News aus dem Kanton St. Gallen

«Ich könnte nicht eine Woche isoliert leben»

von Wolfgang Holz/kath.ch
min
19.05.2023
Noch bis Anfang Juni verbringen drei Inklusen jeweils eine Woche in der Wiborada-Zelle an der St. Mangen-Kirche in St. Gallen. Am offenen Fenster halten sie zweimal täglich Kontakt mit Besuchenden. Welche Anliegen und Bitten werden vorgebracht? Eine Stippvisite.

Die Turmuhr von St. Mangen schl├Ągt gerade zweimal. 12.30 Uhr. Es geht ein feiner Nieselregen nieder. Inkluse Christian Kind, der dritte Einsiedler, der sich in diesem Fr├╝hling von der ├ľffentlichkeit eine Woche lang zur├╝ckgezogen hat, sitzt am Tisch in seiner Klause und trinkt gem├╝tlich eine Tasse Tee. Der 73-J├Ąhrige ist bereit, sein Fenster f├╝r Besuchende eine Stunde lang zu ├Âffnen. Der pensionierte Kinderarzt ist guter Dinge. Aber noch ist niemand gekommen. ┬źInterviews darf ich keine geben┬╗, winkt er ab.

W├Ąhrend es vor der Klause hinter der Kirche St. Mangen noch einsamer ist als in der angebauten Wiborada-Holzzelle, herrscht rings um die Kirche buntes Treiben.

Kein Wunder. Es ist Mittagszeit. Berufssch├╝lerinnen und Berufssch├╝ler der gegen├╝berliegenden Gewerbeschule in der Kirchgasse stellen sich unter zwei Portale der Kirche ins Trockene und geniessen ihre Pause. Zwei junge M├Ąnner ziehen sich in einen Alfa Romeo auf dem Parkplatz vor der Schule zur├╝ck, nachdem sie mit ihren Kollegen ein bisschen Marihuana im geraucht haben ÔÇô eine Inklusion der anderen Art.

Ich bewundere Leute, die so etwas machen.

┬źIch finde die Sache mit der Wiborada-Zelle ganz interessant┬╗, sagt Lea Kindle. Der Berufssch├╝lerin aus dem liechtensteinischen Triesen gef├Ąllt dieser spirituell-religi├Âse Event, ┬źweil dieser nicht so rein auf die Bibel ausgelegt ist┬╗. Ob sie sich denn auch vorstellen k├Ânnte, eine Woche ganz abgeschieden von der Welt zu leben? ┬źEine ganze Woche?! Das w├Ąre vielleicht schon mal interessant. Da erf├Ąhrt man sicher eine Menge ├╝ber sich.┬╗┬á

Ein 28-J├Ąhriger, der im Park neben der Kirche auf einer Bank sitzt und ein asiatisches Reisgericht isst, findet es ┬źsehr spannend, dass es solche Angebote gibt. Ich bin nicht wirklich religi├Âs, aber ich bewundere solche Leute, die sich zur Meditation zur├╝ckziehen ÔÇô weg vom Konsum und in die Stille hinein.┬╗ Er ist sich aber sicher, dass ihm selbst solch ein totaler R├╝ckzug nicht guttun w├╝rde. ┬źSo ganz allein in einem kleinen Raum? Da w├╝rde ich lieber allein durch die Natur spazieren.┬╗

Da erfährt man sicher eine Menge über sich.

┬źWiboradazelle hat schon Tradition┬╗
Apropos spazieren. Im Park f├╝hrt Myriam gerade ihren Hund spazieren. Die Franz├Âsin aus Lyon, die seit einiger Zeit in St. Gallen lebt, ist begeistert von der Wiborada-Zelle. ┬źIch glaube an Gott, und ich k├Ânnte mir als Yoga-Lehrerin durchaus vorstellen, dass ich mich durch so einen Aufenthalt in der Klause weiterentwickeln k├Ânnte.┬╗ Die Wiborada-Zelle sei ja in St. Gallen schon Tradition und werde jedes Jahr richtiggehend erwartet von der Bev├Âlkerung.

Vor der Wiborada-Zelle herrscht immer derweil noch ┬źtote Hose┬╗. Sprich: Besuchsflaute. Vielleicht liegt's am Montag. Vielleicht an der nasskalten Witterung. Aber halt, da reicht eine Frau dem Inklusen einen Becher Kaffee durchs Fenster und fragt ihn, wie es ihm geht.

Ganz ohne Termine und Smartphone
┬źIch verbrachte selbst letztes Jahr eine Woche lang in der Zelle┬╗, sagt Kathrin Bolt. Die 42-j├Ąhrige Pfarrerin von der reformierten Pfarrei Laurenzen hat diese Zeit vor einem Jahr als fantastisch, ja als tief pr├Ągendes Erlebnis in Erinnerung. ┬źMal ganz ohne Termine und ganz ohne Smartphone eine Woche f├╝r mich haben zu k├Ânnen, hat bei mir eine Sehnsucht ausgel├Âst, so etwas ├Âfters erleben zu wollen.┬╗

Man habe pl├Âtzlich so viel Zeit f├╝r alles. ┬źF├╝rs Gebet, f├╝r Spiritualit├Ąt ÔÇô f├╝r Zeit, um in sich hineinzuh├Âren ┬ź, erkl├Ąrt sie. Sie habe auch nachts hervorragend geschlafen w├Ąhrend dieser Woche.

Dabei sei es ihm Vorfeld f├╝r sie und ihre Familie nicht einfach gewesen. Vor allem musste sie ihren zwei kleinen T├Âchtern klarmachen, warum die Mami jetzt einfach eine Woche weg sei. ┬źSie haben mich nat├╝rlich anfangs sehr vermisst, dann am Fenster oft besucht┬╗, sagt Bolt.

W├╝nschten sich einen Freund oder eine Freundin
Ber├╝hrend seien f├╝r die Pfarrerin die Bitten und Anliegen von Besuchenden am offenen Fenster gewesen, so Bolt. ┬źEin Vater erz├Ąhlte mir ├╝ber die Depression seiner Tochter. Kantisch├╝lerinnen und -sch├╝ler vertrauten mir per anonymer Zettel beispielsweise an, dass sie sich einen Freund oder eine Freundin w├╝nschten.┬╗

Tempi passati. Aktuell ist noch immer niemand vor dem offenen Fenster erschienen. Inzwischen ist es schon zehn nach eins. Ob da wirklich noch jemand kommt? Pl├Âtzlich steht der gross gewachsene Jonas mit seiner Freundin vor dem offenen Fenster. Den 28-j├Ąhrigen, den man an seinem sympathischen Akzent sofort als geb├╝rtigen Oberbayern erkennt, hat die pers├Ânliche Neugier vors offene Fenster gelockt.

Aus der Kirche ausgetreten
┬źIch habe mit Religion eigentlich nicht so viel am Hut┬╗, r├Ąumt er ein. Er sei vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil er wie seine r├Âmisch-katholischen Eltern ┬źnie so den Bezug zur Kirche┬╗ habe herstellen k├Ânnen.

Von der Wiborada-Zelle hat der studierte Betriebswirt aus dem Fernsehen erfahren. ┬źIch bewundere Leute, die so etwas machen. F├╝r mich w├Ąre das wohl nichts, weil f├╝r mich im heutigen Zeitalter von Internet und Social Media die Entbehrungen zu gross w├Ąren. Eine ganze Woche ist schon lang┬╗, ist er ├╝berzeugt.

Im Gespr├Ąch mit Christian Kind, dem dritten Inklusen im Bunde, erfahren die beiden dann einiges ├╝ber die Einrichtung der Klause. ┬źDa gibt es ja keine Dusche, und auch kein Wasserklo┬╗, sagt Jonas erstaunt.

Seine Freundin und er erhalten einige Informationen ├╝ber das Leben der Heiligen Wiborada. Am Schluss des Gespr├Ąchs schneidet ihnen der 73-J├Ąhrige sogar noch eine Scheibe Brot in seiner Zelle ab ÔÇô so wie es die Heilige Wiborada im Mittelalter in ihrer Klause auch gemacht hatte.

Eine andere Hausnummer

┬źDie Heilige Wiborada war ja zehn Jahre in ihre Zelle lang eingemauert┬╗, findet Jonas fasziniert. ┬źWenn man diese Zeitspanne mit der einen Woche vergleicht, welche die Inklusen in ihrer Zelle heute verbringen, ist das nat├╝rlich heutzutage eine andere Hausnummer.┬╗

Danach wirdÔÇÖs noch kurz richtig lebendig. Christian Kind h├Ąlt sein Fenster l├Ąnger offen als offiziell festgelegt. Ein befreundeter Nachbar von nebenan hat seinen Bekannten mitgebracht, um ihm die Wiborada-Zelle zu zeigen. ┬źIch finde diese Wiborada-Zelle gut f├╝r St. Gallen. Das bringt Publicity.┬╗

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