News aus dem Kanton St. Gallen

Glarner Bettagsmandat im Zeichen der Freiheit

min
20.09.2020
Ein Virus hat die Welt auf den Kopf gestellt. Zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag 2020 macht sich die Glarner Regierung Gedanken zum Thema Freiheit.

Getreue, liebe Mitlandleute

Der Regierungsrat des Kantons Glarus erlässt folgendes Bettagsmandat: 

Freiheit und Corona

Persönliche Freiheit, Meinungsäusserungsfreiheit, Wirtschaftsfreiheit und andere Grundrechte bilden den Kern unserer demokratischen Ordnung und unseres Zusammenlebens. 

Im Januar 2020 erreichten Europa Meldungen √ľber einen neuartigen Virus in China. ln der Schweiz noch kein Grund zur Beunruhigung. Doch es blieb nicht bei Meldungen aus der Ferne. √úber Hotspots breitete sich der Virus auch in Europa rasch aus. Die Schweiz blieb nicht verschont. Via Tessin und Genf verteilte sich der Virus im ganzen Land, auch im Kanton Glarus.¬†

Am 11. M√§rz 2020 stufte die Weltgesundheitsorganisation das Geschehen als weltweite Pandemie ein. Nachdem der Bundesrat bereits Ende Februar die ¬ęBesondere Lage¬Ľ nach Epidemiengesetz verf√ľgt und erste Einschr√§nkungen beschlossen hatte, rief er schon f√ľnf Tage sp√§ter die ¬ęAusserordentliche Lage¬Ľ und damit die h√∂chste Gefahrenstufe aus. Er schr√§nkte das √∂ffentliche Leben massiv ein.¬†

Einschränkungen der Freiheit

S√§mtliche nicht lebensnotwendigen Gesch√§fte, Restaurants und Bars, Sport- und Freizeitbetriebe mussten per sofort schliessen. Ansammlungen von mehr als drei Personen im √∂ffentlichen Raum, private und √∂ffentliche Versammlungen sowie der Pr√§senzunterricht an Schulen und Universit√§ten wurden verboten. Besuchsverbote in Spit√§lern und Altersheimen wurden verf√ľgt. Abstand halten! H√§nde waschen! Homeoffice und Homeschooling wurden zum Tagesgespr√§ch. Agenden und B√ľros leerten sich schlagartig. Die Grenzen wurden geschlossen, Einreisesperren verf√ľgt, der Flugverkehr kam zum Erliegen. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wandte der Bundesrat Notrecht an. Erst ab 11. Mai 2020 beschloss der Bundesrat einen schrittweisen Ausstieg aus dem Lockdown. Freiheitsrechte waren w√§hrend mehrerer Wochen drastisch eingeschr√§nkt.¬†

Die Schweizer Bev√∂lkerung hat diese Einschr√§nkungen solidarisch, diszipliniert und verst√§ndnisvoll akzeptiert. Vorrangiges Ziel war (und ist) der Schutz des Lebens, insbesondere auch der st√§rker betroffenen √§lteren Mitmenschen. Die Infektionszahlen in der Schweiz konnten rasch reduziert und die Todesfallzahlen tief gehalten werden. ln einer ersten Beurteilung wurde das rasche und umsichtige Handeln des Bundesrates und der Kantone gelobt.¬†Allm√§hlich entspinnt sich aber ein Diskurs: Den einen gingen die Massnahmen zu weit und die √Ėffnung kam zu langsam. Andere warnen vor einer zu fr√ľhen Lockerung. Auch die Wissenschaft liefert widerspr√ľchliche Statements und Einsch√§tzungen.¬†

Sicher ist: Solange keine Impfung und oder ein wirksames Medikament verf√ľgbar ist, m√ľssen die Menschen Einschr√§nkungen der Freiheit hinnehmen.

Handeln aus vern√ľnftiger Einsicht¬†

Was heisst aber Freiheit? Alles zu machen, worauf man gerade Lust hat? Nein! Freiheit heisst nicht einfach tun, was wir wollen. Sie verlangt auch danach, jenen Regeln und Verpflichtungen zu folgen, die wir uns aufgrund unserer Vernunft selbst gesetzt haben. Handeln aus Freiheit heisst Handeln aus vern√ľnftiger Einsicht. Die h√∂chste Form der Freiheit ist ein Handeln nach solchen Regeln, von denen wir uns w√ľnschen, dass sie allgemeines Gesetz w√§ren. Kants ber√ľhmter Begriff daf√ľr: kategorischer Imperativ. Er verbindet Freiheit, Vernunft und Moral.¬†

Vernunft und Moral sind unabdingbar f√ľr unsere Freiheit. Vernunft und Moral verlangen, dass wir uns in dieser Situation der Pandemie selber einschr√§nken, um mitzuhelfen, dass sich das Virus nicht weiter ausbreiten kann. Wir halten Abstand zu unseren Mitmenschen, wir tragen eine Maske und verzichten auch auf die eine oder andere Reise. Meine Freiheit, mich zu bewegen, wie ich will, beschr√§nkt die Freiheit des anderen, der seine Gesundheit behalten und sich sch√ľtzen will. Es kommt zu einer Kollision der Freiheitsrechte.¬†

Die Gesetze, welche die Freiheit garantieren, haben wir seit langer Zeit. Aber haben wir die Moral verloren? Die westlichen Gesellschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten den Individualismus √ľber alles gestellt und dies als Freiheit ausgegeben. F√ľr eine freie Gesellschaft ist aber ein Sinn f√ľr die Gemeinschaft, eine gemeinsame Identit√§t, ein Wir-Gef√ľhl unabdingbar.¬†

Der Individualismus hat be√§ngstigende Ausmasse angenommen. Es brauchte bedauerlicherweise erst eine Krise, um das Wir-Gef√ľhl wieder zu st√§rken. Viele Menschen haben sich um andere gek√ľmmert, haben die Interessen der Gesellschaft vor ihre eigenen Interessen gestellt. Diese Vernunft brauchen wir nicht nur in der Krise, sondern auch in normalen Zeiten. Wenn wir die Freiheit f√ľr unsere Kinder erhalten wollten, brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern weniger Gesetze und daf√ľr wieder mehr Moral.¬†¬†

Freiheit ist kein Freibrief

Impulse f√ľr ein ausgewogenes Verh√§ltnis von Freiheit und Verantwortung bietet uns der christliche Glaube. Jesus Christus stand fest in der j√ľdischen Tradition, die Gott vor allem als Befreier sieht. Die Befreiung Israels aus der Sklaverei in √Ągypten ist bis heute eine der zentralen Glaubensgeschichten, im Judentum wie im Christentum. Gott hat sein Volk in die Freiheit gef√ľhrt und will, dass es in Freiheit, Frieden und Sicherheit leben kann. F√ľr diese Freiheit braucht es Regeln, etwa die Zehn Gebote.¬†

Jesus hat die Freiheitstradition des Alten Testamentes aber noch weitergef√ľhrt. Er hat deutlich gemacht, dass Gott uns Menschen liebt, so wie Eltern ihre Kinder lieben: bedingungslos. Das bedeutet, wir brauchen erstmal nichts zu tun, damit wir Gottes Liebe bekommen. Wir m√ľssen nur darauf vertrauen. Und mit dieser bedingungslosen Annahme sind wir frei, einfach uns selbst zu sein. Weil Gott uns f√ľr wertvoll h√§lt. Und das befreit uns von falschen Denkmustern. Gott befreit uns vom Zwang, gut sein zu m√ľssen, gut dastehen zu m√ľssen, oder wie andere zu sein. Gott befreit uns also von einigem.¬†

Aber es gibt nicht nur Freiheit von etwas, sondern auch Freiheit zu etwas. Gott schenkt uns die Freiheit, unser Leben auf unsere Weise zu gestalten. Gott gibt uns die Freiheit, seine Liebe weiterzugeben. Nicht, weil wir m√ľssen, sondern, weil das die nat√ľrliche Folge des Glaubens ist. Nicht, damit Gott uns liebt. Sondern, weil Gott uns liebt! Damit sind wir frei, immer neu nach der Wahrheit und dem richtigen Weg f√ľr uns und die Welt zu suchen.¬†

Gott befreit uns davon, menschliches Leid als g√∂ttliche Strafe oder als Gottes Ferne deuten zu m√ľssen. Er macht uns frei vom Drang, eigene Interessen r√ľcksichtslos und mit Gewalt durchzusetzen. Wir k√∂nnen mit Geduld und sanftem Mut f√ľr Recht und Frieden und den Schutz unserer Mitmenschen eintreten.¬†

Gott befreit uns auch von der Faszination durch Reichtum, Ruhm und Macht. Wir k√∂nnen unsere Herzen, unsere Augen und unsere H√§nde gegen√ľber den Notleidenden √∂ffnen. Gott schenkt uns die Freiheit, um der Liebe willen auch Verzicht zu leisten und pers√∂nliche Nachteile in Kauf zu nehmen.¬†

Sehr treffend hat Apostel Paulus das im Galaterbrief {5, 13) beschrieben: ¬ęGott hat euch zur Freiheit berufen, meine Br√ľder und Schwestern! Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung eurer selbsts√ľchtigen W√ľnsche, sondern dient einander in Liebe.¬Ľ

Gerade in der jetzigen Krise, von der wir nicht wissen, wie lange sie noch dauern wird, ist es hilfreich, dass wir f√ľreinander da sind, in Liebe und Freiheit, die Gott uns schenkt. ln der Freiheit, die uns verantwortungsvoll Entscheidungen treffen l√§sst. ln der Liebe, die unsere Mitmenschen im Auge beh√§lt ‚Äď und daf√ľr bisweilen auch die eigene Freiheit zur√ľckstellt.

 

Glarus, im September 2020

 

Namens des Regierungsrates

Andrea Bettiga, Landammann

Hansj√∂rg D√ľrst, Ratsschreiber