News aus dem Kanton St. Gallen

Einen Bibeltext tanzen? Echt jetzt?

von Stefan Degen
min
29.12.2025
Sich der Heiligen Schrift tanzend zu nähern, Tanz als spirituellen Weg zu entdecken — das ist die Idee von «Bibel getanzt». Der «Kirchenbote»-Autor, ein bekennender Tanzmuffel und spiritueller Einfaltspinsel, wagte das Experiment. Und wurde überrascht.

«Bibel getanzt» heisst das ökumenische Angebot im Evangelisch-reformierten Zentrum Rapperswil. «Bibel ist okay», denke ich, schliesslich habe ich Theologie studiert. Aber Tanz? Die spärlichen Tänze in meinem Leben habe ich überstanden, indem ich mich an einem Bier festhielt. Und wenn es mir zu spirituell wird, suche ich gerne den Ausgang.

Da stehe ich nun. Der einzige Mann unter 15 Frauen.

Ich sei herzlich eingeladen, über den Anlass zu berichten, sagte mir Leiterin Beatrice Hächler im Vorfeld am Telefon. Aber Zuschauer gebe es nicht. «Sie sind eingeladen zum Mitmachen.» Ich schluckte leer. Der Anlass ist just an dem Abend, an dem ich mit meinen Freunden Fussball spielen wollte. Und stattdessen soll ich im Kreis rumhopsen?

Doch hier stehe ich nun. Der einzige Mann unter 15 Frauen. Wir bilden einen Kreis um eine Kerze, eine Bibel und ein Tuch. Ohne Erklärung geht die Musik los. Wir fassen uns an den Händen, bewegen uns um die Kerze. Vor, vor, Tippelschritt, vor. Die Musik klingt melancholisch, leicht beschwingt, erinnert an Klezmer. Vor, vor, Tippelschritt, vor. Da passiert etwas in mir: Das verpasste «Tschutimätschli», dass ich mich hier fehl am Platz fühle – all das verblasst. Ich drehe mich um die Kerze – vor, vor, Tippelschritt, vor – als würde die Musik nie enden. Und freue mich auf den Abend.

Mir ist es wichtig, den Anlass bewusst zu gestalten, auch die Details,. Der Abend beginnet mit einer Bewegung zur Mitte, und die Kerze zünde ich erst beim Gebet an.

Die katholische Katechetin Beatrice Hächler leitet den Abend zusammen mit der Seelsorgerin Béatrice Battaglia. «Mir ist es wichtig, den Anlass bewusst zu gestalten, auch die Details», sagt sie. So beginne der Abend mit einer Bewegung zur Mitte, und die Kerze zünde sie erst beim Gebet an. Im ersten Teil übt Hächler mit uns vier Kreistänze ein. Im zweiten Teil kommt der Bibeltext ins Spiel: eine Episode aus dem Markusevangelium (Mk 7,24-30): Eine «Heidin» bittet Jesus, ihre Tochter zu heilen. Doch Jesus will seine Ruhe und weist sie schroff ab. Die Frau aber lässt nicht locker und stimmt ihn schliesslich um. «Geh nach Hause», sagt er. Ihre Tochter sei geheilt.

Jesus lernte dazu

Im Gespräch nähern wir uns dem Text: Wie gehen wir mit Zurückweisung um? Wie fühlt es sich an, nach Hause geschickt zu werden? «Mich beeindruckt», sagt eine Teilnehmerin, «wie sich das Zuhause der Frau verändert.» Nun, da die Tochter geheilt sei, gehe sie gerne zurück. «Auch heute haben viele Frauen eine schwierige Situation zu Hause. Jesus kann das schlimmste Zuhause verändern.» Eine andere Teilnehmerin bemerkt, dass die Geschichte anders verläuft, als Jesus es wollte: «Er wollte nicht gestört werden und der Frau nicht helfen. Aber ihre Hartnäckigkeit hat ihn umgestimmt.» «Jesus hat in dieser Geschichte dazugelernt», ergänzt eine dritte. 

Wie Text und Tanz verschmelzen

Nach der Austauschrunde folgt der Höhepunkt des Abends: Hächler liest jeweils einen Abschnitt des Bibeltexts vor und leitet dann über zum zugehörigen, einstudierten Tanz. Erst jetzt wird mir klar, wie kunstvoll Text und Tanz ineinandergreifen. Etwa, wenn unsere Füsse streiten wie Jesus und die Frau: «Ja, ja, nein, ja!», stampfen sie auf den Boden. Mal rechts, mal links, immer schneller wird der Tanz, immer hartnäckier wird der Streit – und endet bei mir, da ich die Schrittfolge nicht richtig intus habe, in einem Jein. Zum Glück ohne jemandem auf den Fuss zu treten.

Nachdem mit dem letzten Tanz die «Heidin» im Bibeltext schliesslich nach Hause gegangen ist, mache auch ich mich auf den Heimweg. «Sollen meine Fussballkumpels nach dem Match doch ihr Bier trinken!», denke ich fröhlich und hüpfe beschwingt zum Bahnhof. Vor, vor, Tippelschritt, vor.

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