News aus dem Kanton St. Gallen

Die Opfer beim Namen nennen

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27.05.2020
Auf der Flucht nach Europa sind seit 1993 fast vierzigtausend Menschen gestorben. Am 20. und 21. Juni erinnert ein Projekt an diese Tragödie und die Verstorbenen. Auch die Basler Sängerin Jerusalem Ilfu unterstützt die Aktion.

In und um die Offene Kirche Heiliggeist in Bern wurden im Jahr 2019 die Namen von Menschen, die auf der Flucht gestorben sind, auf Stoffb├Ąnder geschrieben. Das Projekt ┬źBeim Namen nennen┬╗ erhielt viel Resonanz und ber├╝hrte. Nun findet am Fl├╝chtlingstag im Juni die Aktion gleichzeitig in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zu╠łrich statt.

Ziel des Projekts ist es, der verstorbenen Gefl├╝chteten zu gedenken. Jeder Name steht auf einem Stoffstreifen. Diese werden an Schn├╝ren um die Kirchen geh├Ąngt. Die Aktion ruft zudem auf, Briefe an den Bundesrat zu schreiben als Protest gegen die aktuelle Fl├╝chtlingspolitik Europas und der Schweiz. Hinter der Aktion stehen ├╝ber dreissig Organisationen.

Grosse Dankbarkeit
Am Projekt beteiligt ist auch Jerusalem Ilfu. Die 38-j├Ąhrige Logop├Ądin und S├Ąngerin lebt seit 19 Jahren in Basel. Aufgewachsen ist sie auf der anderen Rheinseite, im deutschen Grenzach, ┬źals sechstes und erstes Kind in einer friedlichen Umgebung weit weg vom Krieg┬╗, wie sie sagt. 1979 waren ihre Eltern wegen des B├╝rgerkriegs von Eritrea nach Deutschland geflohen. ┬źMeine Eltern gaben mir aus Dankbarkeit den Namen Jerusalem, in dem Shalom, Friede, drinsteckt.┬╗ Nach ihr kamen noch weitere vier Geschwister zur Welt. Klar, dass im Hause Ilfu immer etwas los war. ┬źEs ist ein Geschenk, in einer grossen Familie aufzuwachsen┬╗, erz├Ąhlt Ilfu. ┬źIn einer Grossfamilie erzieht jeder jeden, was eine gute ├ťbung ist f├╝r das sp├Ątere Leben.┬╗

Nicht jeder ist seines Gl├╝ckes Schmied
Als sie f├╝r das Projekt ┬źBeim Namen nennen┬╗ angefragt wurde, sei ihr sofort klar gewesen, dass sie da mitmachen w├╝rde. ┬źDa meine Eltern selbst Fl├╝chtlinge waren, ist mir die Problematik sehr vertraut. Ausserdem sehe ich es als meine Pflicht und Verantwortung, diesen verstorbenen Menschen eine Stimme zu geben.┬╗ Nicht jeder k├Ânne seines Gl├╝ckes Schmied sein. Dass ihre Eltern den Krieg ├╝berlebt haben und sich als Fl├╝chtlinge ein neues Leben aufbauen und ihren Kindern vieles erm├Âglichen konnten wie Bildung und das Aufwachsen in einem sicheren Land, empfinde sie als Privileg. Dieses Vorrecht sei f├╝r ihre Eltern bis zum heutigen Zeitpunkt keine Selbstverst├Ąndlichkeit. ┬źMeine Eltern haben uns dies jeden Tag sp├╝ren lassen. Das Tischgebet brachte die Dankbarkeit fortw├Ąhrend zum Ausdruck.┬╗

W├╝rdigung, Protest und Mahnmal
Das Projekt ┬źBeim Namen nennen┬╗ sei ein Appell an die Menschen, sich mit den Schwachen und Hilflosen zu solidarisieren, Empathie und Interesse f├╝r deren Schicksal aufzubringen. ┬źEs w├Ąre sch├Ân, wenn wir die Leute f├╝r die Not der Fl├╝chtlinge sensibilisieren k├Ânnten. Vielleicht bietet das Projekt ja auch Gelegenheit, sich mit der eigenen Verletzlichkeit, mit den eigenen Verlusten auseinanderzusetzen┬╗, erg├Ąnzt Jerusalem Ilfu. Das Projekt sei eine Chance, der Gleichg├╝ltigkeit und dem Egoismus etwas entgegenzusetzen. Wir seien heute mehr denn je dazu aufgerufen, an den Menschenrechten festzuhalten und sie als Leitlinien und Orientierung in unserem Handeln zu verankern.

Toni Sch├╝rmann, kirchenbote-online

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