Ein Text, viele Auslegungen
Als [Jesus] sich dem Stadttor näherte, da wurde gerade ein Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und die war Witwe. Und eine stattliche Zahl von Leuten aus der Stadt war bei ihr. Und als der Herr sie sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Und er trat zur Bahre und fasste ihn an. Da blieben die Träger stehen, und er sprach: Junger Mann, ich sage dir: Steh auf! Und der Tote richtete sich auf und begann zu reden. Und er gab ihn seiner Mutter wieder.
Fabian Kuhn, Pfarrer, Lütisburg
Kürzlich sah ich die Zaubershow des Theologen Klaus Gremminger in einem Gottesdienst. Was bei Elija und der Witwe von Zarefat (1. Könige 17,8-16) als Wunder beschrieben wurde – dass der Ölkrug nicht leer wurde –, schien in der Show von Klaus Realität zu sein. Der Wasserkrug wurde trotz aller Leerungsversuche durch den Zauberkünstler nie leer. Liter um Liter Wasser floss aus dem Krug in einen grossen Putzkübel. «Wie er das wohl gemacht hat?», begann ich zu grübeln.
Und so schafft er der Frau mit seinem beherzten Eingreifen wieder Sinn im Leben.
Bei den Wundern Jesu erwische ich mich, wie ich mich – wie als Zuschauer einer Zaubershow – immer wieder frage: «Wie hat Jesus das wohl nur angestellt?» Bei der Erzählung von der Erweckung des Jünglings in Nain kann man beispielsweise fragen, ob der junge Mann wirklich tot war. Oder ob er nur tot schien. Ja, selbst die Abschreiber einiger biblischen Handschriften streichen das Partizip, welches die Neue Zürcher Bibel als «ein Toter» übersetzt, und lassen offen, ob Jesus bereits zu Lebzeiten die Kraft des Todes überwunden hat. Ja, wie «tot» der junge Mann genau gewesen sein muss, darüber liesse sich nun vortrefflich streiten, auch wenn schon meine Kinder in der Primarschule wissen, dass sich das Adjektiv «tot» nicht sinnvoll steigern lässt.
Bei biblischen Wundern verpassen wir viel, wenn wir nach ihrer Funktionsweise fragen. Auch hier. Denn Jesus, der menschgewordene Gott, hat Mitleid mit der trauernden Mutter, die nun nach ihrem Mann eine weitere Person aus ihrer Familie zu Grabe tragen muss. Und so schafft er der Frau mit seinem beherzten Eingreifen wieder Sinn im Leben: «Steh auf!» Das Wort, das Jesus eigentlich zum toten jungen Mann sagt, das gilt genauso dessen Mutter und wahrscheinlich auch uns. Denn über das Wort Mitleid, welches im Lukasevangelium ausschliesslich für das Mitleid Gottes mit den Menschen steht (vgl. Lukas 10,33; barmherziger Samariter), werden auch wir in diese Geschichte eingeschlossen: Gottes Kraft trägt in unserem Leid mit.
Florence Gantenbein, Theologin, Frauenfeld
Die Erzählung berührt mich. Jesus sieht den Schmerz einer Frau, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trägt. Als Witwe erlebt sie erneut, wie ihr ein geliebter Mensch viel zu früh entrissen wird. Sie weint, umgeben von Menschen, die ebenfalls Abschied nehmen müssen. Jesus sieht auch das bevorstehende Elend der Frau als Teil der antiken Gesellschaft, in der Frauen meist in wirtschaftlicher Abhängigkeit von Männern lebten und Kinder die Altersvorsorge ihrer Eltern bildeten.
In der biblischen Tradition vermag allein Gott, Tote(s) zu neuem Leben zu erwecken.
Jesus erkennt ihre Not und handelt aus tiefem Mitgefühl, ohne darum gebeten zu werden. Das griechische Wort für Mitleid, das Lukas hier verwendet, bedeutet wortwörtlich «bis in die Eingeweide berührt werden». Der Evangelist beschreibt damit ein tiefes Berührtsein, das zu handelnder Liebe führt. Es ist Ausdruck des Wesens Gottes und ein Merkmal des Reiches, das Jesus verkündigt.
In dieser Geschichte nennt der Erzähler des Lukasevangeliums Jesus erstmals «Herr». Das ist eine Anspielung auf den hebräischen Gottesnamen JHWH. Dadurch verschmelzen die Ebenen des historischen Jesus – was man heute über Jesus historisch rekonstruieren kann – und des verkündigten Christus. Das passt zur Gattung der Totenerweckung, der höchsten Steigerungsform der Heilungswunder im Neuen Testament. Denn in der biblischen Tradition vermag allein Gott, Tote(s) zu neuem Leben zu erwecken. Lukas zeichnet hier ein Bild von Jesus, der die Not der Menschen sieht und heilsam eingreift. Die Geschichte illustriert so die Verheissungen der Seligpreisungen, dass «die Weinenden lachen werden» (Lukas 6,21).
Am Stadttor von Nain begegnen sich der Zug der Lebenden um Jesus und der Zug der Trauernden um die Witwe. In der Begegnung geschieht eine wundersame Wandlung: Die zerbrochene Hoffnung der Witwe wird wiederhergestellt, ihr zerstörtes Vertrauen geheilt und die verloren geglaubte Zukunft erneuert. Für mich veranschaulicht diese Geschichte, was Jesus verkündigt: die heilsame Zuwendung Gottes, der Leben schenkt.
Ein Text, viele Auslegungen