News aus dem Kanton St. Gallen
Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden – Verenaschlucht

Eine Hand voll Glück in der Verenaschlucht

von Noemi Harnickell
min
08.08.2026
Seit dem Mittelalter pilgern Menschen in die Verenaschlucht, um ihre Hand in ein Felsloch zu legen und sich etwas zu wünschen. Aber auch sonst ist der Ort märchenhaft-verwunschen. Fünfter und letzter Teil der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».

In der Verenaschlucht bei Solothurn werden Wünsche wahr. Schwer zu glauben ist das nicht, wenn man unter dem grünen Blätterdach durchspaziert, vorbei an steil aufragenden Jurakalksteinfelsen und über kleine, moosbewachsene Brücken. Selbst an einem heissen Junitag hat dieser Ort etwas Verwunschenes an sich. Ein alter Zauber, vermutlich herbeigeführt durch cleveres Marketing – so bewirbt der Solothurner Tourismusverband die Verenaschlucht als «mystischen Kraftort».

Zugleich halten Geschichte und Legenden diesen Ort spürbar lebendig. Da ist etwa der Einsiedler, der noch heute in der mittelalterlichen Einsiedelei lebt. Da ist das Loch im Fels, das die Wünsche der Besuchenden auffängt. Und da ist die Erzählung einer Frau, deren Wunder uns bis heute faszinieren.

In der Eiszeit geformt

Hinter der Bushaltestelle biegt ein Kiesweg in den Wald ein. Mit ihm erfüllt sich bereits mein erster Wunsch an diesem Junisamstag, nämlich, der drückenden Sommerhitze zu entkommen. Im Schatten der Bäume, deren Blätter im Licht der Sonne fast smaragdgrün leuchten, ist die Luft kühler, ihr Geruch erdiger. Neben uns plätschert der Verenabach. Findlinge säumen den Weg; Gletschern haben sie hierhergetragen und formen seither die Landschaft.

Der Verenabach hat sich über Jahrtausende in das weiche Kalkgestein eingegraben und muss laut und ungezähmt gewesen sein, als Verena diesen Ort zum ersten Mal betrat. Ich lege meine Hand flach gegen eine Felswand und stelle mir vor, wie felsig und unwegsam der Boden damals gewesen sein muss. Die Eiszeit hatte die Schlucht geformt, Witterung und Erosion trugen den Kalk über tausende von Jahren ab und schufen Höhlen, Nischen und Überhänge in den Felsen. In einer nackten Felsöffnung fand Verena ihr Zuhause.

 

> Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden
In unserer Sommerserie führen wir Sie zu einem religiösen oder spirituell geprägten Ort mitten in der Natur. Spiritualität wird hier niederschwellig erlebbar, fernab von Kanzel und Kirchenbank. Und wer sich partout nicht bekehren lässt, findet vielleicht trotzdem einen Moment der Stille – und sei es nur bei einem kühlen Bier zum Schluss, gerne auch alkoholfrei.


Erscheinungsdaten:
11. Juli: Norbert Bischofberger: Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen
11. Juli: Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen
18. Juli: Sihlwald und Kloster Kappel
25. Juli: Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach
5. August: Niklaus von Flüe und die Ranftschlucht
8. August: Verenaschlucht

 

Kapellen und Grotten in den Felsen

Nach einer halben Stunde öffnet sich der Wald zur Einsiedelei hin. Linkerhand steht die in den Felsen gebaute Verenakapelle, einige Meter entfernt auf der rechten Wegseite drückt sich die Martinskapelle in den Felsüberhang. Die Kapelle ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber durch ein Fenster sieht man die barocke Innenaustattung. Neben der Verenakapelle liegt die Ölberggrotte, in der die Jünger Johannes, Jacobus und Petrus als Terracotta-Figuren über den Ort wachen.

Ich folge einer Familie zu einer faustgrossen Öffnung im Felsen. Eines nach dem andern legen die Kinder ihre Hände in das Loch, kichern, sprechen ihre Wünsche aus. Das müsste also der Höhepunkt meines Ausflugs sein: Das Wunschloch. Dieser Ort, wo Verena selbst aus dem Jenseits noch Wunder wirkt. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag frage ich mich: Wer ist diese Frau, die in meinem Reiseführer als «selbständig erwerbende, schwarze, ledige Frau» beschrieben wird, die der «Obrigkeit ein Dorn im Auge» gewesen sei?

Eine Ägypterin bewirkt Wunder

Verena wurde gemäss Überlieferung um 260 n. Chr. am oberen Nil in Ägypten geboren. Sie kam in der Gefolgschaft der christlich-römischen Legionen nach Europa, von denen viele beim Massaker von Agaunum im heutigen Wallis hingerichtet wurden. Verena zog sich daraufhin in eine Höhle in der Waldschlucht zurück. Hier heilte sie Kranke und Besessene, erfüllte Kinderwünsche und sorgte sich um die Armen. Als in Solothurn eine Hungersnot ausbrach, soll Verena mit einem Wunder das Mehl vermehrt haben, sodass daraus genug Brot für die ganze Stadt gebacken werden konnte.

Aber es ist vor allem eine Geschichte, die die Menschen heute noch in die Verenaschlucht lockt. Denn in einer regnerischen Nacht donnerte eine grosse Flut durch die Schlucht, und Verena wäre fast ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt. Mit einer Hand konnte sie sich gerade noch an einem kleinen Loch in der Felswand festhalten und sich vor dem sicheren Tod bewahren. Dieses Loch soll den Menschen bis heute Glück und Fruchtbarkeit bringen.

Der einzige offiziell eingesetzte Einsiedler der Schweiz

Die Heilige Verena mag längst gestorben sein, aber die Zeiten der Einsiedler sind in der Schlucht noch nicht vorbei. Bis heute lebt hier der einzige offiziell eingesetzte Einsiedler der Schweiz: Michael Daum wurde 2016 von der Bürgergemeinde Solothurn als neuer Einsiedler ausgewählt und lebt in einem kleinen Häuschen mit Blumengarten, eingebettet zwischen den beiden Kapellen unter den aufragenden Felswänden. Er kümmert sich um den Erhalt der sakralen Bauten und hält die Schlucht sauber. Im Gegenzug erhält er von der Bürgergemeinde einen kleinen Lohn.

Allein oder gar einsam dürfte er sich nicht fühlen. Zur Mittagszeit füllt sich die Einsiedelei St. Verena: Familien, Radfahrer, Wanderer. Sie alle kommen hier zusammen, um im angrenzenden Restaurant eine Käseschnitte oder eine OLMA-Bratwurst zu essen. Auch ich setze mich an einen kleinen Tisch im Schatten und bestelle ein kühles Bier. Ein weiterer kleiner Wunsch geht damit für mich in Erfüllung, wenn auch nicht jener am Wunschloch. Das wäre mir dann doch verschwendet vorgekommen. Aber ich frage mich, wie viele Wünsche wohl schon in Verenas Wunschloch gesprochen wurden? Und wie viele von ihnen wurden wohl wahr? Es sind Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Aber die Kinder am Wunschloch haben fest daran geglaubt, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Der Zauber der Verenaschlucht ist vielleicht nicht das Wunder selbst, sondern der Moment, in dem man es für möglich hält.

 

Hinweis zur Verenaschlucht

Die Verenaschlucht ist ein beliebter Ort – vielleicht zu beliebt. Die Bürgergemeinde Solothurn, der die Schlucht gehört, bittet ausdrücklich darum, sie als Ort der Stille zu behandeln: kein Ansturm, keine Inszenierung, keine Kulisse für die nächste Story.

Seit einigen Jahren sind Foto- und Videoaufnahmen in der Einsiedelei zudem bewilligungspflichtig – die Bürgergemeinde will damit unter anderem verhindern, dass der Ort zur Kulisse für Social-Media-Content wird. Wir verzichten deshalb auf die für diese Sommerserie üblichen Anreisetipps oder einen Social-Media-Beitrag dazu.

Unsere Empfehlungen

Die Höhle der Drachen

Die Höhle der Drachen

Auf dem Pilgerweg zu den St.-Beatus-Höhlen begegnet man einem Drachen, einem jahrhundertealten Streit um eine Kapelle und einem Ausblick, den einst sogar Goethe genoss. Teil 2 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».
Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis

Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis

Moosige Baumriesen, Lavendelduft und hart erkämpfte Siege: Wer im Wildnispark Sihlwald und rund ums Kloster Kappel unterwegs ist, kommt dem Himmel schon vor dem ersten Schluck Klosterbier ein Stück näher. Teil 3 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».
Zwischen Grotten, Göttern und Gemüsebeeten

Zwischen Grotten, Göttern und Gemüsebeeten

Die Ermitage Arlesheim und das Kloster Dornach gelten als alte Kraftorte. Ein Spaziergang zeigt: Die beiden Orte lassen nicht nur überzeugte Anthroposophen Kraft schöpfen. Teil 4 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».