News aus dem Kanton St. Gallen

Graue Rebellen für das Klima

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14.11.2022
Die Klima-Grosseltern Zentralschweiz machten im vergangenen Jahr mit skurrilen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam. Bis sie Erfolge sehen, wollen sie weiterkämpfen.

Es war eine gut geplante Aktion, damals, Ende September. Doch selbst die können schief gehen. Klammheimlich befestigten Mitglieder der Klima-Grosseltern Zentralschweiz nachts um 3 Uhr Stoffplakate an BrĂŒcken und BĂ€umen in der Luzerner Altstadt. «ÖV ist geil, Umwelt bleibt heil» stand auf diesen, oder «Reduzieren statt CO2 produzieren», «Die Erde brennt, der Mensch pennt». Die Plakate hingen noch nicht lange, schon tauchte die Polizei auf und befahl, diese innert einer Stunde zu entfernen. Sonst wĂŒrden rechtliche Konsequenzen drohen. Der Kompromissvorschlag der Klima-Grosseltern, im Verlauf des Morgens alle Plakate zu entfernen, nĂŒtzte bei den eingreifenden Polizisten nichts. So entfernte man die SpruchbĂ€nder noch in derselben Nacht.

Spruchbandaktion im Keim erstickt
Zwar hatten die Klima-Grosseltern mit eventuellen Schwierigkeiten gerechnet. Die Spruchbandaktion war nicht angemeldet oder bewilligt gewesen. Und ĂŒberhaupt, sind die Vorschriften im Kanton Luzern recht rigide, was Versammlungen, nĂ€chtliche Aktionen und selbst Prospektverteilen betrifft. Dennoch entschied man sich dafĂŒr, den Plan umzusetzen. «Wir hofften, dass die 80 SpruchbĂ€nder erst im Laufe des nĂ€chsten Tages irgendwann mal abgenommen werden», sagt Max KlĂ€y, 74, Sprecher der Klima-Grosseltern Zentralschweiz. «Bis dahin hĂ€tten sie ganz viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit entdeckt. Doch es war wohl etwas naiv zu glauben, dass wir damit durchkommen wĂŒrden.» So wurde die Spruchbandaktion bereits im Keim erstickt. Gebracht hatte sie dennoch etwas – PublizitĂ€t. Mehrere Berichte erschienen im Anschluss ĂŒber die grauen Rebellen.

Und die liessen sich nicht unterkriegen. Sie suchten nach einem legalen Weg, wenn Demonstrationen bewilligt sein mĂŒssen, ebenso das Verteilen von Prospekten. Dieser sah so aus, dass am 24. Oktober mehrere Klima-Grosseltern auf einen einstĂŒndigen Klimaspaziergang durch Luzern ausschwĂ€rmten, jeweils allein oder zu zweit. Diesmal trugen sie die SprĂŒche an ihrem Körper, als Gilets, sprachen Interessierte an, diskutierten mit ihnen, fanden zahlreiche UnterstĂŒtzer der Aktion.

Seit 2020 in der Innerschweiz
2014 wurde der Verein Klima-Grosseltern in der Romandie gegrĂŒndet, 2020 in der Innerschweiz. Der Unter-Verein der Klima-Grosseltern Zentralschweiz zĂ€hlt aktuell 55 Mitglieder. Die Mitglieder sind reihum pensioniert, zwischen 50 und 80 Jahre jung. Viele Ärzte und Lehrerinnen finden sich darunter. Alle wollen sie das eine: Die Menschen aufrĂŒtteln und die Jungen mit ihren Klima-Protesten nicht allein lassen. «Der Zustand unserer Umwelt verschlimmert sich offensichtlich schneller als befĂŒrchtet», so Max KlĂ€y. «Trotz einiger BemĂŒhungen sind wir weit davon entfernt, die notwendigen Klimaziele innert nĂŒtzlicher Frist zu erreichen. Grosse Teile der Bevölkerung scheinen die auf uns zurollende Klimakatastrophe zu verdrĂ€ngen oder fĂŒhlen sich nicht wirklich davon betroffen. Dass die Gletscherschmelze in einem derartigen Tempo vor sich geht, haben alle unterschĂ€tzt. Somalia hat mittlerweile aufgrund der Trockenheit ganz viele FlĂ€chen zum Anbau von Getreide verloren, obwohl das Land einmal Selbstversorger war. Und der Kahlschlag lebenswichtiger WĂ€lder wie in Brasilien schreitet voran.»

Jeder kann einen Beitrag leisten
Um dieser Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, will der Verein deutlich sichtbar darauf aufmerksam machen, dass jeder und jede Einzelne sein Verhalten verĂ€ndern kann. Max KlĂ€y, ehemals Forstingenieur, isst nur noch selten Fleisch, fĂ€hrt nur mehr wenig mit dem Auto, wie er sagt, und hat in seinem Einfamilienhaus eine Holzheizung und eine Solaranlage eingebaut. Den Flieger nutzt er schon seit Jahren nicht mehr, wenn er in die Ferien reist, selbst wenn es ihn manchmal gelĂŒstet, weiter weg zu fliegen. «Die Vorstellung, dass wir unseren Grosskindern eine desolate Welt hinterlassen, stimmt mich tieftraurig. Und sie lĂ€sst uns engagierten Widerstand leisten.»

Die Klima-Grosseltern wollen nun regelmĂ€ssig Klima- SpaziergĂ€nge durchfĂŒhren. Diese sollen zur Sensibilisierung fĂŒr die Klimaabstimmung im nĂ€chsten Jahr dienen, wenn die Schweizer Bevölkerung ĂŒber den indirekten Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative abstimmen wird. Zudem weitet man die SpaziergĂ€nge auch auf die Stadt Zug aus, der «Hochburg der klimafeindlichen Unternehmen», wie sie Max KlĂ€y nennt. Gerade dort will man Aufmerksamkeit generieren. Steter Tropfen höhlt den Stein, ist die Devise der Klima-Grosseltern.

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online

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