuen Wirklichkeit. Deshalb vertraue ich: Auch meine Enkelkinder werden auf ihrem Lebensweg immer wieder Gutes erfahren und Freude erleben. Das stimmt mich froh.

 

Unsere Empfehlungen

U33 und die Gretchenfrage zur Religion

U33 und die Gretchenfrage zur Religion

Pünktlich zu Ostern hat die Schweizer Illustrierte SI in Zusammenarbeit mit den Landeskirchen eine Sonderbeilage zum Thema Kirche und Jugend herausgegeben. Die SI stellt dabei die Gretchenfrage, was junge Menschen unter 33 Jahren heute mit dem christlichen Glauben und der Kirche verbindet.
Auf den Spuren des Nazareners

Auf den Spuren des Nazareners

An Ostern feiert die Christenheit die Auferstehung Jesu Christi. Die Evangelien berichten, dass Jesus aus Nazaret während dreier Jahre predigte und Wunder tat. Sein Auftritt veränderte die Geschichte der Menschheit und fasziniert bis heute. Aber wer war dieser Nazarener wirklich?
Frauen mit einem abenteuerlichen Herzen

Frauen mit einem abenteuerlichen Herzen

170 Jahre nach der Gründung des Diakonissenhauses Riehen beleuchtet eine Ausstellung mit Fotos und Texten die Geschichte der Kommunität. Sr. Delia Klingler lebt seit 2017 als Schwester hier. Der Kirchenbote hat mit ihr die Ausstellung besucht.