News aus dem Kanton St. Gallen

«Ich bin neugierig auf Menschen»

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10.06.2021
Ruedi Josuran ist einer der beliebtesten Moderatoren der Schweiz. Er verrät, was er selber aus den Lebensgeschichten seiner Gesprächspartner lernt und wie wichtig Gott in der Krise ist.

Ruedi Josuran, Sie haben unz├Ąhlige Menschen interviewt. Warum interessieren Sie sich f├╝r deren Leben?
Ich bin neugierig auf Menschen, ihre Biografien und will wissen, was sie erlebt haben und warum sie dies tun. Diese Neugier hat mich seit jeher angetrieben.

Haben Sie etwas aus den Lebensgeschichten gelernt?
Sehr viel. Ich konnte mich durch sie st├Ąndig weiterbilden. Vor allem habe ich gelernt, dass jeder Mensch anders und einzigartig ist, selbst in Krisensituationen. Jeder hat seinen eigenen Stempel, der ihn in seinem Leben pr├Ągt. Jemand sagte einmal, jeder Mensch sei ein Fingerabdruck von Gott. Man sollte dies ernst nehmen.

Oftmals haben Ihre Interviewpartner einen Schicksalsschlag erlebt. Ist ein Neuanfang immer m├Âglich?
Ja. Manchmal fehlt einem dazu der Glaube oder die Hoffnung. Ich glaube, dass im Ende ein Neuanfang steckt und gewisse Angelegenheiten beendet werden m├╝ssen, bevor ein Neuanfang m├Âglich wird. Um neu zu beginnen, ist es wichtig, dass man jemand zur Seite hat, der einem Hoffnung macht und der mit einem die n├Ąchsten Schritte geht. Das Schlimmste ist, wenn man solche Prozesse alleine machen muss.

Sie selber haben Schicksalsschl├Ąge wie Burn-out und Krankheiten erlitten. Was hat Ihnen geholfen?
F├╝r mich waren zwei Ebenen wichtig: erstens die Frage: Wo kann ich mir in dieser Situation Unterst├╝tzung holen? Wer k├Ânnte mich da ein St├╝ck weit begleiten, gerade wenn ich unsicher bin und nicht weiterweiss? Die andere Frage lautet: Welche Schritte kann ich selber machen? Was kann ich dazu beitragen, dass es mir besser geht? Wir brauchen beides: das Wissen, was wir selbst als N├Ąchstes machen und wo wir uns Unterst├╝tzung holen k├Ânnen.

Wartet man zu lange, bevor man in der Krise nach Hilfe sucht?
Ja, gerade bei psychischen und seelischen Leiden. Man sch├Ąmt sich und f├╝hlt sich schuldig f├╝r etwas, wof├╝r man sich nicht sch├Ąmen m├╝sste. Statt sich zu ├Âffnen und zu sagen: ┬źIch brauche Unterst├╝tzung!┬╗, koppelt man sich ab und zieht sich zur├╝ck. So verliert man viel zu viel Zeit. Es w├Ąre gut, man w├╝rde fr├╝her in den Prozess eingreifen.

Wie wichtig ist Gott in der Krise?
Gott ist als personales Gegen├╝ber ganz entscheidend. In den dunklen Zeiten ist es wichtig, dass ich mit Gott sprechen und ihm sagen kann: ┬źHilf mir!┬╗, selbst wenn er mir nicht direkt antwortet. Ich kann nicht erwarten, dass es nach meinen Vorstellungen ein Happy End gibt. Manchmal m├╝ssen wir Schwieriges aushalten. Da ist Gott ein echtes Gegen├╝ber, vor dem ich alles, was mir passiert, sein darf, ohne mich zu sch├Ąmen. ┬źAlles wirkliche Leben ist Begegnung┬╗, hat der j├╝dische Religionsphilosoph Martin Buber dazu gesagt. Gott ist f├╝r mich die Quelle des Lebens, die Begegnung mit Menschen und Gott, und kein religi├Âses System.

Besteht nicht die Gefahr, dass man in einer Krise versucht, Gott zu missbrauchen?
Ja, es bereitet mir M├╝he, wenn man Gott als Automaten oder etwas Mechanisches betrachtet und ihn so missbraucht. Gott ist keine Methode, die man aktivieren kann, und dann funktioniert alles. Und wenn es nicht geschieht, erkl├Ąrt man: ┬źDu bist selber schuld, denn du hast zu wenig Glauben und Vertrauen.┬╗

Was war f├╝r Sie das ├╝berraschendste Interview?
Das kann ich nicht an einer Person festmachen, sondern an Momenten, die weder vorgesehen noch geplant waren oder im Drehbuch standen. Sie geschehen unerwartet und ├╝berraschend. Ich suche solche Augenblicke, in denen Menschen aus ihrer Rolle heraustreten, aus ihrer Rhetorik, ihren Slogans und ihren vorgefertigten S├Ątzen, und sich auf ein unsicheres Terrain begeben. Und dann geschieht pl├Âtzlich etwas Echtes.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

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